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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-04-09 · Heft 15 (9.4.1867) · p. Seite 307

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 15 (9.4.1867)
Date
1867-04-09
Page
Seite 307 (sequence 19)
Language
German
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307 aus dem Stamme Jsai's, dem Fürsten des Exils, der Israel herausgeführt aus dem zerstörten Babel zu den Trümmern Zion's, sie wieder aufzurichten. Dies war der Inhalt der Urkunde; die Anwesenden hörten die Worte mit Staunen und Verwunderung, aber kein Wort kam von ihren Lippen, denn, jemehr sie in das Gehörte sich mit ihren Gedanken versenkten, desto dunkler wurde ihnen der Sinn, desto weniger fanden sie den Faden des Verständnisses durch die Jrrgänge dieser Worte. Da trat Meschullam zu seinem Vater, erbat sich, die Worte noch einmal lesen zu dürfen, und sein scharfer Blick durchforschte die Reihen der Buchstaben, wie wenn er sich in sie hineinsaugen wollte. Plötzlich leuchtete es auf in seinen Augen, wie ein überirdisches Licht ergoß es sich über sein Antlitz, und nach langem Schweigen hob er in feierlichem Tone an: „Gelobt sei der Herr, der König der Welt, der Einsicht verleiht, zu unterscheiden zwischen Tag und Nacht, und dem Schwachen Kraft gewährt. Vater, Brüder, ich glaube, den Sinn dieser heiligen Verkündigung einigermaßen erfaßt zu haben. Dreifache neun Jahre sollen nach der Zerstörung des heiligen Tempels verflossen sein. Das sind 999 Jahre; der Tempel aber, wie Ihr wißt, ist gefallen im Jahre nach Erschaffung der Welt 3829, als die Nozrim zählten 69. Das war also das Jahr 4828 der Welt oder 1068. Hierzu kommen dreimal neun Jahre, also 27, das bedeutet das Jahr 4855 oder 1095 der Nozrim. Und ist es nun nicht in Erfüllung gegangen, was hier geweissagt worden? Brachen nicht im vorigen Jahre die Heere der Abendländer auf, diese Kreuzfahrer, nach dem Lande Israels zu ziehen, es in Besitz zu nehmen, nachdem sie die Völker des Morgenlandes vernichtet hätten? Folgt nicht soeben ein anderer Zug dem ersteren, und rüsten sich nicht Tausende und aber Tausende, um auch ihrerseits die Stationen des Morgens zu überfallen? Und ist nicht auch das erfüllt worden, zu unserem Schrecken und Elend, daß diese Wallbrüder aller Orten über die Kinder Juda's herfallen und sie zu vernichten suchen? . .. Fürwahr, unsere Augen müßten nicht sehen, unsere Ohren nicht hören, wenn wir dies nicht erkennen und verstehen wollten. Es ist kein Zweifel, der große furchtbare Tag naht, der Tag des Herrn, den uns die heiligen Propheten verkündeten; wir aber können Nichts weiter als bereit und gerüstet sein, dem Rufe zu folgen, den der Gott Israels an uns ergehen lassen wird/' Diese Worte erregten das Staunen und die Bewunderung der Zuhörer von Neuern. Es war ihnen, wie wenn ein Lichtschein plötzlich in ein dunkles Gewölbe fällt und Eingang wie Ausgang mit einem Male erhellet; oder wie Andere sagten, wie wenn ein Baß Kol lTochterstimme) vom Himmel ertönte und das Geheirnniß erklärte, zu dem Niemand einen Schlüssel besaß. Anselm vor Allen sah mit Entzücken auf seinen Sohn, der ihm jetzt geworden, was er selbst so oft dem Jüngling gewesen, ein Führer durch verschlungene Pfade, eine Leuchte in Dämmerung und Nacht. Eine lange Verhandlung knüpfte sich daran; Jedermann wußte nunmehr noch einen besonderen Zug der Erklärung hervorzuheben und hinzuzufügen, und that sich auf seinen Scharfsinn etwas zu Gute, der vorher so gänzlich geschwiegen hatte. Meschullam aber hatte sich in den Hintergrund zurückgezogen, und schien in ein tiefes Sinnen versunken. Da wurde die Verhandlung unterbrochen. Ein Bote des Magistrats brachte eine Aufforderung desselben an die Vorsteher der Judengemeinde, unmittelbar vor ihm auf dem Rathhause zu erscheinen. Man sah sich betroffen an. Was konnte der Magistrat ihnen zu sagen haben? Eine trübe Ahnung beschlich die Gemüther. Hatten sie sich doch eben aus dem Sod von Toledo vergewissert, daß ihrer noch viele Leiden harren, bevor der „Tröster" erscheinen würde, so nahe dessen Kommen auch jetzt erhofft werden konnte. Aber was für Weißsagungen auch an den Menschen herantreten, er unterscheidet dennoch stets seine Zukunft von seiner Gegenwart und hält sich zuletzt an diese. Die Vorsteher forderten Anselm und seinen Sohn auf, an ihrer Spitze nach dem Rathhause zu gehen. Doch der letztere lehnte dies ab, weil er nicht in solchen Verhältnissen vor seinen früheren Collegen erscheinen wollte, und Anselm schützte seine Altersschwäche vor, die heute schon der Aufregung allzuviel erfahren. Eine Stunde später kehrten die Vorsteher tief gebeugt zurück. Der Magistrat hat ihnen mit dürren Worten mitgetheilt, daß der Bischof die ihm vom Kaiser verliehenen Rechte aus die Juden in Speyer an die Stadt abgetreten habe, wofür dieser sich verpflichtet habe, alles Nöthige an Holz und Steinen zum Wiederaufbau des abgebrannten Domes auf die Baustelle zu liefern, und 100 Tage von jedem Jahre, das der Bau dauern würde, sämmtlichen Bauarbeitern Nahrung und Trank zu verabreichen. Doch habe der Bischof die ausdrückliche Bedingung gemacht, daß binnen der nächsten 10 Jahre die Privilegien der Juden unverändert dieselben bleiben sollten, wie diese sie im Augenblicke des Vertrages besaßen. Der Magistrat habe die Vorsteher als Vertreter der Gemeinde sofort als Hörige der Stadt in Pflicht und Treue genommen. „Also verkauft!" rief Meschullam mit Entrüstung aus. „Wie ich es vorausgesagt: erst verschenkt und dann verkauft! Wie dieses heilige Pergament erst verschenkt und dann verkauft — nun auch wir verschenkt, verkauft! . . . Jetzt erst ist die Krone von unsrem Haupte gerissen, und statt ihrer Staub , niedriger Staub des zertretenen Bodens auf dasselbe gestreut! Wir sind Sklaven geworden, Dinge, die willenlos von einer Hand in die andere geworfen werden! Wehe uns, wehe unsren Kindern und Enkeln!" ... Anselm, der ehrwürdige, immer ruhige Greis trat zu seinem Sohne. „Meschullam, sprach er, beruhige dich; hast du so schnell vergessen, was du selbst in jenen heiligen Worten gefunden, die uns die Barmherzigkeit

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