Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1867)
- Date
- 1867-03-26
- Page
- Seite 267 (sequence 21)
- Language
- German
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267 Väter waren von jeher dem Reiche und dem Kaiser zugehörig, keiner anderen Macht unterthänig. Kann man dieses Verhältniß willkührlich ändern, ohne Zustimmung des Reiches? Kann man unsere Privilegien anfheben, nach Gutdünken, ohne daß wir nur darum befragt worden? Unsere Ahnen wohnten in dieser Stadt, lange bevor das römische Reich durch Karolus den Großen wieder aufgerichtet worden, lange bevor das Christenthum in dieses Land eingezogen, lange bevor die Urväter der jetzigen Bevölkerung hier sich ansässig gemacht. Sind wir Menschen, Personen oder Dinge, die ohne ihren Willen von einer Hand in die andere gehen? Sind wir so entwürdigt, so herabgedrückt, daß wir wie eine Waare aus dem Besitze des Einen in den des Anderen gegeben werden können? O, Herr Bischof, an Eure Gerechtigkeit und Gnade lege ich Berus ein im Namen meiner Stammesgenossen. Was heute hier geschehen soll, ist noch niemals geschehen; aber es wird sich wiederholen von Land zu Land, von Ort zu Ort — wehe uns, wehe unsren Kindern und Enkeln!" Der Bischof sah den Sprecher ernst und fest an. In seinen Zügen sprach sich kein Zorn, keine Entrüstung aus; aber sein Antlitz zeigte Entschiedenheit und unwandelbaren Entschluß. „Wir haben hier, erwiederte er, weder über die Gerechtigkeit, noch über die Bedeutung dieses Akts zu berathen. Ein kaiserlicher Beschluß liegt vor, und wir haben nichts weiter zu thun, als demselben Folge zu leisten. Sollen Eure Worte, Herr Kämmerer, einen Protest bedeuten, so wird dieser als wirkungslos bei Seite gelegt. Eure Privilegien, wisset Ihr, sind stets mit dem Vorbehalt des Widerrufes gegeben. Daß sie Euch keine dauernden Rechte verleihen, erweist sich schon dadurch, daß sie mit dem Tode jedes Kaisers erlöschen und von seinem Nachfolger so oder anders erneuert werden können. Wie? habet Ihr wirklich ein Recht, Euch zu beklagen, und auf frühere Zeiten Euch zu berufen? Sehet Euch um, überall hat sich die Lage der Dinge verändert. Früher waren alle Bewohner dieses Landes freie deutsche Männer; aber außerhalb der Städte sind sie — mit geringer Ausnahme — allesammt Hörige geworden, leibeigen ihren Herren. Was wollt Ihr Juden? Ihr habet die Freiheit, von dannen zu ziehen, wo es Euch nicht mehr gefällt und wohin es Euch gefällt, während zahllose Christen glebae adscripti, an die Scholle gebunden sind, und sich ohne die Einwilligung ihrer Herren nicht entfernen dürfen. Verhaltet Euch also ruhig, ich wiederhole es Euch, ich werde Euch ein gerechter und wilder Herr sein, und schon in den nächsten Tagen soll Alles zwischen mir und Euch geordnet werden." In der Seele Meschullam's brannte es wie zehrendes Feuer; er wollte noch einmal erwiedern, den Gefühlen, die in seiner Brust wogten, Luft schaffen — aber sein Vater legte die Hand auf seinen Arm, und flüsterte ihm leise zu: „Schweige, mein Sohn!" Und der Gehorsam und die Ehrfurcht vor dem Willen des Vaters waren ihm zu sehr eingewohnt, als daß nicht das Wort des Greises wie eine Stimme von oben mitten in den Sturm der empörten Element hätte wirken sollen. Wie ein Schauer durchlief es seinen Körper, seine Zähne bissen tief in die Lippe, und er trat in den Kreis der Vorsteher zurück. Der Bischof warf noch einen Blick über die Gruppe niedergeschlagener Menschen und gab das Zeichen der Entlassung. Als Anselm und Meschullam in ihrem Hause angelangt waren, warf sich der letztere wie zerknirscht auf einen Sessel und legte die Hände auf seine Äugen. Der Greis trat zu ihm, und sprach mit bewegter Stimme: „Mein Sohn, warum läßt Du Dich so tief beugen? Warum giebst Du Dich dem Schmerze so sehr hin? Ist nicht der Bischof wirklich ein edler Mann, von dem wir nichts zu fürchten, eher zu hoffen haben?" „Und weißt Du, Vater, wer sein Nachfolger sein wird? Sieh Dich nach den geistlichen Herren ringsum und prüfe ihre Gesinnungen gegen uns. O, ich hätte lieber noch zehn Angriffe jener schrecklichen Kreuzfahrer ausgehalten, wäre lieber mit dem Schwerte in der Hand gefallen, als diese Schmach zu erleben!" „Aber ich bitte Dich, ist es denn so schlimm für uns, einen Herrn in der Nähe zu haben, dessen eigener Vortheil es ist, uns zu schirmen, als einen weit entfernten Oberherrn, dessen Wort und Gebot fast unbeachtet bleibt?" „Ja, Vater, es ist schlimmer, viel schlimmer. Des Kaisers gewährten wir freilich nur, wenn er eines außergewöhnlichen Geschenkes von uns bedurfte, aber der Herrin unsrer Nähe wird unser Tyrann werden, der uns auspreßt, der mit lüsternen Augen jeden Gewinn, den uns unsre Thätigkeit schaffen wird, beobachtet, um alsbald den größeren Theil sich anzueignen, der jede gemeine und fanatische Gesinnung, die in ihm aufsteigt, uns fühlbar machen wird. Aber dies Alles ist noch nicht das Schlimmste. Das Beispiel, das der Kaiser hier gegeben, wird die Habgier tausender der Herren und Großen erwecken. Alle werden nach uns die Hand ausstrecken. Wir werden der Preis jedes geringen Dienstes werden, und bald wird ein Vasall dem andern uns zuwerfen. Wir werden dadurch immer tiefer in der Achtung des Volkes sinken, immer mehr in den Staub gedrückt und getreten werden. Man hat uns bis jetzt nicht geachtet, von heute ab werden wir verachtet und geschändet." „Und hast Du, Meschullam, unterbrach ihn fast unwillig der Greis, gar kein Vertrauen mehr auf die Gerechtigkeit Gottes, gar keine Zuversicht auf die göttliche Leitung der Dinge dieser Erde, welche nichts zuläßt, was sie nicht für gut findet, und welche die Söhne Israels wunderbar ihren Pfad führt, aber sie nimmer verläßt, nimmer verstößt?" „O, ich habe sie, ich habe sie", fuhr der Sohn auf, richtete sich in die Höhe, und blickte dem Vater offen und fest in das Auge. „Ich weiß, Vater, daß der Erlöser kommt, und das zertrümmerte Zion wieder auf-