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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-03-26 · Heft 13 (26.3.1867) · p. Seite 252

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 13 (26.3.1867)
Date
1867-03-26
Page
Seite 252 (sequence 4)
Language
German
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252 Mangel feiner Intelligenz und Wohlhabenheit in der ungenügenden Schulbildung, und diese wieder in dem Mangel an Schulzwang. Wo die Eltern ungebildet sind und zugleich keinen Geschmack an Bildung finden, werden die Kinder selten aus eine höhere Stufe gehoben werden; sondern ihr Gesichtskreis bleibt der der Eltern. Je nachdem sein eigenes Geschäft es nöthig macht, läßt daher der holländische Jude mittleren Schlages etwas mehr oder weniger seine Kinder unterrichten, und scheint es ihm nöthig seinen Jungen am Tage für sein Geschäft zu verwenden, so schickt er ihn t oder 2 Stunden zur „avondscliool“ (Abendschule). Da lernt er das Elementare seiner Muttersprache, etwas Schreiben, Lesen, Rechnen, wohl auch etwas Französisch. Gehen aber die Sachen im Geschäfte sehr gur und wächst in Folge dessen die Arbeit: dann giebt man auch der avondscliool den Abschied, und kommt es gar nicht darauf an, ob de jongen (der Junge) schon gut lesen und schreiben kann, oder nicht. Doktor oder Professor soll er nicht werden. „Oe jongen heeft niet te studeren" (der Junge braucht nicht zu studieren). Es ist charakteristisch, daß diese, in dem groben Materialismus bis zum Halse steckenden, Menschen eine einigermaßen geregelte, elementare Ausbildung „studiren" nennen. Sind in einem Hause dieser Klasse 5, 6 oder mehrere Söhne, und das Geschäft des Vaters giebt ihnen allen Gelegenheit zur Arbeit, so wird äußerst selten daran gedacht einige oder nur einen derselben für einen anderen Beruf zn bestimmen, oder nur einige Jahre in ein fremdes Geschäft zu geben, damit sie dort das kaufmännische Fach gründlicher, vielseitiger kennen lernen und sich etwas Lebenbildung aneignen. Gott bewahre! „Dal zijn allemaal maar geklieden“ (das sind Thorheiten). Denn, giebt man die Jungen aus dem Hause, so kosten sie Geld, und außerdem muß man ihre fehlende Arbeitskraft durch Fremde ersetzen. Deshalb „I-aat ze maar t’huis blijven eu werken“ (mögen sie nur zu Hause bleiben und arbeiten). Hier zeigt sich wieder die Bornirtheit, die nur auf den zunächst liegenden Gewinn den Blick gerichtet hält, und den Geist der Jugend, aus welchem oft, bei richtiger Entwickelung, die herrlichsten Blüthen hervor gelockt werden könnten, gewaltsam niederhält. Dieselbe Bornirtheit sieht es auch nicht einmal ein, daß bei solcher Erziehung und Leitung zugleich die Wege zu einem Fortschritt auf der cvmmerciellen Laufbahn durch den Mangel an Kenntniß und Bildung verschlossen werden. Und so zeigt sich unter diesem Schlage ein stagnirender Zustand, der trivialste Materialismus, dem Bildung ein leerer Schall ist. In anderen Landen findet man wohl — und dies nicht selten — nicht nur in dem jüdischen Mittelstände, sondern selbst unter den Armen, Eltern, deren Ideal es ist, ihren Kindern eine gehörige Ausbildung zu geben; wo möglich eine bessere als sie selber besitzen; ja, einen Sohn, wenn er die Anlage dazu hat, der Wissenschaft zu weihen. Solche Eltern legen sich dann gern die schwersten Entbehrungen auf, hungern und darben, um ihre Kinder diesem Ziele zuzuführen, weil sie verständig genug sind, den Warth eines geistigen Gutes zu schätzen. In Holland aber möge Niemand in dieser Klasse der Juden nach solchen Beispielen suchen. Die Berufsgeschäfte des jüdischen Mittelstandes bewegen sich in den Kreisen des größeren und kleineren Detail-Waarenhandels und der Handwerke. Auch wird der Viehandel, der bekanntlich in Holland sehr bedeutend ist, viel von Juden betrieben, besonders in einigen Provinzen. Aber nicht allein der Viehandel, sondern alle sonstigen Geschäfte, die mit dem Thiere zusammenhängen, finden unter den Juden zahlreiche Vertreter; ein bedeutender Butter- und Käsehandel, Metzgerei, Gerberei. Unter solchen Verhältnissen ist es selbstredend, daß die Zahl der Armen nicht unbedeutend sein kann; denn wo die Bildung die Massen noch so wenig berührt hat, kann auch der Geist die Mittel schwer finden, irdischen Mangel und Roth zu lindern. Und doch ist, mit Ausschluß von Amsterdam — welcher großen Gemeinde wir später einen eigenen, ausführlichen Artikel zu widmen gedenken — diese Zahl nicht gerade übermäßig groß zu nennen. Es ist dies eine Folge des außerordentlichen Arbeitstriebes und der angestrengten Bemühung des armen holländischen Juden, dem keine Beschäftigung zu schwer oder zu gering ist. Er greift Alles an, um ehrlich sein Brod zu verdienen; so daß er, wenn er auch der Gemeindeunterstützung bedarf, doch einen Theil seines Unterhalts, oder vielmehr den größten Theil, sich selber beschafft, so lange körperliches Gebrechen ihn nicht daran verhindert. Sogar Lastträger, Kärrner (Kruijers) findet man nicht wenige unter den Juden. Der Fremde, der zu Wasser oder zu Laude nach den großen Städten Hollands, besonders nach Amsterdam kömmt, wird sofort bei seiner Ankunft diese Ueberzeugung gewinnen. An sich betrachtet, ist dies eine Tugend, die nicht überall bei den armen Juden gefunden wird, da sie gewöhnlich nicht beanstanden, sich durch fremde Unterstützung ernähren zu lassen, während sie sich von mancher Beschäftigung

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