Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1867)
- Date
- 1867-03-26
- Page
- Seite 253 (sequence 5)
- Language
- German
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253 zurückhalten, obgleich sie sich zur Noth dadurch selbstständig ihren Unterhalt beschaffen könnten. Sehen wir jedoch auf die Ursache dieses auffallend hervortretenden Unterschieds zwischen den holländischen und fremdländischen Armen, so wird die Tugend jener und der Fehler dieser als sehr verringert erscheinen. Der holländische Arme hält sich, vermöge seiner Erziehung und seines niedrigen Bildungsgrades, für nichts Besseres geeignet und bestimmt, als Lasten zu tragen, zu karren, geräucherte Bücklinge, saure Gurken und ähnliche Artikel auf den Straßen feil zu bieten. Der jüdische Arme in anderen Ländern, besonders in Deutschland, hingegen scheut manche Beschäftigung, nicht aus Trägheit, sondern weil er sittlich höher entwickelt ist, weil eine inner Stimme die Ueberzeugung in ihm wach erhält, daß er für edlere Arbeiten befähigt ist. Er giebt sich deshalb nie verloren und strebt mit dem Kopfe vorwärts, während die Hände scheinbar lässig ruhen. Auch trägt der deutsche Arme in seinem Sträuben gegen manche Arbeiten zarte Rücksichten gegen seine Angehörigen, besonders gegen seine Kinder, deren gesellschaftlicher Stellung er zu schaden glaubt — und oft wohl nicht mit Unrecht — wenn er seiner Beschäftigung nach zu den Parias der Gesellschaft gezählt würde. Dergleichen Rücksichten läßt der holländische Arme sich nicht im Traume einfallen, und besteht der Grund hierfür auch nicht, weder für ihn noch für seine Angehörigen. Daß es mit der Schulbildung in den Kreisen der Armuth sehr trübselig bestellt ist, kann wohl aus den früheren Bemerkungen über den Bildungsgrad der Nichtverarmten leicht vermuthet werden. Wir werden auch hierüber ausführlicher zu sprechen Gelegenheit haben, wenn wir uns der Metropole Amsterdam zuwenden. Um die gesellschaftlichen Verhältnisse der Juden genau kennen zu lernen, dürfen wir auch das zartere Geschlecht nicht ganz übersehen. Schon aus Vorstehendem ist leicht abzunehmen, daß bei der Mehrheit der holländischen Juden in der Erziehung des weiblichen Geschlechts sehr viel zu wünschen übrig bleibt, und wollen wir deshalb nur noch einen eigenthümlichen Zug nicht unerwähnt lassen, der ebenfalls als eine Folge der gar geringen Bildung, des Ueberflufses an materieller Denkweise, der Armuth an edleren Regungen anzusehen ist. Während nämlich, wie früher bemerkt, die Söhne im Hause verbleiben, weil sie dort als unentbehrlich erscheinen, ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß die Töchter, weil sie eben nicht für das Haus nothwendig gehalten werden, in fremde Dienste treten. Sie serviren nicht allein als „winkel-doch ters“ l Ladenmädchen), sondern auch als Haus- und Küchenmädchen. Es wäre dies durchaus nichts Tadelnswerthes, wenn Letzteres nur von armen oder verarmten Eltern geschehen würde; wir finden es aber häufig bei solchen, deren Verhältnisse dies nicht im Entferntesten erheischen. Hierin finden aber weder die Eltern noch die Kinder den mindesten Anstoß. Der Holländer nennt dies „wonen“, womit er „dienen" meint. Wir wollen hier gelegentlich eine in der Sprache sich ausprägende holländische Eigenthümlichkeit nicht unbemerkt lassen, und deßhalb haben wir auch eben die holländische Bezeichnung für „Ladenmädchen" angeführt. Es geht aus dem Worte „^inkel-dochter" hervor, daß der Holländer es auch versteht, gewisse zarte Rücksichten zu tragen. Das Mädchen, das im Ladengeschäfte Dienste leistet, nennt er „winkel-docliter“, während solch ein dienstbarer Geist masculini gcncriZ „winkel-bedi ende“ (Ladenbedienter) genannt wird. Ueberhaupt ist der Holländer nicht gerade wählerisch und zartfühlend in der Bezeichnung der Personen, deren Dienste er bedarf. Der Buchhalter heißt, obwohl das Wort „boekhoudcr" (spr. bukhundcr) existirt, gewöhnlich „kantoor-bediende" «Comptoir-Bedienter). Der Arbeiter, den der deutsche Meister, Zutrauen einflößend, seinen „Gesellen" nennt, der Franzose mit dem eleganten Namen „ouvrier“ bezeichnet, heißt beim Holländer „de knecht“ (mit scharf-gutturalem eli gesprochen, der Knecht). Jin Allgemeinen wird dem Worte „bedienen" eine sehr ausgedehnte Bedeutung gegeben. So wird von dem Hausarzte gesagt: „mijn geneeslieer bedient mij goed" «mein Arzt bedient mich zur Zufriedenheit). Darin liegt für den Holländer nichts Verletzendes, und er achtet hierbei doch seinen Arzt; denn er nennt ihn ja „geneesli e e r“ (Heil-Herr); aber er denkt sich ihn doch als einen Manu, der ihm dient, und vermöge dieser Qualität steht er in einer Kategorie mit jedem Dienstleistenden: der Schneider hat die Aufgabe die Garderobe, der Arzt das Corpus in Ordnung zu erhalten. Dies beiläufig. Sonst ist von dem weiblichen Geschlechte zu sagen, daß die Frauen des Mittelstandes tüchtige Haushälterinnen, aber für die Erziehung der Kinder wohlthätig zu wirken, meist nicht befähigt sind. Die Damen in den gebildeten Kreisen sind mit aristokratischem Salontone behaftet, lieben den Putz und sind wenig genial. In neurer Zeit werden wohl auch