Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1867)
- Date
- 1867-03-12
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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210 ihren Rath gewendet, und deren Antwort lautete ebenfalls dahin, daß mit der Petition gewartet werden müsse, bis die Parteistellung ans Licht getreten. Diese Abgeordneten waren bis jetzt hierüber noch ebenso im Dunkel wie die Draußenstehenden. Deshalb erfolgte unsrerseits die Absendung der Petition noch nicht. Nachschrift vom 5. März. Nachdem durch die Präsidentenwahlen des Reichstages bewährt worden, daß die vereinigten liberalen Fraktionen die Mehrheit bilden, in unserer Frageaber sicher die sämmtlichen Liberalen sich vereinigen, stehen wir nicht an, die Petition sammt der beigelegten Denkschrift in diesen Tagen abzusenden. Die Redaktion. Dreißig Jahre. ( Schluß.) So hätten wir denn unsern Rückblick nur noch auf einen Gegenstand zu wenden, auf das, was man gewöhnlich Reform nennt. Wir haben hierüber schon oft und ausführlich*) unsre Ansichten ausgesprochen, so daß wir uns hier kurz fassen mögen. Nach unsrer Meinung hat die Reform im Judenthume mit dem Augenblicke angefangen, wo die Juden die Ghetti's verließen und deutsch zu lesen und zu schreiben begannen. Alles, was seitdem im Jndenthume und mit den Juden vorgegangen, ist Reform und die einfache Consequenz jener beiden, eben bezeichneten Vorgänge. Darum ist auch Mendelssohn ein einflußreicher Reformator gewesen, wenn er auch keinen Buchstaben an dem bis dahin bestandenen Jndenthume geändert hat. Die Religion Israelis war von jeher, diesen Charakter hat ihr unverwüstlich Moses aufgedrückt, noch mehr Leben als Lehre. Luther konnte eine Reformation mit 17 formulirten Thesen beginnen, denn er hatte es mit Dogmen zu thun, die sich freilich zum Theil in sehr reellen Erscheinungen verkörpert hatten; er hatte den Dogmen andere Dogmen gegenüber zu setzen. Anders im Judenthume. Der dogmatische Theil desselben bietet keine Streitpunkte dar; er ist der unwandelbare Gedanke der ganzen Gotteslehre, und was von demselben discntirt werden kann, war schon in älterer Zeit Gegenstand der Verhandlung gewesen und ist ohne wesentlichen Einfluß auf das Judenthum. Sondern es galt vielmehr, neues Leben hervorzurufen, den ins Stocken gerathenen *) Siehe z. B. die Artikel „die Reform im Judenthume" Jhrg. 1862 (26) S. 355 -501. Kreislauf wieder zu raschem Pulsiren zu bringen, den in Schlummer gefallenen Geist wieder rege zu machen, und zu neuer schöpferischer Kraft zu erstarken. Mit dem Augenblicke, wo der Jude seine abgesonderte Wohnung verließ und sich unter der übrigen Bevölkerung ansiedelte, war er darauf hingewiesen, an Sitte, Sprache und Lausend anderen Dingen sich der allgemeinen Bevölkerung anzuschließen. Von dem Augenblicke, wo er ein deutsches Buch zu lesen, mit deutschen Schriftzügen und in reiner deutscher Sprache zu schreiben unternahm, öffnete sich ihm das große geistige Gebiet der allgemeinen und wissenschaftlichen Bildung. Was er nach beiden Richtungen hin in sich aufnahm, mußte sein inneres und äußeres Leben umgestalten, von dem alten Standpunkte hinweg und auf einen neuen heben. Dieß ist in Wahrheit die Reform iw Judenthum gewesen. Sie war allerdings darum zuerst nur eine individuelle, d. h. sie vollzog sich mehr oder weniger in einer Zahl von Individuen, die mit jedem Jahrzehent anschwoll. Erst als diese Zahl immer größer ward, konnte man jene Reform als eine allgemeine ansehen, und von da aus strebte sie denn auch nach äußerem Ausdruck, nach äußerer Gestaltung in den religiösen Institutionen. Das Streben nach gesetzlicher Gleichberechtigung und das Verlangen nach socialer Gleichstellung, die Herstellung einer Wissenschaft und Literatur des Judenthums, die Förderung einer anerkannten Stellung des Judenthums im Staate und im ganzen Kulturleben der Menschheit, und endlich die Hebung und Veredlung aller kultuellen Einrichtungen, waren der Ausfluß dieser im Leben der Juden vorgegangenen inneren und äußeren Reformen. Selbstverständlich verwebten sich auch hier Ursache und Wirkung mit einander. Hieraus erkennt man, daß im Wesen es gar nicht darauf ankommt, ob die einzelnen Juden fester an einzelnen Satzungen halten oder nicht, in dieser oder jener Synagoge einige Veränderungen des Gottesdienstes mehr oder weniger vorgenommen wurden, um in den Bekennern des Judenthums eine Reform vorgegangen anzunehmen oder nickt. Vielmehr ist diese geschehen in den Juden aller civilisirten Länder und nur da, wo sie noch in den mittelalterlichen Verhältnissen leben, sei es durch die gesetzlichen Beschränkungen, sei es weil das neue Leben sie noch nicht erreicht hat, kann man sie mit Fug und Recht noch dem alten Jndenthume angehörig bezeichnen. Ebenso ergiebt sich hieraus, wie falsch und an sich inhaltslos jene Unterscheidung ist, welche so gern von zwei Seiten aus gemacht wird, zwischen „ortho-