Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1867)
- Date
- 1867-04-16
- Page
- Seite 319 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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BIO Wort wiederholen: „Die vergangenen Zeiten waren besser als die jetzigen." Ich kenne mein Zeitalter, ich kenne seine Vorzüge und seine Fehler, und Gott verhüte, daß ich dasselbe anklagen solle, es habe nur Sinn für materielle Interessen! Hegen wir von unserer Generation eine bessere, eine richtigere Meinung. Sic hat freilich den Geist der Wissenschaft, den Geist der Forschung; sie analysirt, sie raisonnirt, aber sie glaubt, sie hofft, sie hat Verlangen nach Religion. Und wie soll man ihr antworten? Soll man den Bann auf die Wissenschaft schleudern, indem man den Geist erstickt? Nein, so spricht die Religion Jsrael's nicht. Sondern sie sagt: Arbeitet, untersucht alle Probleme, erwäget alle Fragen, die Religion hat nichts zu fürchten, vor nichts zurückzuschrecken. Alle Wahrheiten berühren sich und wenn die Religion eine Leuchte ist, so ist die Wissenschaft auch eine Leuchte, und diese beiden Flammen vereinigen sich zu einer einzigen und diese einzige Leuchte offenbart sich uns mehr oder weniger intensiv, mehr oder weniger lebendig, je nachdem sie ihr Licht von der einen oder der anderen entlehnt." — Was die religiösen Bräuche betrifft, so nimmt er auch sür sie die fromme Achtung in Anspruch. Allerdings schreibt er ihnen nur den zweiten Rang zu, und „wenn, sagt er, unter den Formen des Cultus, in den Brauchen und Ceremonien solche sind, die mit den Forderungen unserer modernen Einrichtungen unvereinbar scheinen, mit den Bedürfnissen einer Gesellschaft, die sich so oft verjüngt, so oft von Neuem ausgebaut hat, so wird es uns erlaubt sein, den letzteren Genüge zu thun. Nur dürfen wir nicht die Wurzel berühren, nicht was aus den Prinzipien selbst herausfließt, und ganz besonders müssen wir den Frieden im Judenlhume aufrecht erhalten." — Wir geben diese Details nach den Arch. isr., weil eine solche Jnstallationsfeier zu den selteneren Ceremonien gehört. Paris, 8. April. (Privatmitth.i Die hies. israelitische Bevökerung befindet sich in einer gewissen Aufregung. Früher hatte nämlich das pariser Konsistorium eines seiner Mitglieder, einen Hrn. Carvalho, einen Ingenieur, der wegen Verwickelung in die MirG'sche Asfaire gezwungen gewesen war, seine Demission zu geben, auch zum Austritt aus der israel. Verwaltung genöthigt. Derselbe ist jetzt aber wieder ge- >vählt worden, und unterliegt seine Ernennung augenblicklich dem Kultusminister. Darauf haben die übrigen vier Mitglieder des Consistoriums unter dem Präsidium Gustav v. Rothschild's beschlossen, dem Minister ihre bedingungsweise Demission einzureichcu, und viesem Beispiele ist jetzt das Coinile de bienfaisauce mit H. Albert Cohn au der Spitze, gefolgt. Man ist hier natürlich auf den Ausgang eines Streites gespannt, der möglicherweise die ganze israel. Verwaltung von Paris auslösen kann. Holland. Amsterdam, den 26. März. (Privatmitth.) Eine der merkwürdigstetl, aber zugleich noch ziemlich unenthüllten Erscheinungen in der Kulturgeschichte bietet die kleine israelitisch-portugisische Gemeinde in Amsterdam dar. Eine Kolonie, aus welcher ein Uriel Acosta, ein Spinoza, ein Meuasseh ben Israel, ein Don Isaac Orobio und so viele andere bewunderungswürdige Männer hervorgingen, kann dem, dessen Herz lvarm für die Menschheit schlägt, nicht gleichgültig sein. Daher verdient jede Arbeit, die Aufklärung und Licht über den Ursprung nuc Fortgang dieser die Menschheit ehrenden Kolonie verbreitet, die aufrichtigste Anerkennung aller Gebildeten. Dieser Dank der Mit- und Nachwelt, und man könnte auch behaupten der Borwelt geziemt im hohen Grade einem edlen Manne in der hiesigen portugiesischen Gemeinde, dem Herrn Dr. Henriques de Castro, Mz. (Moses' Soh»), der keine Kosten, keine Mühe, keine Arbeit spart, um die Geschichte seiner gefeierten Vorfahren, von ihrer ersten Ankunft aus Portugal und ihrer Niederlassung in diesem anfangs auch für sie nicht sehr gastfreundlichen Lande auszuklären. Die sprechendsten historischen Denkmäler befinden sich auf dem ungefähr eine Meile von der Stadt entfernten Begräbnißplatze, Denkmäler, die schon durch ihre kunstvolle Arbeit, ihr reiches Material und ihre sinnreichen Inschriften, zum Theile in spanischer und lateinischer Sprache ein Zeugniß von dem gediegenen Geschmacke und der hohen Bildung der Einwanderer ablegen. Unbeachtet, zertrüminert, mit Moos und Gestrüpp überwuchert lagen diese prachtvollen Marmordenkinäler jahrelang da, bis Herr de Castro, von einem unermüdeten Forschertrieb hingerissen, es unternahm diese ehrenden Denkmäler der Vorzeit ihrer Vergessenheit zu entziehen, und sie zum Gemeingut der gebildeten Welt zu machen. Er ließ 16*