Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1867)
- Date
- 1867-03-05
- Page
- Seite 196 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Füßen entzogen werde u. s. w.; wird einmal ein besserer Geist in der Masse geweckt, der Geschmack geläutert, der Sinn für edlere Formen geschaffen, dann werde diese spätere Generation selbst das Bedürfniß fühlen auch dem Gottesdienste zeitgemäßere Gestaltung zu geben und für Anstellung gebildeter Rabbiner oder Prediger Sorge tragen. — So vernünftig und naturgerecht aber diese Ansicht an und für sich auch ist, denn jeder Bau wird von unten begonnen und nach oben ausgeführt, so unpraktisch ist sie für Galizien, was wohl jeder Wohlmeinende, der die Sachlage gründlich kennt und beherzigt, zugeben muß. Denn wer soll die Schulen gründen? Der Gemeindevorstand. Wer wählt und wird zum Gemeindevorstande gewählt? Die Masse wählt den Wohlhabenden, d. h. den Magid und Mejuchas zum Vorstande. Diese Leute stehen aber, was Bildung und Weltanschauung betrifft, in der Regel selten über dem Niveau der niedrigen Volksschichten; sie werden also niemals für besseren Unterricht und zeitgemäße Bildung der Jugend ernstlich thätig sein. Sollen etwa die Rabbiner dieselben aufmuntern? Diese finden ihre Rechnung besser, wenn es beim Alten bleibt, denn im Finstern leuchtet auch ein schwaches Oellämpchen. Aus welcher Klasse sollen ferner die schulpflichtigen Kinder für die Schule rekrntirt werden? Natürlich, aus der Mittlern und untern. Diese haben aber noch keinen Sinn dafür und müßte ja dieser Sinn erst durch die Schule geweckt werden. Was also anderswo vernünftig und naturgerecht ist, ist hier durchaus unpraktisch, weil diejenigen Kreise, die erst der Bildung, sagen wir lieber der Civilisation zugeführt werden sollen nicht die Förderer derselben sein können. Hier muß beim Haupte angefangen werden. Steht einmal an der Spitze einer Gemeinde ein Mann von gründlicher theologischer lind profaner Bildung, der mit dieser Bildung auch einen würdigen Charakter, ein liebevolles Herz für die Religion, die er vertreten, und für die Genossenschaft, die er moralisch leiten soll, verbindet, so kann er bei thatkräftigem Vorgehen mit der Zeit in dem Maße veredelnd auf die Gemeinde wirken, daß sie sich allmälig zu Allem herbeiläßt, was er ihr als gut und nützlich anempfiehlt. Würdigen, imponirenden Charakter» unterordnet sich.gerne die Masse und an Opferwilligkeit fehlt es den Juden in Galizien nie. — Anstatt nun für diese praktischere Methode thätig zu sein, ließen sich die Führer der Fortschrittspartei von ihren schlauen Gegnern eine Nase drehen, indem sie den ihnen listigerweise hingeworfenen Köder der dringlichern Nothwendigkeit einer elementaren Bildung anbissen und — die Dupirten blieben; denn es sind seitdem 4—5 Jahre verstrichen und wir haben weder das Eine noch das Andere. — Was aber den Männern des Fortschrittes nicht gelungen, kann nun durch den Schritt des Sandezer gelingen. Wir sind es von unfern Heiligen und ihren frommen Anhängern gewohnt, daß sie, was sie thun, mit Energie erfassen und gerade auf das Ziel losgehen, daher auch alles durchsetzen, was sie unternehmen;- überhaupt wenn es sich um religiöse Dinge handelt. Es handelt sich ja nicht, wie damals, um Gründung von „Skolas", wo die Kinder „datsch" lernen sollen, cs handelt sich auch nicht um den Bau von Tempeln oder Synagogen, die aussehen wie eine „Tumah", oder um Anstellung von Rabbinern, die einen schönen Vortrag halten können; wegen solcher Lappalien würde der Seelsorger in Sande; gewiß keine Feder eingetaucht haben. Es handelt sich aber um höhere Lebensfragen, um Zulässigkeit oder Nichtzulässigkeit von Cochin-China- Hühnern in jüdischen Küchen, und da sich durch die seit Jahren noch immer nicht gelöste Meinungsverschiedenheit in dieser heiligen Angelegenheit herausgestellt hat , daß die gesammte uns vorliegende halachische und kasuistische Literatur in allen Drucksorten und Formen von der Mischnah angefangen bis herunter zum jüngsten Gutachten obskurer polnischer Rabbiner für unsere fortgeschrittene Zeit nicht mehr ausreicht, so versteht es sich von selbst, daß zeitgemäße Rabbinatsschulen gegründet werden müssen, in welchen Anatomie und Naturgeschichte der Vögel den Hauptlehrstoff zu bilden haben; die Hauptpflege soll den Realien gewidmet werden, besonders dem Zeichnen. Die reinen und unreinen Vögel werden in Farbendruck auf eigenen Tabellen den betreffenden §§ beiliegen, ein Naturalienkabinet zur bessern Veranschaulichung der naturgeschichtlichen Objekte des Jora Deah wird angelegt, die Erlernung der Kibitz'schen Sprache muß eine obligate werden, mit einem Worte: Wir gehen einer Hellen vielversprechenden Zukunft entgegen, von den sogenannten Fortschrittsmännern aber haben wir leider gar nichts zu erwarten. Di-. Gottl. Ehrlich.