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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-03-26 · Heft 13 (26.3.1867) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 13 (26.3.1867)
Date
1867-03-26
Page
Seite 254 (sequence 6)
Language
German
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254 Töchter aus diesen Familien nach Pensionsanstalten außerhalb Holland geschickt, woher sie dann nach einigen Jahren zurückkehren, ausgerüstet mit einer vertrauten Etiquette und den feinen Tournüren in allen ihren Nüancen; mit französischer Conversatiou, nach holländischem Accent und mit etwas Pianofortespiel ohne musikalisches Talent; mit affectirter Roman-Passion und vornehmer Seufzer-Inklination unter dem elegischen Refrain: „ik heb het land“ (ich langweile mich. Diese Phrase, wörtlich übersetzt, heißt: „ich habe das Land." Wie so Vieles in der holländischen Sprache scheint auch diese Redensart vom Seewesen hergeleitet zu sein. Der Seemann sieht sein Element, seinen Beruf auf dem weiten Ocean, und empfindet Antipathie gegen das Festland; es langweilt ihn, wenn er es erreicht. Hier wollen wir aber eine begabte geistreiche Dame nennen, die Dichterin Estella Hepmans geb. Herzfeld zu Arnheim, Enkelin des verstorbenen Oberrabbiners Herzfeld zu Zwolle. Zu den gesellschaftlichen Bedürfnissen des Menschen gehört nothwendigerweise die Sprache. Leider muß man in Bezug hierauf über die ungebildeten Juden in Holland eine ähnliche Klage anstimweu, wie Nehemia über die aus Babel Zurückgekehrteu (Nehem. 13, 24); denn sie sprechen ihre Muttersprache nicht rein, sondern einen jüdisch -deutsch - holländischen Jargon. Diese Mundart nennen sogar viele dieser Menschen ihre „moedertaal“ (Muttersprache), im Gegensatz zu dem rein-holländischen, das sie „de landstaal“ (die Landessprache) nennen. Auch dies ist charakteristisch. Im Grunde sind diese Menschen in ihrem Rechte; denn ihre Mutter spricht, oder sprach ebenfalls keine andere Sprache. Sie bemühen sich deshalb auch nicht, da wo sie mit Gebildeteren in Berührung kommen, ihre Ausdrucksweise etwas zu moderiren. Wir werden bei unseren Blicken auf Amsterdam über diesen Jargon ausführlicher sprechen; denn dort entfaltet er sich in seiner üppigsten Blüthe, mit strotzender Kraft. Wir müssen aber hier der Wahreit die Ehre geben, und die Portugiesischen Juden von den übrigen unterscheiden. Die Portugiesen, mit denen wir später Bekanntschaft machen werden, kennen keinen Jargon, wie sich überhaupt selbst die Ungebildeten unter ihnen von vielen häßlichen Manieren frei gehalten haben, die ihren übrigen Glaubensgenossen anhaften. Am Allgemeinen haben sich die Portugiesen in ihrem Wesen und ihrer äußern Erscheinung noch etwas von der Grandezza bewahrt, die ihre Ahnen aus der Pyrenäischen Halbinsel einst importirt haben. Es ist zwar wenig bei ihnen vonAboab'- schem oder Menasse ben Israelischem Geiste zu verspüren; Nichts von einer Substantia Spinoziana. Jedoch schwebt ihnen so etwas vor von einem stolz-irrthümlich aufgefaßten „quod in se est et per se concipitnr“ , d. h. abgeschlossen in sich selbst, glauben sie in dem eigenen Kreise den Inbegriff aller Vollkommenheiten zu sehen. Diese Abgeschlossenheit ging bis in die neueste Zeit so weit, daß sie selbst keine Ehebündnisse mit Nicht-Portugiesen schlossen. Die Substantia Spinoziana, und doch nicht die Substantia Benedicta, i. e. aurea, ist ihnen abhanden gekommen: Geld besitzen die Portugiesen noch. Es giebt noch ausgezeichnete Männer von Geist unter ihnen, deren einige wir oben schon genannt haben, und wie wir später, bei der ausführlichen Besprechung der jüdisch-portugiesischen Verhältnisse, noch genauer sehen werden. Im Allgemeinen aber muß man auf sie, im Vergleich zu ihren vielen ausgezeichneten Ahnen, ein Schillersches Wort aus dem Wallenstein'schen Lager anwenden : „Wie er räuspert und wie er spuckt, Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt! Aber sein Genie, ich meine, sein Geist" — Ja, Eines muß man den Portugiesen lassen: ein gefälliges äußeres Wesen ist, mehr oder weniger, ihnen Allen noch geblieben. Endlich darf bei der gesellschaftlichen Stellung einer jüdischen Gesammtheit auch die Frage nicht unberührt bleiben, ob denn die Angehörigen anderer Confessionen nicht von Vorurtheilen gegen die Juden befangen sind. Wir wollen vorläufig diese Frage nur kurz dahin beantworten: daß man an diesem Uebel auch hier zu Lande noch laborirt. Gottlob, schädlich für die Stellung der Juden kann es nicht werden; dafür hat die erleuchtete Gesetzgebung und die Weise ihrer Handhabung längst genügend gesorgt, und die oben gegebenen Mittheilungen liefern sprechendes Zeugniß hiervon. Aber die Rischut- Krankheit besteht doch. Wir wollen auch hier wahr sein, und nicht leugnen, daß, wo sie besteht und Nahrung sucht — und das thut sie immer — eine jüdische Volksmasse, auf einer Cnlturstufe, wie wir sie eben kennen gelernt, geeignet genug ist, diese Nahrung darzureichen. Andererseits ist nicht zu übersehen, daß es auch hier eine kleine — aber nicht mächtige, sondern schwache — Partei giebt, die, gleichwie man anderswo von einem christlich-germanischen, von einem christlich-niederländischen Staate schwärmerisch träumt.

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