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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-03-12 · Heft 11 (12.3.1867) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 11 (12.3.1867)
Date
1867-03-12
Page
Seite 211 (sequence 3)
Language
German
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211 doxen Juden" und „Reformjuden," von zweien Seiten, nemlich von den Juden, die sich mit ihrer Orthodoxie brüsten, und von den reaktionären, pietistischen und ultramontanen Christen. Blicken wir der Sache tiefer auf den Grund, so stehen alle diese Juden auf dem Boden eines umgestalteten, neuen, geistig bewegten Lebens, und der Unterschied ist nur der, ob diese oder jene Individuen mitten in diesem neuen Leben mehr oder weniger von den Satzungen festzuhalten suchen oder nicht. Gerade aus diesem, von uns geschilderten Vorgänge, der also eine Entwickelung von außen nach innen und von innen nach außen ist, erklärt es sich auch, daß bei der fast vollständigen Umgestaltung des Lebens der Juden als Individuen die mehrfach unternommenen Versuche, gerade hinsichtlich der Satzungen, welche das Leben am meisten berühren und am faktischsten in das Leben eingreifen, wie Sabbath-, Speise- und Ehegesetz, Reformen zu formuliren, also Satzung an die Stelle der Satzung zu bringen, völlig scheiterten. Das Individuum läßt sich darin seine Freiheit, an der alten Satzung festzuhalten, oder sie aufzugeben, nicht beschränken, und das gesammte Judenthum als Gesammtheit hat keinen, die Bewegung konzentrirenden Mittelpunkt, von und in welchem die Fixirung der Reform geschehen konnte. Hierdurch wird aber zugleich jedes Sektenwesen vermieden und wo irgend einige Ansätze hierzu herauswuchsen, wurden sie nicht lebenskräftig und starben bald wieder ab. Das einzige Moment, bei welchem dennoch die Reform konkreter erscheinen konnte, war der öffentliche Gottesdienst. Daß dieser daher ganz besonders diskutirt wurde und noch immer wird, ist erklärlich. So wenig der öffentliche Gottesdienst an sich die Religion selbst ist, so wichtig, so unentbehrlich ist er doch nicht bloß für das Individuum, sondern für den Bestand der Religion selbst. Ja, er wird da von immer größerer Bedeutung, wo aus dem übrigen, besonders dem häuslichen Leben die religiösen Akte immer mehr verschwinden. Er ist endlich auch darin nicht ohne Beachtung, daß er für die nichtjüdische Welt die äußerliche Erscheinung des Judenthums ausmacht. Aber auch bei ihm ist nicht zu übersehen, daß nach der Lage der Dinge das Verhältniß dafselbige wie bei der ganzen Reform ist. Der Gottesdienst ist immer nur lokal, für die Ortsgemeinde, also doch nicht anders als wiederum individueller Art. Auch hier entscheidet die Beschaffenheit jeder einzelnen Gemeinde für sich; keine will sich ihre Freiheit nach rechts oder links nehmen lassen, und darum giebt es keine allgemein angenommenen gottesdienstlichen Reformen, und da wo vom Staate aus eine Zusammengehörigkeit einzelner Gemeinden eingeführt ist, konnte darum die Reform nur immer eine sehr leise und unbestimmte sein. Mit diesen wenigen Zügen glauben wir die Natur dessen, was man Reform im Judenthume nennen könnte, charakteristrt zu haben, und unser Rückblick hat deshalb wenig Faktisches hierüber anzuführen. Sobald das wissenschaftliche und literarische Leben mit den dreißiger Jahren wieder erwacht war, mußte die Discussion über die anzustrebenden oder herzustellenden Reformen immer lebhafter werden; ihr eigenster Kreis waren die Verhandlungen über den Gottesdienst. Die Gegensätze traten schärfer hervor und gaben zu heftiger Polemik Veranlassung. Wo diese sich an faktische Vorgänge lehnte, wie in Hamburg, London, Breslau, war sie jedoch immer nur kurzlebig. Es ging eben Jeder seinen Weg für sich. Desto heftiger entstanden daraus Streitigkeiten in den einzelnen Gemeinden, die jedoch meist zuletzt durch Compromisse geschlichtet wurden. In den vierziger Jahren, wo eine lebhaftere allgemeinere Bewegung der Geister durch die Welt ging, trat das Verlangen nach einer Entscheidung in den schwankenden Reformfragen energischer auf und bewirkte die Rabbinerversammlungen in Braunschweig, Frankfurt am Main und Breslau. Hätten diese sich erhalten, so konnten sie mit der Zeit eine größere konzentrirende Kraft gewinnen, ohne damit der individuellen Freiheit durch legislatorische Gewalt zu nahe zu treten. Aber sie scheiterten — nicht durch die Proteste, die sie hervorriefen — sondern weil sie allzuschnell auf Fixirung und Formulirung der Reform losgingen, also auf Dinge, welche der ganzen Natur der Bewegung im Judenthume widersprachen, dann durch die politischen Revolutionen, die eintraten, sowie endlich durch örtliche und persönliche Verhältnisse. Ueberblicken wir mit einem Male, was in der Reform des Gottesdienstes geschehen, so ist dies in der Gesammtheit durchaus von noch keinem Belang. Im Ganzen sind die Gemeinden, die sie umfänglich hergestellt haben noch immer gering an Zahl. Aber auch hier — mit alleiniger Ausnahme der Berliner Reformgenossen - schaft, die jedoch nur von örtlicher Bedeutung ist, hat die Reform keinen wesentlichen Bestandtheil des jüdischen Gottesdienstes angetastet. Es machte sich überall das redliche Streben erkennbar, das Fundament und den Grundriß des alten Cultus mit größter Schonung aufrecht und andrerseits denselben für alle Parteien offen 11*

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