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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-03-05 · Heft 10 (5.3.1867) · p. Seite 197

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 10 (5.3.1867)
Date
1867-03-05
Page
Seite 197 (sequence 13)
Language
German
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197 Schweiz. Luzern, 10. Februar. (Privatmitth.) Am 6. d. M. fand hier durch den Rabbiner vr. Kahserling die erste israel. Trauung unter Anwesenheit vieler christlicher Zuhörer Statt. Die schweizerischen Blätter sprechen sich über die Feier sehr lobend aus. Frankreich. Pariö, 15. Febr. Je öfter wir gegen ultramontane Feindseligkeiten zu kämpfen haben, desto erfreulicher sind uns Beweise der Menschenliebe seitens eines katholischen Geistlichen, wie sie eben jetzt viel seltener geworden, als sie es noch vor einem halben Jahrhundert waren. Der Bischof von Ranch, Herr Lavigerie, gegenwärtig zum Erzbischof von Algier ernannt, sandte dem Bürgermeister dieser Stadt 1000 Frs. zur Unterstützung der Armen, die von den Folgen des letzten Erdbebens betroffen worden, und forderte ausdrücklich, daß bei der Lertheilung keine Rücksicht auf Religions- und^ Stammesunterschiede, sondern nur auf die Bedürftigkeit genommen werde. Möchte doch die Zeit bald gekommen sein, wo ein solches Verfahren als selbstverständlich, nicht aber als rühmenswerth oder gar als merkwürdig betrachtet wird. — Die Arch. isr. erwähnen der neulichen Interpellation im preußischen Abgeordnetenhause, in welcher u. A. erwähnt worden, daß die russischen Juden von ihrer Regierung berechtigt sind, ausländische Juden, die in eine russische Stadt kommen, ohne Berücksichtigung der Dauer ihres Aufenthaltes zu Gunsten ihrer Gemeinden zu besteuern. Die Redaküon der Arch. isr. macht hierzu die sonderbare Bemerkung: „Was die französischen Juden, die, was freilich selten geschieht, sich nach Rußland begeben, betrifft, so ist dies eine Steuer, welche sie nicht treffen wird, da ihr Paß ihrer Religion nicht erwähnt." Run, auch die preußischen Pässe erwähnen seit 1848 der Religion nicht mehr, auch aus ihnen ist die Rubrik „Religion" verschwunden. Aber setzt denn die Redaktion voraus, daß die französischen Juden als letztere nur durch den Paß sich zu erkennen geben? Besuchen sie keinen Gottesdienst? Haben sie gar kein religiöses Bedürfniß? Der Paß macht es also bei den preußischen Juden auch nicht. Im Grunde würden wir dieses kleinen Fehlgriffes nicht erwähnt haben, wenn nicht die auswärtigen Journale die staatsbürgerlichen Verhältnisse der Juden in Preußen gar zu oft mit unrichtigen Farben schilderten, und darin Jrrthümer begingen. Vaterlandsliebe und Rechtsgefühl müssen uns anhalten, dergleichen zu berichtigen. Hierbei wollen wir unsere Verwunderung nicht unterdrücken, daß die ausländischen jüdischen Journale der jüngsten Petitionen der preußischen Synagogcngemeinden und der Verhandlungen im preußischen Abgeordnetenhause — mit Ausnahme des Däne. isr. — gar keine Erwähnung gethan. Wer diese unbedeutende Interpellation erwähnt, die mehr Kuriosität als Wichtigkeit enthält, sollte doch jenen glänzenden Vorgang nicht mit Stillschweigen übergehen. — Die Arch. isr. bringen die Nachricht vom Tode Jean Czhnski's, früher Advokat zu Lublin, polnischer Flüchtling seit 1832. Den 20. Juni 1801 geboren, verstarb er am 31. Januar d. I., 66 Jahre alt, zu London. Er war einer der wärmsten und ausdauerndsten Vertheidiger der polnischen Juden, für die er Gleichberechtigung und freie Entfaltung ihrer Kräfte forderte. Er that dies durch Wort und That. Zahlreiche Schriften sind von ihm zu diesem Zwecke ausgegangen. Czhnski war als Katholik geboren, seine Eltern waren getaufte Juden. Herr L. Hollenderski, der über diesen Sterbefall berichtet, bemertt hierbei: Die höchste Aristokratie der Polen zählt unter ihren Reihen eine große Anzahl Enkel von Neophhten, z. B. die Malachowski, die Augustowski, die Wolowski, die Lelewel, die Michcwitz rc. rc. Es ist zu bemerken, daß keiner dieser hervorragenden Männer von jüdischer Abstammung, deren Aeußeres selbst den Ursprung bezeugt, jemals die Vertheidigung der Israeliten ergriffen hat; im Gegentheil, in allen politischen und socialen Verhältnissen zeigten sie sich, und die welche noch leben, zeigen sich noch kälter und gleichgültiger gegen sie als die andern Christen. Jean Czhnski war der einzige, der eine Ausnahme machre, selbst unter seinen Brüdern und Schwestern. (In Deutschland wurde Jean Czhnski am bekanntesten durch seinen Roman „ie roi des paysaus,“ der auch ins Deutsche übersetzt worden. Der Gegenstand desselben ist die bekannte polnische Jüdin Esterka, und hat dieser Roman uns zu unserem Drama „Esterka" Veranlassung und theilweise den Stoff gegeben. Die Redattion der A. Z. d. I.). — Am 24. Februar finden die Wahlen für das Consistorium von Paris statt, die diesmal um so wichtiger sind, als das Con-

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