Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1867)
- Date
- 1867-03-05
- Page
- Seite 207 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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207 * Natur ettie Segensfülle ausgeschüttet, die zu heben nur die fleißige Menschenhand fehlt. Wie anders würde sich das Bild gestalten, wenn die Wasser des Jordans rauschende Mühlräder trieben, wenn aus dem Grün seiner Ufer friedliche Ansiedlungen lugten, deren Bewohner es verständen, auf rationelle Weise dem ergiebigen Boden ein reiches Erträgniß abzngewinnen. Auf den Terrassen und Berggeländen könnte die Rebe mit Hunderten von rothen und weißen Trauben prangen, und in den Wäldern fände der Jager reiche Beute und der Fischer reichen Fang im Strome.*) Aber die räuberischen Beduinenstämme, die ihre Zelte auf der großen Ebene von Esdrelom aufschlagen, und jene wilden Horden, die in den schluchtenreichen Bergen Moabs hausen, machen jede Ansiedlung unmöglich. Bei der türkischen Regierung mag wohl der Wille gut sein, aber die Kraft ist schwach, und so kommt es, daß die schöne Jordan ebene, die zum paradiesischen Garten Palästinas werden könnte, immer mehr verfällt, weil ihr die Menschen fehlen, die es verstehen, sich die Natur dienstbar zu machen. Nur einmal alljährlich belebt sich das Jordanthal, wenn zur Osterzeit die Pilgerschaaren in ganzen Karawanen herbeiströmen, mn sich in dem Flusse zu baden. An der Stelle, wo Jesus von Johannes getauft worden sein soll, machen die Tausende, die zu Pferd, zu Esel und zu Kameel die mühsame Reise unternehmen, Halt. Das rechte Ufer ist hier flach und ermöglicht einen leichten und bequemen Zutritt zum Wasser, während das linke Ufer in jähen Kalkhügeln aufsteigt. Die griechischen Pilger entkleiden sich, ziehen das weiße Linnenhemd an, in dem sie dereinst zu Grabe gelegt werden wollen, bekreuzen sich dreimal, steigen dann in die Fluth hinab und Lauchen dreimal unter. Mit dem Wüstensand, den sie abgespült, glauben sie auch alle ihre Sünden abgewaschen zu haben. Mit ungeheurem Ernste benehmen sich bei dem Jordanbade die christlichen Araberinnen und die Koptinnen. Sie, die sich sonst scheuen, unverschleierten Antlitzes auf die Straße zu treten, sie steigen sans gene mitten unter die Männerschaar, nehmen ihre Kinder, die, auf ihren Achseln sitzend, mit den Händchen den Kopf der Mutter halten, und tauchen sie zu wiederholten Malen bis über den Kopf unter das Wasser. Da hilft kein Jammern und Schreien, die Kleinen müssen. Am abschreckendsten geberden sich die Russen und Griechen, deren Fanatismus nicht eher ruht, bis Einige, wie dies alljährlich vorzukommen pflegt, in der rauschenden Fluth ein Grab gefunden, das von den Ueberlebenden oft sogar innig beneidet wird. Der Glaube an die reinigende Kraft des Jordans ist ein alter und allgemein verbreiteter, und wer da weiß, wie wohlthätig ein solches Bad auf einen mit orientalischem Schmutz bedeckten Körper wirkt, der wird *) Man steht hieraus, wie begreiflich es ist, wenn wir von der erstaunlichen Bevölkerung des alten Palästinas lesen, die zur Zeit, als das Land noch Israel gehörte, hier Platz fand. Red. d. A. Z. d. I. ihn begreiflich finden. Naman der Syrier ward auf Elisa's Befehl durch siebenmaliges Baden in seinen Wassern von seinem Aussatze geheilt, und seit dieser Zeit mag dieses Reinigungsmittel viel ähnliche Erfolge erzielt haben, wenn uns auch keine Chronik hiervon berichtet. Der Jordan ist ein Fluß, dem neben seinen natürlichen auch noch ganz absonderliche Eigenschaften zugeschrieben werden. Der Pilger füllt in Blechslaschen , die sorgsam verwahrt und gesiegelt werden, sein geheiligtes Wasser; an. seinen Ufern schneidet er sich den grünen Pilgerstab und aus seinem Bette nimmt er sich Kieselsteine mit in die ferne Heimath zum Angedenken. Das Wasser des Jordan ist wohlschmeckend, hell und krystallrein; nur zur Zeit seines Hochganges, wenn es die sandigen Ufer aufwühlt, wird es 'schmutziggelb, wie das Wasser der Seine zur Winterszeit; aber nach kurzem Stillstand reinigt es sich und der Satz fällt zu Boden. Der Jordan, Scheriet-el-Kebir*), entspringt in einer sumpfigen Gegend, nahe von Hasbeiah im Libanon, fließt in den See von Genezareth**), schießt dann nach vielen Windungen und Krümmungen hinab in das Ghor und begräbt seine Fluthen im Tobten Meere. Nahe vor dem Ausflusse ist sein Lauf träge und stagnirend, als fürchte er sich vor dem Tode. Einige Schritte im Meere, und er ist spurlos verschwunden, da die größere specifische Schwere des Meerwassers ihn jäh in die Tiefe stößt.***) Sein gerader Lauf beträgt ungefähr 25 und sein viel- und schnellgekrümmter wohl reichlich 70 deutsche Meilen. t) Seine Breite mißt bei Jericho 80, bei seinem Einströmen in den Salzsee, wo er ein kleines Delta bildet, 300 Fuß, und seine durchschnittliche Tiefe 12 Fuß. Einst spiegelten sich in dem Wasser des Jordan blühende Städte, jetzt elende Trümmerhaufen. Da lag in dem herrlichen Thale Aulon Jericho, die hochberühmte Dattelstadt. Wer kennt nicht die Erzählung der Bibel, nach welcher zur Zeit Melchisedek's sieben Könige über sie herrschten -sf), von denen jeder einen Stadttheil stiftete, und welche deren Mauern vor dem Schalle der Posaunen Josua's in Schutt und Staub sinken läßt? Damals wurden alle Bewohner der Stadt, mit Ausnahme Rachab's und des Hausgesindes ihres Vaters, ausgerottet. Wieder aufgebaut, verherrlichte sie die Schule des Propheten; sie blühte auf's neue und wurde nach Jerusalem die erste Stadt Palästinas. Zu Augustus' Zeit hielt hier Herodes seinen königlichen Hofhalt. Großartige Paläste ragten über das Blätterdach der Palmen empor, mächtige Wasserleitungen versorgten die volkreiche Handelsstadt mit frischem Labetrunk, ein Amphitheater lockte *) D. h. „die große Tränkstelle". **) Vorher schon durch den See Merom. Red. ***) Wenn der Reisende richtig gesehen haben mag, so ist doch die Erklärung gegen das Naturgesetz. Red. f) Diese Länge gilt nur für die Entfernung vom See Liberias bis zum Todten Meere. Red. -Hl Wo steht dies in der Bibel? Wohl eine Verwechslung mit den fünf Königen des Schittimthales. 1 Mos. 14. Red.