Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-04-09 · Heft 15 (9.4.1867) · p. Seite 295

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 15 (9.4.1867)
Date
1867-04-09
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226597--24849-3260324
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

295 wie die Reform, nur ein Käppchen gestatten wird, ja es ist nebensächlich, ob der Sabbatgottesdienst am Sonnabend bei leerer Synagoge beibehalten, oder einem Sonntagsgottesdienste8 9) weichen wird, es wird und muß ein völlig deutscher?) ästhetisch befriedigender'") Gottesdienst eingeführt werden, wenn die Theilnahme der Gemeinde wach erhalten werden soll. Beiläufig will ich hier bemerken, daß die Reformgemeinde jahrelang am Sonnabend und Sonntage Gottesdienst hielt und ersteren erst fallen ließ, als der Besuch auf Null gesunken war. Daß der Besuch des Gotteshauses besonders an den Feiertagen zahlreich ist, an gewöhnlichen Sonntagen meist nicht 80 bis 100 Personen übersteigt, ist eine Thatsache, die man in allen Kirchen und Synagogen in ähnlicher Weise sich wiederholen sieht.") Diese Art kirchlichen Sinnes!ist überhaupt geschwunden. Daß in Berlin die Reformgemeinde von lokaler Wirkung gewesen ist, giebt der Art. zu; und wer hier die Sache kennt, weiß, daß ohne dieses treibende Agens es hier mit Gottesdienst und Religionsunterricht gerade noch so stände, wie vor 30 Jahren. Wer aber wird bezweifeln, daß eben dadurch die Re¬ 8) Bei nicht minder leerem Gotteshause! Redakt. 9> Sehen Sie, Herr Einsender, da sind wir wieder nicht übereinstimmend, und Sie wissen, daß wir es schon 1844 nicht waren — der jüdische Gottesdienst darf und wird niemals ganz deutsch sein, er wird niemals die hebräische Sprache aufgeben. Wenn Sie meinen, auf unsere beiderseitige Meinung kommt es nicht an — nun, die 23 Jahre, die seitdem verflossen, sprechen noch immer für meine Ansicht. Redakt. '"1 Ist der „ästhetisch befriedigende Gottesdienst" wirklich der echte, das religiöse Bedürfniß weckende und befriedigende? Wird hiermit nicht die glatte, elegante, feine, aber kalte Form hereingebracht, welche die innigeren religiösen Gefühle nicht zu wecken, nicht zu nähren vermag, sondern nur das ästhetische Gefühl anregt, und darum auf die Dauer — langweilt? Es sind ganz andere Motive nöthig, um, nicht blos die Oberfläche, sondern die Tiefen des Gemüthes aufzuregen und sie mit Andacht, Weihe zu erfüllen, die Seele zu beschwingen und emporzuziehen. Redakt. ") Dieses Eingeständniß steht doch mit der oben geschilderten Wirksamkeit des Reformcultus in Widerspruch. Fragen wir hiernach die Herren aufrichtig, wem haben sie an den gedachten Feiertagen, d. h. Rosch haschana >md Jom Kippur, den Besuch ihres Gottesdienstes zu danken? — so ist die Antwort: dem kleinen Reste von religiöser Anhänglichkeit aus dem alten Judenthume her. Redakt. formgemeinde mittelbar von großer allgemeiner Wirkung war und sein wird? Sie thut durch die Einwirkung auf die Berliner große Gemeinde, deren Beispiel von bedeutender Wirkung auf alle Gemeinden des Vaterlandes ist, so oft sie, wie gegenwärtig, sich an die Spitze einer zeitgemäßen Bewegung stellt, mehr für den allgemeinen Fortschritt, als ihr dieses bei der großen Zahl Indifferenter direkt möglich war?") — Ich hoffe, geehrter Herr Herausgeber, daß Sie bei Ihrem bekannten Streben nach Unparteilichkeit, diese Bemerkungen in ihr geschätztes Blatt aufnehmen werden. Dem Geschichtsschreiber muß ja jeder wahrheitsgetreue Beitrag willkommen sein und als solcher mag er zur Ergänzung des Artikels „Dreißig Jahre" von Ihnen betrachtet werden?") Dr. W. Schwerin, 10. März. Das Ministerium hat einen jüdischen Arzt zum Examen zugelassen und ihm Aussicht auf Anstellung als Kreis-Wundarzt eröffnet. Das wäre der erste Fall, wo in Mecklenburg ein Jude zu einem öffentlichen Amte Zutritt erhielte. Breslau, 22. März. lPrivatmitth.) Am 17. d. M. fand in Gegenwart der Vertreter der städtischen Behörden, — darunter der Oberbürgermeister Hobrecht — des Vorstandes der israelitischen Gemeinde die Prüfung der hiesigen israelitischen Elementarschule statt, die sich während ihres 9 jährigen Bestehens durch die umsichtige und energische Leitung des Dirigenten Herrn Dr. P. Joseph, sowie durch die fördernde Theilnahme und Fürsorge ihres Revisors, des Oberrabbiners und Seminardirektors Herrn Dr. L. Frankel, zu einer achtungswertheu Höhe emporgeschwungen hat. Unter den Lehrkräften, die dem Dirigenten würdig zur Seite stehen, verdient besonders Herr Dr. Frank, der den hebräischen Unterricht in der oberen Klasse ausschließlich leitet, ehrenvolle Erwähnung. Die genannte Anstalt hat sich die Aufgabe gestellt, außer dem Unter- '") Das ist etwas weit hergeholt. Wenn die Gemeinden in den Provinzen hätten auf Berlin immer warten wollen, dann hätten sie lange harren müffen. In Königsberg, Breslau, Magdeburg, Stettin hatten die Gemeinden längst bedeutende Schritte gethan, ehe Berlin den ersten Schritt that. Redakt. '") Wir haben dieses Schreiben sammt unsren Bemerkungen gegeben, ohne etwa damit in eine weitere Polemik eintreten zu wollen. Es hat sich nun jede Seite ausgesprochen, und damit schließen wir ab. Redakt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.