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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-04-23 · Heft 17 (23.4.1867) · p. Seite 334

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 17 (23.4.1867)
Date
1867-04-23
Page
Seite 334 (sequence 6)
Language
German
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334 Ungarn von einer Zeit zur anderen verschoben, er hat versprochen und vertröstet, aber noch niemals erfüllt. Der Vorgang in Debreczin 1849 kann als in exiremis geschehen und niemals rechtsgültig geworden, garnicht beachtet werden. Was thut man nun jetzt? Wir geben zu, daß es thöricht wäre, in dem Augenblicke, wo die Magyaren ihre nationale Selbständigkeit, ein Ministerium, eine Rechtscontinuität erhalten haben, wo sie das schwierige Werk über die „gemeinsamen Angelegenheiten" durchzuarbeiten und ihren König zu krönen haben, von ihnen ein Gesetz über die Aufhebung aller Rechtsbeschränkungen aus confessionellen Gründen zu verlangen. Wir Juden haben warten gelernt. Wohl aber konnte man verlangen, daß, da sie die Comitate und Munizipien zu restitniren, das alte Gesetz über diese aber nach den gegenwärtigen Verhältnissen zu modifizieren hatten, alsbald die Verneinung des Wahlrechts betreffs der Juden streichen sollten. Dazu bedurfte es keiner langen Debatte, keiner gesetzgeberischen Kunst, keiner mit großer Umsicht veranstalteten Wortveränderung des Gesetzes, mit einem kleinen Federstrich war Alles gethan; dem Rechte, ja dem einzigen vernünftigen Rechte war Genüge geschehen. Daß der ungarische Landtag dies nicht gethan, daß ein Antrag hierauf beseitigt wurde, war schon — eine That, die für den Gang dieser Angelegenheit entscheidend war, für die An- und Absichten des Landtages ein lautredendes Zeugniß abgab. Daß der Ministerpräsident Andrässy dem Pester Vorstande kühl und mit Bedenken entgegentrat, daß die Interpellation Tisza's von einem Eötvös bis heute unbeantwortet blieb, daß der offiziöse „Magyarorszüg" zu beweisen sucht, das jetzt in der Judenfrage nichts geschehen dürfe, weil der Reichstag die Regierung nicht auch noch mit legislatorischer Gewalt ausstatten und ihr zur Sicherung der Majorität nicht auch noch andere Mittel darbieten könne, als welche eine Regierung gesetzlich besitze — das sind Symptome, die allerdings zu traurigen Schlußfolgerungen berechtigen. Die „Debatte" ruft hierzu aus: „Also die Regierung will für die Juden nichts thun, damit diese nicht eventuell für sie stimmen. Welch' ein Wunder-Exemplar von einer Regierung!! Und die Majorität will nichts thun, damit sie nicht etwa gestärkt werde? Welch' seltsames Raisonnemeut!! Die Regierung kann ermächtigt werden, von hundert Dingen abzusehen, welche das Gesetz vorschreibt; die Nation kann gleichzeitig bindend erklären, daß sie auch ihrerseits von diesen hundert Dingen absehen werde, aber es ist lucht möglich bis zur definitiven legislatorischen Entscheidung auch davon abzusehen, daß das Gesetz den Juden zum politischen Paria macht! Der Apparat, welcher zur Erleichterung des Ueberganges heute angewendet wird, ist stark genug, um 48,000 Rekruten aus- und hundert Millionen Steuern einzuheben, aber er ist zu schwach, um von den Juden die politische Schmach zu nehmen! Es ist ja schon sehrschön von den hohen und mächtigen Herren, daß sie sich herablassen, den armen wehrlosen Juden gegenüber auf Ausreden zu sinnen und das blos wegen der Kleinigkeit, daß sie dieselben noch länger — wie lange kann man eben nicht wissen — politisch gebunden und geknebelt halten, während um sie herum der Jubel des befreiten Vaterlandes braust. Aber immerhin bleibt noch eine Gnade zur Krönung dieses Werkes der Herablassung nothwendig: die hohen und mächtigen Herren mögen von den armen Juden nicht verlangen, daß sie ihren Ausreden auch glauben!" Der Correspondent der „Debatte" fährt fort: „Es bleibt eben ein Räthsel, wie es kommt, daß die aus der liberalen Partei hervorgegangene Regierung in der Judenfrage eine solche Haltung annimmt. Man raunt sich hier eine Lösung ins Ohr, die drollig genug ist, die ich Ihnen aber in Ermanglung einer besseren mittheilen will. Man hat bestimmt, daß Hr. v. Szentkirälyi Bürgermeister von Pest werde. Nun aber ist Herr v. Szentkir-ilyi ein Feind der Juden und seine Wahl wäre nichts weniger als gesichert gewesen, wenn man den Juden heute schon den Zutritt zur Wahlurne eröffnet hätte. So müssen also die Juden auf ihre Emanzipation warten, nicht weil der König noch nicht gekrönt, sondern weil Herr v. Szentkirülyi noch nicht Bürgermeister von Pest ist!" Hierzu bemerkt die Redaction: „Das ist in der That höchst drollig, und solche „Lösungen" können eben nur da auftauchen, wo man einen vernünftigen Grund nicht zu finden vermag." Nun, wir haben keine Gewalt der Gewalt des Unrechts, dem Mißbrauch der Gewalt entgegenzustellen. Wir machen nur die Andrnssy's, Deäk's, Eötvös' verantwortlich vor Europa, vor der Geschichte, vor der wahren Religiösität und Humanität. Und in dieser Verantwortlichkeit liegt eine Gewalt, die zu mißachten jene Männer wohl nicht gelernt haben. Sie haben sich zu rechtfertigen vor dem Vorwurfe nationaler und confessioneller Beschränktheit, nationalen und confessionellen Eigennutzes, der, unter den obwaltenden Verhältnissen wenig-

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