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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-03-12 · Heft 11 (12.3.1867) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 11 (12.3.1867)
Date
1867-03-12
Page
Seite 226 (sequence 18)
Language
German
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226 Auge: „Zum Rabbi Anselm muß ich." — „Nun, so geht nur die Treppe hinauf und rechts in die erste Thüre, er ist gerade allein." — Hanna eilte schnell hinauf, ihre Kinder folgten ihr. Sie klopfte leise an die Thüre, eine wohlklingende, milde Stümne rief: Herein! Diese Summe klang ihr so beruhigend in das Herz. Ach, die Menschenstimme umfaß. so Vieles, so Alles! Sie öffnete und 1r§t ein. Der ehrwürdige Greis, der, ohne Schmuck und Pracht, stets in - wohlgeordneten Gewändern erschien, saß in einem Lehnstuhle vor einer Tafel, auf welcher Pergamentrollen aufgeschlagen vor ihm sich befanden. Sein Antlitz war über dieselben gebeugt. Hanna, von Ehrfurcht vor dieser Erscheinung erfüllt, blieb mit den Kindern zur Seite der Thüre stehen, sie fürchtete, zu stören. Aber der Greis hatte sich schon aufgerichtet, üe durchdringend angeblickt und redete sie sanft an: „Was wollt Ihr, gute Frau?" Da drang dem Weibe ihr ganzes Unglück, ihr Kummer mid ihre Angst in das Herz, mit gerungenen Händen stürzte sie aus den Sitz des Greises zu, warf sich auf die Knie und rief: „Habt Erbarmen, großer Rabbi, mit einem unglücklichen Weibe, mit meinen unglücklichen Kindern, denen man den Vater und den Bruder geraubt! Habt Erbarmen, sonst sind wir verloren, ich weiß keine andere Hülfe!" Der Greis war erschrocken aufgefahren, faßte mit seiner Hand nach den Händen des Weibes, um sie anszurichten und sagte: „Ilm Gott, Frau, was thut Ihr? Was habt Ihr? Steht auf, beruhigt Euch, sagt mir, was Euch widerfahren, steht es in meiner Hand, Euch zu helfen, es soll Euch nicht fehlen!" „O, rief Hanna aus, Ihr seid ein Engel des Herrn, vor Euch darf man sich niederwerfen, und der Gott im Himmel erhört uns, wenn wir es thun. Ein verzweiflungsvolles Weib schreit in ihren Aengsten zu Euch, Euer Versprechen erlöst es von seiner Bedränguiß!" Sie war aufgestanden, sie beruhigte sich, aus iin'eit Augen leuchteten Hoffnung und Zuversicht. „Großer Rabbi, fuhr sie fort, wir sind gemeine Leute aus dem Münsterlande. Dort ist die Kriegsfurie los und wir retteten uns, mein Mann, ich und unsre drei Kinder, und pilgerten hierher, weil mein Mann, Menachem beißt er, einen Traum gehabt, worin ihm seine verstorbene Mutter befahl, das Grab seines Vaters in seinem Geburtsorte, Wasendorf heißt er und ist ein vor langen Jahren niedergebranntes Dorf, aufsuchen solle. Glicht weit von hier rasteten wir in einem Walde, als der Graf Geroldstein uns überfiel, meinen Manu und meinen ältesten Sohn fortschleppte und uns von dannen jagte, um ein hohes Lösegeld für sie herbeizuschaffen. Fünfzehn Mark Goldes verlangt er, und wenn es binnen vier Wochen nicht da wäre, würde er sie tödteu. Sie schmachten im Verließ der Burg. Ich bin ein armes Weib, habe nicht, womit ich heute meine beiden Kinder sättige, erbarmt Euch, Rabbi, unser. . . ." Der alte Mann hatte aufmerksam zugehört; seine Mienen zeigten Ernst und Sorge. Nach einigem Sinnen erwiederte er: „Ihr seid sehr zu beklagen, aber der Fall ist schwierig. Fünfzehn Mark Goldes ist eine ungeheure Summe, ein Lösegeld für einen Ritter sammt seinen Reisigen. Wie soll man solche herbeischaffen für einen einzelnen Mann und sein Kind? Noch dazu jetzt, wo durch das Schwert der Ruchlosen so viele Verwundete, so viele Wittwen und Waisen in der Gemeinde alle Hülfe in Anspruch nehmen. Und es hat noch ein anderes Bedenken. Gewahrt man diesen räuberischen Herren so große Lösegelder, so werden sie immer mehr darauf erpicht, die armen Söhne Israels in ihre Gewalt zu bekommen und in ihre Kerker zu werfen, um große Summen von ihnen zu erpressen. Eine traurige Zeit, eine noch traurigere Zukunft. . . . Aber halt, der Graf von Geroldstein ist ja gefangen, in der Gewalt des Bischofs Johansen ... da läßt er vielleicht eher mit sich reden... Ich verspreche Euch Nichts, Frau, aber das gelobe ich Euch, alle Mühe anzuwenden, die Eurigen zu befreien." Hanna lauschte jedem Worte des Greises begierig; die Farbe wechselte auf ihrem Gesicht. Als er geendet, trat sie einen Schritt näher zu ihm heran, und mit leiserem Tone sprach sie zu ihm: „In dem Augenblicke, da die Leute des Grafen meinen Mann fortführten, flüsterte er mir ins Ohr: Geh zum Rabbi Anselm von Speyer und sage ihm: Das Sod von Toledo ist in die Hände der Nozrim gefallen, es muß befreit werden." Bei diesen Worten für der Rabbi erschrocken zurück. „Was! rief er aus. Das Sod von Toledo? Das heilige Vermachtniß der Synagoge von Toledo? Wonach mehr als seit einem Jahrhundert geforscht und gesucht wird? Die große Verkündigung unserer Väter? Wer ist Euer Manu? Wie kommt er dazu? Sprecht. . . . „Wir sind gemeine Leute, großer Rabbi. Mein Mann heißt Menachem, sein Vater hieß Jakob und wohnte in Waseudorf. -Aber mein Mann sagte mir, daß sein Geschlecht aus einem fernen Lande, ich glaube, Hispa nieu heißt es, stamme, und dieses große Kleinod von Geschlecht zu Geschlecht vererbt habe. Weiter weiß ich Nichts." „Habt Ihr es gesehen? Beschreibt es mir!" rief der Greis noch immer hastig. Da erzählte die Frau Alles, was mit dem schmuckvollen Kästchen auf jener Lichtung des Waldes vorgegangen, wie es der wilde Graf ergris fen, geöffnet, und wo auch sie dessen Inhalt geschaut habe. Anselm stieß einen leisen Seufzer aus. „Ein großes Unglück, sprach er, wie vor sich hin, es muß eine schwere Sünde in Israel geschehen sein. Das Heiligthum ist entheiligt, es wird seine heilige Kraft verlieren. Aber, setzte er mit erhobener Stimme hinzu, sein Inhalt bleibt, und sein Inhalt ist unser Trost und unsre Kraft. Ge segnet wärest du, Anselm, wenn dein Auge noch ge würdigt würde, das heilige Pergament zu schauen und zu lesen, wenn auch nicht zu begreifen! . . Weib , Euer Mann muß befreit werden. Seid ruhig, folget dem

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