Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1867)
- Date
- 1867-03-05
- Page
- Seite 189 (sequence 5)
- Language
- German
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des Geschichtsschreibers ein gefärbtes Glas Vorhalten. Der Jude aber ist seiner Geschichte nach von selbst auf den unparteiischen Standpunkt gestellt und lediglich an die fortschreitende Entwickelung in der Menschheit gewiesen, welche ihn aus politischen und geistigen Fesseln befreite. An den großen Kämpfen der Vergangenheit, z. B. zwischen Papstthum und Kaiserthum, zwischen dem Absolutismus und der Feudalaristokratie, Katholizismus und Reformation u. s. w. hat der Jude als solcher keinen geschichtlichen Antheil genommen, und es wird daher sein Blick klar und vorurtheilslos in die geschichtlichen Ueberlieferungen schauen , sie unparteiisch sichten und kritisiren können. Je mehr aber der jüdische Schriftsteller bei Behandlung allgemeiner Stoffe auch dem allgemeinen Publikum gegenübersteht, desto mehr wird er sich vor spezifischen Gesichtspunkten hüten und so bei dem wärmsten Interesse für den Gegenstand sich interessenlos zeigen und bewähren. Wir haben es in der neuesten Zeit erlebt, daß bei der schroffen Gegensätzlichkeit in der Gegenwart die Parteibehandlung bis in die Geschichte des Alterthums zurückgriff und die historischen Erscheinungen desselben von modernen Parteibegriffen und für moderne Parteizwecke behandelte. Unsere eben dargelegte Ansicht ist also durchaus nicht gegenstandslos. Die vorliegende Schrift ist aus diesem Gesichtspunkte nicht ohne Bedeutung. Die Zeit, die sie behandelt, ist gerade die Epoche, wo Papstthum und Kaiserthum mit einander rangen und ihren Kampf zu klarem Bewußtsein gebracht hatten, wo ebenso das deutsche Kaiserthum mit der Souveränetät seiner großen Vassallen in Kampf stand, wo die Entscheidung zwischen allen diesen streitenden Instanzen hin und herwogte. Der Verfasser steht dem Referenten zu nahe, als daß der letztere ein Urtheil über die Leistungen desselben abgeben dürfte. So viel aber wird jedem Einblick in das Buch sich sofort zeigen, daß hier eine redliche, gründliche und umfassende Forschung mit ausgedehnter Benutzung der vielen, in neuester Zeit eröffneten Quellen vorliegt. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 20. Februar. (Privatmitth.) Die feudale Presse, die Kreuzzeitung voran, ist ganz außer sich über die Wahl Lasker's im ersten Berliner Wahlbezirke. Dieser Bezirk ist bekanntlich der vornehmste in Berlin und die Hochtories haben daselbst ihre Wohnung aufgeschiagen. Am ehesten war daher die Wahl eines konservativen Candidaten zu erwarten, und man hatte geiviß den würdigsten und einflußreichsten aufgestellt, den Kriegsminister von Roon. In der That erhielt derselbe 4781 Stimmen. Aber auf Lasker vereinigten sich dennoch 7708 Stimmen, so daß dieser 2927 Stimmen mehr als Roon, und 1403 mehr als die erforderliche absolute Majorität harte. Dem Commerzienrath Leonor Reichenheim war der Rechtsanwalt von Chappuis von konservativer Seite gegenübergestellt. Das konservative Wahlprogramm enthielt u. A. folgenden Satz: „Allerdings sind die politischen Rechte nach der Verfassung vom religiösen Bekenntnisse unabhängig, dennoch würde es meines Erachtens einen eigenthümlichen Eindruck machen, wenn der Waldenburger Kreis — der mit geringer Ausnahme aus christlichen Bewohnern besteht — auch diesmal wo er für sich allein einen einzigen Abgeordneten zu wählen hat, sich dazu herbeilassen wollte, auf dem norddeutschen Reichstage sich durch einen Abgeordneten mosaischer Confession vertreten zu lassen. Der Commerzienrath Rcichenheim ist Israelit, Herr v. Chappuis ist Christ." Siehe da, die Abstimmung des Volkes hat deutlich und laut geantwortet! — Auch an anderen Orten hat man, liberalen Candidaten gegenüber, ähnliche Kunststückchen versucht, ohne von besserem Erfolge begleitet zu sein. So erzählt die „Nordhäuser Zeitung" Nr. 41: „Schließlich noch ein Wahlstückchen aus dem nachbarlichen Wahlkreis Sangerhausen — wahrer Marcipan! In der goldnen Aue unfern der guten Salzstadt Artern liegt ein stilles Dörflein Namens Ritteburg mit einem frommen Seclenhirten Namens Wcilep. Letzterer fühlte beim Herannahen des Wahltages, wo man den bewährten Abgeordneten Jüngken zu wählen Miene machte, daß er auch ein Politikus sei, schickte den Nachtwächter aus und sammelte Ritteburg zu einer politischen Sitzung und sagte: Wählt mir nicht Jüngken, sondern den Kriegsminister v. Roon! Das Alles, vom Kriegsminister bis auf den Nachtwächter war nun das gute Recht dieses frommen Herrn. Aber weshalb wollte er denn Jüngken nicht, sondern v. Roon? Er hat, meint der Herr Pastor, in der Kammer für die Gleichberechtigung der Juden gestimmt!! Darauf folgte eine Zornrede wider die Juden! Ja diese Juden! „Sie arbeiten nicht und wo