Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1867)
- Date
- 1867-04-23
- Page
- Seite 338 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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und richteten sich in einer Schlafstube ein besonderes Betlokal ein, wodurch sie bei der Geringzähligkeit der Gemeinde dem Gottesdienste in der Synagoge Abbruch thaten. Dieses Verfahren wurde von der königlichen Regierung untersagt, und was thaten die „Orthodoxen?" Sie meldeten sich bei dem Gerichte zum — Austritt aus dem Judenthume und zum Anschluß an die „freie Gemeinde" zu Stettin — mit der ausgesprochenen Absicht, sich alsbald einen Chasan zu nehmen und sich als orthodox-jüdische Leute zu geriren. Sie hoffen sogar daß ihr Beispiel Nachahmung finden werde. Die Gemeinde hat sich zu einem Compromiß erboten, und will einigen der Forderungen dieser Minorität nachgeben. Aber dies half zu Nichts. Die kleine Zahl will die ganze Gemeinde beherrschen und Alles allein nach ihrem Willen führen. Kann man sich ein unjüdischeres, unreligiöseres Verfahren denken? Der alte orthodoxe Grundsatz „Wer sich von der Gemeinde ausschlicßt, leugnet die Grundwahrheiten der Religion" besteht für diese Leute nicht. Sie erklären öffentlich den Austritt aus dem Judenthume! Sie schließen sich also eigentlich aus dem Stamme Israel, aus dem Bunde Abrahams aus, trennen sich in Gottesdienst, Unterricht, Begräbniß, Chcbra u. s. w. von ihren Glaubensbrüdern. Denn mit dem Eintritt in die „freie Gemeinde" entsagen sie diesem Allen, verleugnen sie den Gott, den ihre Väter bekannten, thun dies wenigstens äußerlich, und wenn sie es innerlich nicht thun, so haben sie doch vor der Welt ein solches Zeugniß abgelegt, denn sie bekennen sich zu einer religiösen Genossenschaft, welche jenes Alles perhorrescirt! Und dies Alles aus persönlicher Rancune! Wir wollen über die s. g. „freie Gemeinde" nicht urtheilen, die solche Elemente in sich aufzunehmen bereit ist, sind aber überzeugt, daß die betreffenden Leute sich doch irren, wenn sie sich schmeicheln, Nachahmung zu finden. — Man sicht, daß hierin überall die Minorität die Majorität beherrschen und knechten will, daß gerade diejenigen, welche den Talnmd immer im Munde und Schilde führen, sich nicht scheuen, gegen den talmudischen Grundsatz: nunb 013*1 ■'-itis „sich nach der Mehrheit zu richten"*) zu handeln. *) Das 78. Gesetz in den Oin. Diese s. g. „Orthodoxen" sind also Sadducäer, welche nicht der Tradition, sondern dem Buchstaben der Schrift folgen: n:sri sbi nünb D'i“) i-iriN n:o:b 31 bx Pharisäer (aiffivns) sind sie nur darin, daß sie sich von der Gemeinde absondern (naLn zv «Nor! brr)! Corresp. Oesterrelchischer Kaiserstaat. Pest, im März. (Privatmitth.) Der Präses der hiesigen Gemeinde, Herr Jakob Lanyi, hat das „Budget der Pester isr. Religionsgemeinde für das Jahr 1867 sammt General-Bericht" im Druck erscheinen lassen, eine höchst erfreuliche Erscheinung. Das Budget zeigt in Cultus, Schulen und Wohlthätigkeit einen Bedarf von 95727 fl., was gegen das Vorjahr eine Vermehrung von 7412 fl. beträgt. Doch lassen wir statt in Einzelnheiten einzugehen einige Stellen des Berichtes selbst folgen. „Wir haben eine schwere, sehr schwere Zeit überstanden. Selten haben so viele Faktoren zusamnlen gewirkt, um Angst, Schrecken und Unheil zu verbreiten, wie solche das abgelaufene Jahr von seinem Beginne an im Gefolge hatte. — Frost, Mißrath — verheerender Krieg und die bösartigste Seuche haben einander abgelöst. — Gott sei Dank, wir haben es überstanden, und gehen, so Gott will, einer froheren und fteudigeren Zeit entgegen." gf Daß diese verhängnißvollen Ereignisse nicht ohne Einwirkung auch auf die Verwaltung unserer Gemeinde geblieben, braucht wohl nicht erst erörtert zu werden. Der Gemeinde-Ausschuß war sich seiner Pflicht bewußt, in dieser Zeit allgemeiner Roth, den Ansprüchen seiner schwerbedrängten armen Mitglieder, und der leidenden Menschheit überhaupt, nach seinen besten Kräften gerecht zu werden." „Verwundete k. k. Soldaten ohne Unterschied des Glaubens wurden in unserem Spitale ausgenommen, und durch volle 3 Monate unentgeldlich bestens gepflegt und geheilt; unsere Schullocalitäten wurden bereitwilligst der hohen k. k. Militärbehörde zur Garnisonirung von k. k. Soldaten durch fast zwei Monate eingeräumt. Den Nothleidenden und Hilfesuchenden wurden nach besten Kräften öftere Unterstützungen verabfolgt, während der Cholera waren in- und außerhalb des Spitals die sorgsamsten Vorkehrungen zur Hilfeleistung für Arme und Kranke getroffen, eine große Anzahl von Aerzten aufgeboten, Medicamente und sonstige Hilfsmittel verabreicht, eine Suppenvertheilung für Hunderte von Armen veranstaltet, und endlich eine große Anzahl ganz verlassener Waisenkinder von hier verstorbenen Eltern unter Gemeinde- Pflege und Erziehung ausgenommen."