Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1867)
- Date
- 1867-04-23
- Page
- Seite 332 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Thatsache, daß aller wahrhaft religiöse und sittliche Erwerb der Menschheit sich an die Offenbarung an Israel knüpft. Als Gipfel der Feindschaft betrachtet er unsre einfachen Worte in dieser Zeitung (1865 Nr. 36): „es ist bei uns Juden eine durchaus gewöhnliche Ansicht, daß wir den Uebertritt eines Juden zum Christenthum aus wirklicher Ueberzeugnng nicht zu begreifen vermögen." Nun, hierin liegt wiederum der ganze Zweck des Herrn Müller. Er bekämpft weder uns noch Geiger, er widerlegt uns nicht, er gebraucht uns nur als Zeugen, daß die modernen Juden keine Christen und weit entfernt sind, solche zu werden. Hierin erblicken wir durchaus nichts Feindseliges, nichts was uns zu bekämpfen und zu widerlegen bliebe; wir gestehen vielmehr Herrn M., daß wir ganz seiner Meinung sind. Ist dies aber der Fall, warum will er uns durchaus feindliche und offensive Motive unterschieben? Sein drittes Kapitel betitelt Herr M.: „Die Stellung des modernen Israel zur modernen Civilisation." Unter dieser Ueberschrift wird man eine Prüfung der Stellung erwarten, welche die Juden innerhalb der modernen Kultur in politischer und bürgerlicher, in industrieller und wissenschaftlicher Beziehung eingenommen haben. Aber nichts von allem diesem. Er thut nichts als einige Stellen aus unsren Schriften herauszureißeu und aneinander zu reihen, in welchen wir erwiesen haben, daß die Prinzipien, welche die moderne Gesellschaft zu verwiklichen anstrebt, im Mosaismus verkündet und in allgemeinen wie speziellen Gesetzen ausgedrückt worden, wie unsre Schlußfolgerung, daß alle die Erscheinungen in der bisherigen Geschichte, welche diesen Consequenzen der religiösen Idee widersprachen, heidnischer Natur seien. Herr M. thut dies freilich in so aphoristischer Weise, daß, da er jede Einleitung, Aus- und Beweisführung wegläßt, die Leser sie kaum verstehen, noch weniger als begründet ansehen können. Es ist dies ein Gegenstand, den wir so oft und von mannichfachen Seiten aus besprochen haben, daß wir wohl wünschten, unsre Anschauungen von einer gründlichen und unparteiischen Kritik beurtheilt zu sehen. Wir scheuen eine solche nicht, selbst wenn ihr Resultat nicht mit uns übereinstimmte. Denn nur aus vielseitiger Prüfung kann die Wahrheit hervorgehen. Jedenfalls würde sie aber anerkennen müssen, daß unsre Ansichten, und wenn man sie auch als einseitig bezeichnen würde, doch auf der Höhe der modernen Kultur stehen und das Bestreben bekunden, die große jüdische Geisteskultur, die Jahrtausende hindurch bestanden hat, mit der allgemeinen Kultur des Menschengeschlechtes im innersten Zusammenhänge zu begreifen. Dies Alles versucht nun Herr M. auch nicht im Entferntesten. Er weiß weiter nichts als eine kurze Stelle aus einer Schrift des Professors Delitzsch zu eitiren, welche in oberflächlichster Weise dem Judenthume, auch der h. Schrift Vorwürfe zuschleudert, wobei in der That der gelehrte Theologe es sich sehr leicht gemacht und wirklich nur Ignoranten im Auge gehabt haben kann. Diese Herren glauben uns widerlegt zu haben, wenn sie der Welt einzubilden suchen, die neueren jüdischen Theologen hätten, wenn sie die Mission des Judeuthums innerhalb der Entwickelung des Menschengeschlechtes besprechen, das spezifische Judenthum, ja selbst das spezifische mosaische Gesetz im Auge in den Normen, welche jene innerhalb der einzelnen Epochen und des nationalen Lebens angenommen, während, wie man sich von jedem Blatte unsrer Schriften überzeugen kann, wir stets nur von den Prinzipien handeln, die in jenen zum Ausspruch und zum Ausdruck kamen. Wir werden auf diese Stelle des Prof. Delitzsch einmal besonders eingehen. Dies ist der erste Artikel des Herrn Pastor Müller. Wir würden ihn durchaus für harmlos halten, wenn er blos darauf ausgegangen wäre, die geistigen Bewegungen im modernen Judenthum und sei es noch so einseitig und oberflächlich zu charakterisiren. Sein Resultat ist, wie gesagt, so einfach, daß sich gar nichts dagegen sagen läßt, nemlich daß wir Juden keine Christen seien. Der faule Fleck bei ihm ist nur, daß er hiermit die Befreiung der Juden von den drückendsten Ausnahmegesetzen identifizirt. Er stellt die Behauptung auf, die Emanzipationsfrage fei lediglich eine religiöse, während Jedermann sie für eine politische hält, und weil die Juden keine Christen seien, dürfen sie nicht emanzipirt werden. Dies ist nun eine so schiefe Ansicht, daß wir ruhig daran Vorbeigehen könnten. Allein in einen: Lande, wie Kurland, wo die geringste Erleichterung, die man den Juden von schwerem Druck angedeihen lassen will, auf zahllose Gegner stoßt, ist jede Argumentation und wäre sie auch noch so absurd, diesen Gegnern willkommen und wird mit Begierde ergriffen und gehandhabt. An diesen Aufsatz reihten sich nun Erwiederung und Replik an, und diesen müssen wir noch einen Artikel widmen.