Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1867)
- Date
- 1867-03-26
- Page
- Seite 250 (sequence 2)
- Language
- German
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250 nicht die Annahme eine berechtigte wäre, daß Viele dasselbe mit dem hohen Olymp identificiren, die von demselben gesprochenen Worte für Orakelsprüche halten, und so von der starken Macht des Beispiels influirt werden. Der Mühe einer Rechtfertigung des jüdischen Charakters glaube ich enthoben zu sein, nur will ich das Argument des Hrn. Professors vor das Forum der öffentlichen Meinung führen, deren Beurtheilung ich es anheim gebe, ob dasselbe logisch und ausreichend ist, ein solches Urtheil darauf zu basiren. In dem Buche Esther wird erzählt, daß nachdem der Großvezier Haman gestürzt, und in Folge der Unwiderruflichkeit des königlichen Edicts die Gefahr noch nicht abgewendet war, Mordechai mit Hülfe der Esther die neue Bestimmung erlangten, daß es den Juden gestattet sei, sich gegen die zu wehren, welche sie am festgesetzten Tage antasten würden. „Wüthend fallen nun die Juden über ihre Feinde her" und „Esther erbittet sich sogar für den 14. Adar die Fortsetzung." Hier besonders in der etwas unzarten Bitte liegt das Argument des Hrn. Prof., denn — „hier zeigt sich der echt jüdische rachsüchtige Charakter" (ipsissima verba). Weit davon entfernt diese That rechtfertigen zu wollen, glaube ich doch, daß es dem unparteiischen Manne nicht schwer halten dürfte, eine Entschuldigung für sie zu finden. Ein Volk, dessen Existenz bedroht, und das durch Nichts diese Gefahr verschuldet zu haben sich bewußt ist, sieht sich plötzlich gerettet, und kämpft nun vereint, durch ein königliches Edict dazu autorisirt und aufgefordert (c. 8, 11) gegen die, welche feindlich gegen es auftreten würden. Mit Haman allein war die drohende Gefahr noch nicht abgewendet, auch sein Anhang mußte unschädlich gemacht werden. Gewiß zeigten sich noch am 14. Adar außer den von gleichem Geiste beeseelten Söhnen des Haman, noch andere hamansche Elemente, die aus den Provinzen zu der vielversprechenden Judenverfolgung herbeigeeilt waren, und sollte eine ruhige, sichere Lage geschaffen werden, so mußten auch diese das Schicksal ihrer Genossen theilen.*) So argumentirte man damals, und argumentirt man nicht noch heute so? — Hier nun gar, wo ein Volk gegen fanatisirte und Leutedürstende rohe Schaaren sein Leben *) Daß der ganze Kampf Seitens der Juden nur ein Vertheidigungskampf, haben wir in unserem Bibelwerke zur Stelle B. III. S. 775 ff. erwiesen, besonders erweisen dies die Worte 9, 2 -»©ps»:*. Redakt. und dessen heiligste Güter vertheidigt, dürfte man da nicht von einem Lehrer der. akademischen Jugend ein billigeres und gerechteres Urtheil erwarten? Und zugegeben, dieser Akt sei ein Ausbruch der heftigsten Leidenschaft gewesen, wer kann und wird von einem Bruchtheil der Nation auf die Gesammtheit derselben schließen und bei dem etwaigen Vergehen eines Theiles desselben 60 ipso das Ganze verurtheilen wollen? nny? rpspn Kürp (Num. IG, 22) Könnte man nicht mit demselben Rechte das ganze deutsche Volk für jene kreuzzüglerischen Mordscenen verantwortlich machen; die französische Nation als rachsüchtig verurtheilen, weil einst ein Theil desselben jenes schreckliche Blutbad augerichtet, gegen die, deren ganzes Verbrechen in ihrer religiösen Anschauung lag, mit ganz denselben Motiven, die Haman geltend machte? War etwa Katharina von Medicis zartfühlender als jene schlichte Jüdin? Wer hat es dennoch gewagt ihre Handlungen als den Gesammtausdruck der katholischen Welt hinzustellen? Ja, man umgab diese Gräuel, bei denen man ebenso wüthend über die Calvinisten herfiel, mit dem Nimbus des Heiligen und Religiösen und glaubte Gott einen Gefallen gethan zu haben. ...... Man rief den Schöpfer an, Und meinte, mit Morden sei ein gutes Werk gethan. (Henriade chant 2). In der heiligen Roma erschallte ein Tedeum ad majorem clei gloriam. Das Purimfest wird als ein Tag der Freude und der Wohlthätigkeit gefeiert (c. 9, 21. 22.) und hat durchaus keinen religiösen Charakter. Wenn nun der Herr Prof, diesen schwachen Anhaltspunkt benutzt um den jüdischen Charakter öffentlich zu verunglimpfen, so erkenne ich nicht darin, und mit mir gewiß jeder Unparteiische und Wahrheitsliebende, das Ergebniß einer objectiven, von allen subjectiven Zuthaten freien Forschung, sondern nur den Ausdruck seiner antijüdischen Gesinnung, die im Hörsaal am allerwenigsten Berechtigung hat. Aus der neueren und neuesten Geschichte könnte übrigens der Herr Prof, die Ueberzeugung gewinnen, daß es dem jüdischen Volke beim etwaigen Triumphe seiner Feinde, gewiß nicht besser ergangen wäre, und jenes Bild dürfte ihm in nicht so grellen Farben erscheinen. Leider nur zu viele Beispiele dieser und ähnlicher Art hat die Geschichte aufzuweisen, die Alle nur das Eine dokumentiren, daß Vorurtheil und Verblendung den menschlichen Geist zu Thaten verirren können, vor denen der bessere Mensch erschrickt. Er