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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-03-05 · Heft 10 (5.3.1867) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 10 (5.3.1867)
Date
1867-03-05
Page
Seite 208 (sequence 24)
Language
German
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208 die schaulustige Menge, und in der Schauburg kam das Volk zu Berathungen zusammen; reiche Handelsherren, welche die vornehme Welt Roms und Alexandriens mit dem kostbaren Harze der Balsamstaude versorgten, hatten ausgedehnte Magazine angelegt, und auf kunstreichen Straßen, die über das felsige Gebirge zogen, strömten hier die Karawanenzüge zusammen. Hier traf sich der Jude, der Römer und der Araber; aus Italien und Spanien kamen Legionäre und Tänzer, Gladiatoren, Rabulisten und Courtisanen. In dieses Gewühl der reichen Handelsstadt treten die ungebändigten Söhne Jsmael's und Esau's, die unter ihren Zelten lagern, ihre Rinder¬ und Schafheerden von den Weideplätzen am Jordan in Jericho feilbieten, kriegerisch-malerische Gestalten und weder dem Kaiser noch seinen Königen treupflichtig. Mit dem Glanze Jerusalems erblich auch der Stern von Jericho. Von den Königspalästen und den alten Herrlichkeiten blicken nur noch dürftige Ueberreste aus Sand- und Steinhaufen, geborstene Säulenstümpfe, halb in Schutt begraben, und Bogen von Wasserleitungen, die Schlingpflanzen überwuchern, herab. Ein elendes Dorf von ungefähr dreißig erbärmlichen Hütten, die eher Viehställen als menschlichen Behausungen ähnlich sehen, hier und da ein schwarzes Beduinenzelt und ein alter Wartthurm — das ist das Bild von dem heutigen Jericho. Die herrlichen Palmenwälder, unter denen einst in schattiger Kühle die Großen von Jericho gewandelt, sind abgestorben, und verschwunden sind die Pflanzungen von Zuckerrohr und Indigo. Die Bewohner von Rihha, dem jetzigen Jericho, arabisch Sidr, sind negerartig; sie haben schwarzes, wolliges Haar und schwächliche, schlaffe Gesichtszüge. Diejenigen der edlen Bewohner von Rihha, die es nicht unter ihrer Würde halten, sich ausnahmsweise einmal einer Beschäftigung hinzugeben, sitzen neben aromatischen Misthaufen, zerdrücken die gelben Nußkerne vom Zukkum i Balsambaum), kneten sie zu Brei, gießen dann heißes Wasser und Oel darliber — und das duftende Balsamöl, die Unze zu zehn Piaster, ist fertig. Mit diesem unschuldigen Surrogate beschenkt dann der Reisende seine werthen europäischen Freunde und Bekannten, die in dieser Mixtur den einst so berühmten Opobalsam sehen, der aus den frischen Einschnitten eines Stammes troff und mit Gold ausgewogen wurde. Der Anblick der schmutzigen Hütten, die aus Lehm und Binsen zusammengeklebt sind, mtb in deren Innern die halbnackten Bewohner in Gesellschaft räudiger Kläffer herumlungern, ist ein ekelerregender. Dornhecken, die das Eindringen der Schakale zur Nachtzeit abwehren sollen, umzäunen das Dorf, nun die Stätte wilder Räuberromantik, einst die herrlichste Domäne Palästinas, die Antonius der schönen Egypterköuigin Kleopatra zum Geschenke gemacht. 6. Linder. Verlag von Baumgartner s Buchhandlung Verantwortlicher Red Kuriosa. Die Zeitschrift für Culturgeschichte theilt Folgendes mit. Dicht bei Halle wurden zu Anfang der Regierung Friedrich's des Großen fünf Juden wegen Einbruchs gefangen und zum Strange verurtheilt. Ein reicher Jude, Mendel aus Halle, bat um die Erlaubniß, die fünf Verbrecher nach erfolgter Hinrichtung abschneiden zu dürfen, um sie auf dem jüdischen Friedhofe zu begraben, wofür er dann den Armen 100 Friedrichsd'vr zahlen wollte. — Bewilligt. Nun aber redete sich einer der Deliquenten ein, die Taufe könne ihn vom Tode befreien und unterwarf sich ihr im Kerker. Aber die Kirche „bedankte" sich vor den „Blattern des Judenthums" und unser loser Vogel ward trotz der Taufe gehenkt wie seine anderen Collegen. Der reiche Mendel verabscheute, den Apostaten und supplicirte zu Gericht, ihm 20 Friedrichs'or von den 100 gezahlten zurückzugeben, denn er wolle nur die 4 gehenkten alten Juden abschneiden, nicht aber den neuen Christen, mit dem er auf beut Judenfriedhofe nichts anfangen könne. Darauf kam folgendes salomonische Urtheil: „Da der Handel einmal abgeschlossen, könne Mendel kein Geld zurückerhalten. Es stehe ihm frei, 5 oder 4 Mann abschneiden zu lassen. Aber wenn er nur 4 Mann abschneiden lasse, so solle er — den ersten Juden zu gut behalten, der nächstens einmal gehenkt werde!" Das war denn ein kerniger Spruch; Mendel seufzte und dachte wahrscheinlich: bäat Justitia et pereat mundus! Die Acten dieses kostbaren Processes sind sehr verschimmelt, aber der Styl derselben ist von dem heutigen „Curialstyl" wahrhaftig nicht — um 100 Jahre verschieden! In Bühl bei Baden-Baden hat am 10. Februar ein israelitisches Ehepaar , Kaufmann Schweizer und Rachel, geb. Ullmann, die diamantne Hochzeit gefeiert. Die Ehelichungsurkunde datirt vom 10. Februar 1807. Die ganze Stadt nahm an der Feier durch den Besuch der Synagoge Theil. Der Großherzog sandte den noch rüstigen Jubilaren ein „Gnadengeschenk." Anekdoten. Ein Jude saß in einer Conditorei, ein Officier trat ein und sagte mißvergnügt, als er Ersteren erblickte: „Ueberall trifft man jetzt Juden!" „Nun," rief schnell der Jude, „wissen Sie was, gehen Sie in's Zuchthaus, da werden Sie uns nicht treffen!" Ein polnischer Jude, der sich von einem englischen Missionar für eine entsprechende Summe bekehren ließ, klagte einem Anderen: „Mein Chammer macht so lang, und ich möchte doch noch vor Jomtof zu Hause sein!" Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld, mr H. Lotze.

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