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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-03-12 · Heft 11 (12.3.1867) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 11 (12.3.1867)
Date
1867-03-12
Page
Seite 227 (sequence 19)
Language
German
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227 Diener, den ich mit Euch senden werde, und wartet mit Geduld und Zuversicht." Der Greis erhob sich rasch/ließ dem Weibe keine Zeit, von Dankesworten überzufließen, rief einem Diener und gab ihm Anweisung, die Frau und die Kinder auf seine Kosten angemessen unterzubringen. Diese folgten dem Diener unter Segenswünschen. i Fortsetzung folgt.) Eine Stunde als Jude.*) Bon Berthold Auerbach. Es war im Jahr 17 75, just in dem Jahre, als der allgemeine Reichskalender zum Erstenmal erschien, da wanderte ein fröhlicher Student aus dein Thore Erlangens heiinwärts. Niemand ahnte und er selbst am wenigsten, daß der Student einst der treffliche deutsche Kalendermaml werden sollte; denn es war der junge evangelische Theologe Peter Hebel, der nach zweijährigem Aufenthalt auf der Universität Erlangen nun heimwärts zog, um, wie man's nennt, in's Philisterleben einzutreten. Der Student, der mit dem Ränzel auf dem Rücken und dem Wanderstabe in der Hand dahin zog, hatte wohl manches frische Liedleiu und mauchell lustigen Schwank im Kopfe; heüte mochte es ihm aber nicht singerig und nicht spaßig zu Benthe sein, denn wer je die bunte Mütze trug «und auch Hebel hatte sie getragen, denn er hatte sich zu der Landsmannschaft der Mosellauer gehalten), wer je in glückseliger Jüngliugszeit sich frei und frisch ben Studien und dem Jugendübermuth hingab, der weiß, was die Worte des Liedes bedeuten: „Zur alten Heimath zieh ich ein, muß selber nun Philister fein." Ja wohl, das Sprichwort faßt viel in sich: wer A gesagt hat, muß B sagen, und so geht es fort bis zum Z. Bon der Stunde au, wo das Kindesalter abbricht und man in der Schule zum Erstenmal lernt A sagen, da hört das Lernen und Studiren nicht mehr'auf. Fast wie es einem Kinde zu Muthe ist, das zum Erstenmal in die Schule geht — es kann sich nur nicht recht erklären, was ihm so das klopfende Herz bedrückt — eben so, aber noch weit bewegter, denn er weiß, was es zu bedeuten hat, ist es dein Jüngling zu Muthe, der von der Hochschule in die noch höhere Schule des bürgerlichen Lebens eintritt. Jetzt ist die zweite sorglose Jugendzeit vorbei, Alles grüßt dich viel ernster, die Bäume, die Straßen, die Felder, die Dörfer und Städte, du mußt nun selber darin Helsen bauen, regieren, ordnen und lehren; da geht ein Kauzleidiener mit Actenbündeln — bald wird er dir selber einen Stoß zum Aufarbeiteu bringen; da gehen Kinder in die Schule — bald kommen solche zu dir und du mußt mit *> Mit Zustimmung des Herrn Verfassers aus dessen BolkSkalender für 1860. Red. ihnen die gesetzten Stunden aushalten; da läutet die Glocke und der Pfarrer geht im Ornate gemessenen Schritts nach der Kirche — bald wirst du selber so dahin schreiten und die Kanzel besteigen. Aber was thut's? Dort aus den blnmenverstellten Fenstern schauen rosige Mädchengesichter heraus, bald wirst du eines heünführen und dein nennen, und bald seid ihr selber eine ganze Welt und ihr habt eine neue um euch. Wo nur die sein mag, die mir einst das Leben erfüllen soll? Wart's ab! Und jetzt laß dir's wohl sein und munter in's Wirthshaus! Die Welt ist allzeit schön und neu, wenn man nnr die Angen offen hat. Ja, in einem heimkehrenden Studenten streiten sich zwei Welten, eine sorglos heitere und eine sorgenvoll ernste, und in uranchem Manne hört dieser Streit nie auf, und das hat auch sein Gutes; wer nicht einen unsterblichen Studenten in sich hat, der hat kein frisches Herz. Der Student Hebel wanderte still seine Straße, bald ernst, bald fröhlicher Zeiten gedenkend, bald in die Zukunft hinaus träumend. „Halt Jud! Zoll bezahlen!" wurde Hebel plötzlich angerufen. Er stand vor dem Thore von Seegringen, dem damals Anspachischeu Grenzorte. Hebel sah sich um und «dann wieder den Rufenden an. Wem gilt das? Wer ist damit gemeint? „Was stehst du so da, verdammter Jude! Meinst du, du kannst den Zoll betrügen?" so rief der einäugige Zöllner am Thor und ballte durch das Fenster die Faust gegen Hebel, und der Hund sprang aus der Thür und bellte ihn an; er wußte, was sein Herr gerufen hatte und daß auch er ohne Scheu seinen Zorn auslassen und wenn er will, die Kleider zerreißen darf. Jetzt erst merkte Hebel, daß der Zuruf ihm gegolten hatte. Wie wenn im Walde ein Mensch, der sich hineinträumte in das ewig unversiegbare wonnige ''Naturleben, unversehens von einem wilden Thiere oder noch ärger von einem Hammerschlag aus Menschenhand getroffen wird, so stand Hebel plötzlich da. Also das ist die Welt, in die man eintreten soll, um das Wort der Liebe zu predigen? Unwillkührlich rief Hebel nach dem ersten Schreck: „Ich bin kein Jude." „So?" rief der Zöllner, „du leugnest noch? Warte ich will dir," und jetzt kam er heraus und geradeswegs auf Hebel zu und wollte ihn packen und der Hund war bereit, Beistand zu leisten. Da sagte Hebel mit einer Miene, in der sich Wehmnth und Schalkheit mit einander stritten: „Ich kann schon allein gehen und ich gehe mit Euch." Plötzlich war er des Scherzhaften und Lustigen inne geworden, das in seiner jetzigen Lage war, und er wollte es ganz auskosten. „Muß doch auch einmal sehen, wie man als Jude in der Welt lebt," dachte er und da er die hebräische Sprache gut verstand, sagte er: „Soll ich vielleicht Judeuzoll bezahlen, weil ich hebräisch gelernt habe? Es ist mir schmeichelhaft, daß Ihr mich für einen so guten

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