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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-04-30 · Heft 18 (30.4.1867) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 18 (30.4.1867)
Date
1867-04-30
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
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356 Luß den Schriften, aus welchen er Stellen anführt, seine und des Prof. Delitzsch Widerlegung hätte schöpfen müssen, so mußte diese dem allgemeinen Leserkreise der „Baltischen Monatsschrift" um so mehr gegeben werden. Der Redakteur, dem wir für den Abdruck dieser Entgegnung nur dankbar sein müssen, sah sich aber von seinem Standpunkte aus veranlaßt, Herrn Pucher's Darstellung einige Anmerkungen anzuheften, und diese sind es, die wir nicht unberücksichtigt lassen können. Sie zeigen nämlich, daß der Redakteur ebenso gegen das Christenthum wie gegen das Judenthum Front macht; er bekennt sich zwar nicht geradezu zu dem Spinozismus, ruft diesen aber wiederholt an. Wir haben also hier die gewöhnliche Erscheinung, daß die beiden Extreme sich wie von selbst gegen das Judenthum verbinden- Es versteht sich von selbst, daß daher der Redakteur der B. M. nicht Gegner der Emanzipation, wohl aber des Judenthums ist. Doch wir wollen, soweit es nöthig ist, seinen Anmerkungen folgen. Pucher hatte bei den Gegensätzen, die sich in neuerer Zeit zwischen den stabilen und den reformistischen Juden herausgestellt, die Toleranz im Judenthume gerühmt, da diese von Herrn Müller so scharf betonte „Reform im Judenthume kaum durch die Schmerzen des Werdens, durch die Geburtswehen des Entstehens und durch das erbärmliche Gekreische der s. g. Neuorthodoxen sich kundgegeben" und verglich damit die zahllosen blutigen Opfer, welche die christliche Reformation anderthalb Jahrhunderte hindurch gekostet hat. Der Redakteur macht die Bemerkung hierzu, daß die Juden als Minderheit in den christlichen Staaten keine Kriege hätten unter einander führen können und die Polizei ihnen nicht einmal gestatten würde, sich blutige Köpfe zu schlagen. Soweit hat er allerdings Recht. Aber er will von der Toleranz im Judenthume überhaupt nichts wissen, das in früheren Jahrhunderten auch von Bann und Verfolgung gewußt, wie Uriel Acosta und Spinoza beweisen. Er nimmt es dem Herrn Pucher sehr übel, daß er die Toleranz auf Rechnung des Judenthums setzt. Herr Pucher hätte allerdings seine Ansicht mehr belegen sollen. Thun wir es für ihn. Bei der tiefgehenden Umgestaltung im Judenthume, die nicht bloß in Lehrsätzen, sondern in allen Akten der Lebensweise besteht, hätte man die Bildung getrennter Sekten, eine Absonderung in verschiedenen Gemeinden, eine, alle religiösen, Schul- und Wohlthätigkeitsanstalten zerreißende Spaltung, dann eine gegenseitige Anfeindung in allen Lebensbeziehungen, eine Feindseligkeit bis in das Familienleben hinein voraussetzen müssen; wer die Sektengeschichte im Christenthum und Islam bis auf die Gegenwart kennt, dem wären solche Erscheinungen auch im Judenthume nicht auffällig gewesen. Sie hätten sich trotz Polizei und Slaatsgesetz äußern können. Aber nichts davon ist zu Tage getreten. An den wenigen Orten, wo die Reform sich besondere gottesdienstliche Stätten errichtet hat, werden diese sogar weist von der Muttergemeinde subventionirt; einige Gemeinden salariren friedlich beide Richtungen zugleich, erhallen die Anstalten nach beiden Richtungen hin. In allen anderen Bedürfnissen außer dein cultuellen ist nirgends eine Trennung vorgekommen. Dies ist Beweis genug. Aber auch die früheren Jahrhunderte sind reich daran. Wenn der Redacteur der B. M. z. B. die Geschichte der Schulen, Hillel und Schammai kennen, wenn er von der Friedfertigkeit wissen würde, die selbst zwischen Pharisäern und Sadducäern so lange herrschte, bis diese beiden zu politischen Parteien wurden, wenn er etwas von den Kämpfen lesen möchte, die nach dem Tode des Maimonides zwischen den religions-philiosophischen und den alle Philosophie zurückweisenden Juden stattfanden, wenn er die Art und Weise betrachtete, in welcher alle Versuche der Orthodoxie seit Mendelssohns Pentateuchübersetzung bei der Masse wirkungslos geblieben, so müßte er zugeben, daß die Toleranz im Judenthmne eine bleibende Stätte gehabt, und also zum Character desselben gehört. Einzelne, wenige Vorgänge können nichts dagegen beweisen, so schwer sie auch als Einzelfälle wiegen. Die Juden haben zu Zeiten auch Manches von Anderen abgesehen. Acosta und Spinoza gehören einer Zeit und einem Orte an. Die städtische Behörde war es, welche den Klagen der portugiesischen Gemeinde in Amsterdam Gehör und Nachdruck gab. Auch die Gemeinden zu Livorno und Venedig besaßen dieselbe Strafgewalt vom Staate, gingen aber niemals in solcher Weise vor.*) Einen Hauptschlag glaubt aber der Redakteur der „B. M." auf das neuere Judenthum auszuführen, indem er einerseits dieses für Nichts als den protestantischen *) Ohne auch nur im Entferntesten jene Gemeinde zu Amsterdam entschuldigen zu wollen, muß man doch ihr eigentümliches Verhältniß berücksichtigen, daß sie eine Menge von zum Judenthume zurückkehrenden flüchtigen Neuchristen (Marranen) aufzunehmen hatte, von denen dann einige im Schoße der Gemeinde als Gegner des Judenthums austraten.

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