Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1867)
- Date
- 1867-04-23
- Page
- Seite 330 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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330 sehr leicht, im Verlaufe zu behaupten, bald daß wir die Schale mit dem Kern, bald den Kern mit der Schale verwechselt. Die Behauptung und ihre Nutzanwendung ist aber nicht kernig, sondern schal. Die Unterscheidung zwischen Schale und Kern gehört in der That längst in die Rumpelkammer. Ein Jeder, der etwas mehr von der materiellen wie von der geistigen Natur kennt, weiß, daß jede Schale, d. h. jede Form, mit dem Kern, d. h. mit dem Wesen identisch ist, daß die Eigenthümlichkeit jedes Wesens auch seine Form bedingt, und daß jede Form nur aus der Eigenthümlichkeit des Wesens, herauswächst. Wo die Form geändert wird, muß auch das Wesen sich verändert haben, und wo dieses letztere sich ändert, kann es unmöglich dieselbe Form behalten, es muß dieselbe anders gestalten. Wir weisen daher die Unterscheidung und die an diese geknüpfte Kritik des Herrn M. als weder in unseren Worten begründet, noch überhaupt zutreffend, ganz von uns ab, und überlassen sie dem Herrn M. selbst. Den Unterschied zwischen uns und den „Orthodoxen" findet er nun darin, daß diese die Autorität und Bestimmungen der Talmudisten durchaus auch inmitten der Civilisation und Emanzipation festhalten wollen, giebt aber zu, daß ihnen dies nicht gelingt, da sie „nicht mehr im strengen Sinne des Wortes orthodox seien, sondern doch in manchen Beziehungen den Forderungen der Neuzeit haben gerecht werden müssen." Er sucht nun nach den einzelnen Differenzen zwischen Reformen und Orthodoxen. Hier bewährt sich der Meister, der sich dadurch kundgiebt, daß er — dem Bedeutenden aus dem Wege geht und dafür Kleinigkeiten zur Schau stellt. Er zeigt nämlich, daß beide Parteien in der Beurtheilung der Speisegesetze Hand in Hand gingen, was er durch beiderseitige Aeußerungen bei Gelegenheit der Trichinenkrankheit beweist, doch aber wieder nicht ganz und gar, denn bei Gelegenheit jener Denunziationen der beiden Rabbinen, die an der kaiserlichen Tafel zu Ofen gegessen haben sollten, habe die orthodoxe Partei sich schließlich darüber geärgert, daß diese Rabbinen dort Käse und Wein genossen, während ein „fulminanter Leitartikel" dieser Zeitung gegen die Denunzianten gedonnert habe. Man sieht hieraus, daß Herr M. seinen Lesern auch etwas Unterhaltung schaffen will. Statt die Ansichten über die Speisegesetze, wie sie z. B. in unserer Religionslehre lS. 33 ff.) dargestellt sind, zu studiren und zu kritisiren, bringt er gewissermaßen nur Anekdoten heran, und verschont seine Leser selbst mit der ernsten Nutzanwendung jener. Er hätte doch z. B. aus der zweiten Anekdote den Schluß ziehen können, daß die Orthodoxen die letzten Consequenzen der talmudischen Satzung bis zum „Käse" festhalten, während wir die tiefliegenden sittlichen Schäden zu bekämpfen und zu heilen suchen. Allein wir werden sehen, warum ihm dies nicht paßt. — Er versetzt sich nun auf das Gebiet des Cnltns, da seien die Neuerungen größer, aber er findet, daß auch diese, mehr oder weniger, bei der jüdischen Orthodoxie Eingang gewinnen. Also auch hier scheint ihm eigentlich keine Differenz vorzuliegen. Er macht nur den Vorwurf, daß der moderne jüdische Cultus die Würde und den Glanz als die Hauptsache ausehe, während er selbst die Predigt und Confirmation als die wesentlichen Neuerungen betrachtet, und ihnen aus guten Gründen sehr gram ist. Auch findet er eine gelegentliche Aeußerung in dieser Zeitung, daß man sich mit vierzehntägigen Predigten begnügen könne, sehr auffallend. Er hat Recht, denn die allwöchentlichen Predigten in seiner Kirche beweisen, daß man dadurch die Zuhörer nicht „mit geistigen Genüssen überhäuft." Wo liegt also dem Herrn M. die eigentliche Differenz zwischen beiden Parteien? Darin, daß auf der einen Seite die Messiaslehre als die messianische Zeit der allgemeinen Erkenntniß des einzig-einigen Gottes, der allgemeinen Herrschaft der Liebe und des Rechts gedeutet wird, während auf der anderen Seite „die einstige Ankunft eines persönlichen Messias aus dem Stamme Davids" festgebalten wird. Darin liegt dem Herrn M. der Mittelpunkt des ganzen Zwiespaltes. Daß er hierin die wirklichen Anschauungen der Juden durchaus nicht getroffen hat, weiß Jedermann. Warum aber bestehen ihm gar keine wesentlichen Differenzen zwischen Reformen und Orthodoxen außer diesem einen, auf das reale Judenthum garnicht influirenden, und selbst in dogmatischer Beziehung nur partiellen Differenzpunkt? Weil Herr M. schließt: „Mit dem Aufgeben des alten Messiasglaubens ist auch die letzte Brücke abgebrochen, welche etwa zum Christenthume hinüberführen könnte." Da haben wir den alten Missionair. Ihm ist der Eckstein oder die ganze Seele das Christenthums nur der Glaube an den persönlich erschienenen Messias, und erhofft, daß sich die Juden, die an einen persönlichen Messias glauben, doch einmal bewegen lassen, anzunehmen, daß dieser Messias nicht erscheinen wird, sondern erschienen ist, was für die Juden, welche an das Messiasreich glauben, unmöglich ist, da sie jeden Tag mit der Nase darauf gestoßen werden, und zwar sehr hart,