Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1867)
- Date
- 1867-04-23
- Page
- Seite 331 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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331 daß das Messiasreich noch nicht gekommen ist, auch nicht mit dem Christenthume, sondern noch lange Zeiten vor sich habe,'bevor es eintreten werde. Also, der ganze Schmerz und Kummer des Herrn M. dreht sich darum, daß die „Reformjuden" unmöglich für das Christenthum gewonnen werden können, was bei den orthodoxen Juden doch noch möglich sei. Bei jenen nämlich vermögen die Missionaire mit ihren Auslegungen der messianischen Stellen der h. Schrift garnichts auszurichten, während sie vermeinen, bei den orthodoxen Juden anknüpfen zu können — obschvn die tägliche Erfahrung sie auch hierin von der Eitelkeit ihrer Hoffnungen überzeugen müßte. Allein dies ist dem Herrn Müller doch nur die erste Stufe für die völlige Trennung des modernen Judenthumes vom Christenthume. Er überläßt daher von hier aus die jüdische Orthodoxie sich selbst, und beschäftigt sich nur mit dem „modernen Judenthume." Sein zweites Kapitel ist überschrieben: „Das Berhältniß des modernen Judenthums zum Christenthume." Es ist bemerkenswerth, daß Herr M., der freilich hierin seine gegenwärtigen Standesgenossen, vielleicht mit einigen Ausnahmen, die uns aber unbekannt geblieben, repräsentirt, dieses Berhältniß des Judenthums zum Christenthmne in unserer Zeit nur als ein feindseliges, als einen gegenseitigen Kampf auf Leben und Tod auffaßt, oder doch den Lesern insinuirt. Daß ein gegenseitiges Aufeinanderwirkeu, sogar ein gegenseitiges Stützen, namentlich in den Momenten, worin sie beide, trotz großer und tiefgehender Differenzen als positive Religionen übereinstimmen, und selbst nach unserer, von Herrn M. so gehässig verstandenen Ansicht, daß das Christenthüm eine Tochter des Judenthums sei, übereinstimmen müssen, over doch wenigstens, daß beide, Judenthum und Christenthum, ihren Entwickelungsgang neben einander gehen können, davon hat Herr M., und haben mit ihm seine Amtsgenossen keine Ahnung. Es ist nur gut, daß die Wirklichkeit und die Geschichte von diesen Männern nicht gemacht werden. Es ist ebenfalls nicht zu übersehen, daß diese Herren jede Regung im Judenthume, jedes Streben im Judenthume, seiner selbst bewußt zu werden, sich über seinen Inhalt, seine Geschichte, sein Berhältniß zu den anderen welthistorischen Erscheinungen klar zu machen, als einen Akt der Offensive gegen das Christenthum ansehen und behandeln. Man sollte glauben, daß wenigstens diese Herren von den Vorzügen ihrer Religion so durchaus überzeugt, so vollständig durchdrungen wären, daß sie ein Ringen nach Klarheit im Judenthume mit günstigen Augen ansehen müßten, weil sie von ihrem Standpunkte aus als nothwendige Folge zu erachten hätten, daß die Vorzüge ihrer Religion nur um so erkennbarer hervortreten müßten. Aber ihr Verfahren zeugt vom Gegentheil. Sie selbst müssen so feindlich gegen das Judenthum gesinnt sein, daß sie jeden Schritt des letzteren als eine Feindseligkeit gegen ihre Religion ansehen; und ihre eignen Schwächen müssen ihnen gegen ihren Willen so fühlbar sein, daß sie von jeder Eigenschaft, wenn sie das Judenthum an sich herausstellt, unangenehm betroffen, von jedem Rostfleck, den das Judenthum von seinem Schilde abreibt, einem Rostfleck, den entweder die Zeit oder die Feinde ihm angeheftet haben sich verletzt fühlen. Beides weisen wir mit Entschiedenheit zurück. Wenn wir den Inhalt des Judenthurns durchzuarbeiten, und wenn wir dasselbe gegen alte und neue Vorwürfe und Beschimpfungen, die zu wiederholen man nicht müde wird, zu vertheidigen streben: so haben wir damit weder eine Offensive, noch überhaupt eine Feindseligkeit gegen das Christenthum im Sinne. Wir suchen und ringen nach der Wahrheit; wir gehen dabei von dem fast viertausendjährigen Boden des Judenthums aus; wir haben dabei natürlich aus der Jetztzeit heraus die Augen etwas offner und mit weiterem Gesichtskreise, als unsre unglücklichen bedrückten, ausgeschlossenen Väter vor Jahrhunderten — daß wir da die Dinge etwas anders ansehen als Herr M. und viele seiner Standesgenossen und insonders die Judenmissionaire aus ihren Compendien, Exegesen und Predigtheften, ist sehr natürlich. Begreifen dies unsre Gegner nicht, und schieben uns nur engherzige Motive unter, so zwingen sie uns zu der Annahme, daß sie selbst keine anderen kennen und hegen. Nein, wir bilden keine Bekehrungsgesellschaften, um Christen zu Juden zu machen, wir sind keine Glieder einer eeelesiu miliians; unser Feld ist die Durchforschung des religiösen Gebietes; schreibt man uns ‘ Waffen zu, so sind es nur solche, die wir zur Bertheidiguug führen. Herr Müller wendet sich nun zuerst zu unserer bekannten Broschüre über die Kreuzigung und skizzirt dieselbe, freilich nicht in sehr genügender Weise. Dann wendet er sich zu Geigers Sendschreiben an Dr. Holtzmann und setzt auseinander, daß Geiger in Jesu nicht einmal das Menschenideal zugestehen, und dessen Aussprüche in der talmudischen Literatur in reicherem Maße vorhanden finden will, und zuletzt wieder zu uns und unsren Behauptungen, daß es eine unzweifelhafte 17*