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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-03-26 · Heft 13 (26.3.1867) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 13 (26.3.1867)
Date
1867-03-26
Page
Seite 257 (sequence 9)
Language
German
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257 Worte wägen, daß man nur beileibe nicht aus der Defensive in die Offensive verfalle. Nein! den Stein, welchen Jemand auf mich und meinen Glauben wirft den schleudere ich mit doppelter und dreifacher Wucht demselben zurück in sein eignes Angesicht. Es ist wahrlich beklagenswerth in unserem Jahrhundert, — welches sich das gebildete und aufgeklärte nennt, an welcher Bildung und Aufklärung Allesammt, wenn auch nicht in gleichem Maaße, doch in gleicher Weise participiren und sich dadurch vereint, verbrüdert, versöhnt finden sollten, — die alten Religionsgehässigkeiten und Religionsstreitigkeiten immer wieder hervortauchen zu sehen. Doch nun zur Sache. Der hiesige Ort liegt an den Grenzmarken zweimal zweier großen Reiche, nämlich nicht nur zwischen dem russischen und preußischen, sondern auch zwischen den Reichen der feineren Bildung und rohen Unbildung, welche Reiche allhier fast ohne Uebergang, ganz besonders aber an der jüdischen Bevölkerung ihre differentia specifica zur Anschauung bringen. Dabei war von jeher der hiesige Ort der Knotenpunkt eines reichen Grenzverkehrs, freilich auch des ausgedehntesten Schmuggelhandels mit Rußland, die Hauptvermittler dieses Verkehrs waren von jeher Juden, selbst zur Zelt, du «ue hiesigen Orte noch gar keine ansässig waren. Die Shnagogengemeinde, dies ist der deutschisraelitische Gemeindeverband, welcher den nobeln und gebildeten Theil der gegenwärtigen israelitischen Bevölkerung des hiesigen Ortes umfaßt, wurde etwa vor zwölf Jahren begründet, hat schon eine ziemlich respecmble Mitgliederzahl und ist in stetigem Wachsthume begriffen. Vor zwanzig Jahren aber sollen Alles in Allem kaum erst vier bis fünf israelitische Familien hier ansässig gewesen sein. Auf der gegenüberliegenden russischen Seite, im s. g. Szamaitenland, ist die jüdische Bevölkerung eine so dichte, wie kaum noch an einem zweiten Punkte in Europa. Von den Bewohnern des platten Landes ist ein großer Theil Juden. Aber die vielen kleinen und größern Städte haben eine jüdische Einwohnerschaft von oft neunzig Prozent. Merkwürdiger Weise hat diesen das neue und bessere Regime in Rußland großen Nachtheil gebracht. Der Nachtheil des alten Regimes war ihr Vortheil, es machte den Schmuggelhandel zu einem sehr lukrativen; mit der Reducirung der Eingangszölle bei den meisten Handelsartikeln auf ein Minimum, war es mit dem Schmuggelhandel vor- > über und der größte Theil der jüdisch-russischen Grenz-- bevölkerung war brotlos. Einer der Hauptartikel, welche vom hiesigen Orte aus nach Rußland eingeschmuggelt wurden, war — Christenthum. Schaarenweise kamen russische Juden hierher, kehrten als Christen wieder nach Rußland zurück, um daselbst zu Aemtern und Ehren, zu Reichthum und Ansehen gelangen zu können. Das neue Regime, welches mit Waar en und Intelligenz einem Jeden fast gleichmäßig und fast frei zu walten und zu wuchern verstattet, hat der Schmuggelei den Todesstoß gegeben. Die Schmuggelei mit Waare hat zum größten Theile, die mit Christenthum ganz und gar aufgehört. Es lebte früher hier am Orte ein christlicher Prediger, der über seine Täuflinge aus dem Hause Juda's, ähnlich wie der deutsche bnin über die in den Bund der Väter eingcführten Beschnittenen, eine besondere Liste führte, welche viele hundert Nummern aufzuweisen hatte. Lange vor seinem Lebensende hatte er das Geschäft aus Mangel an Kunden eingehen lassen müssen; dennoch hatte mit seinem Ableben die englische Missionsgesellschaft hier einen Stationspunkt gegründet, in der sichern Erwartung, das Geschäft wieder in Flor bringen zu können. Sie speculirte ganz richtig. Die Entsittlichung, durch Tyrannei bewirkt, hat Manchen zur Apostasie verleitet; aber ein noch viel härterer Tyrann wird mit seinem eisernen Scepter, seinem erdrückenden Joche, eine noch viel größere Entsittlichung bewirken — nämlich der Hunger. Und in der That, die durch ihre entsittlichende Beschäftigung schon stark herabgekommene jüdisch-russische Grenzbevölkerung ist durch Mangel und Elend moralisch und physisch fast ganz verkommen, und wer weiß, wie viele bereits dem Glauben aus besagten Ursachen abtrünnig geworden sind. Schreiber dieses, nur erst kurze Zeit hier am Orte, erfuhr erst bei Gelegenheit des in Rede stehenden Falles den ganzen Sachverhalt und beschloß, nicht wie bisher geschehen war, Scheu und Indifferenz bei solchen Täufereien Gevatter stehen zu lassen, sondern sofort solchem Treiben mit allem Ernst und Spott entgegen zu treten; denn nur auf diese Weise darf man hoffen, demselben in Zukunft einen Damm entgegen;u setzen. Einen vollkommen klaren Einblick in die hier erwähnten, vielen traurigen Mißstände hat sich Schreiber dieses noch nicht verschaffen können, wird aber keine Gelegenheit dazu versäumen. Wer weiß, vielleicht ist 13

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