Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-02-26 · Heft 9 (26.2.1867) · p. Seite 183

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 9 (26.2.1867)
Date
1867-02-26
Page
Seite 183 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226591--24729-3260198
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

183 zeit Kosch's war es, wo in Preußen auf jede Weise versucht ward, gemischte Paragraphe des Edikts vom 8. März 1812, das den Juden einige Rechte eingeräumt hatte, ungiltig zu machen. Als der Studiosus Kosch im Mai 1825 seine Militärpflicht, wie es allen Medicinstudirenden ohne'Ausnahme gestattet war, als Compagniechirurgus ableisten wollte und die erforderliche Prüfung bestanden hatte, wurde er durch königliche Bestimmung zurückgewiesen, weil er Jude sei und bis jetzt keiner diese Charge bekleidet habe. Aber sonderbar genug, diese Norm der Ausschließung fand 2 Jahre nachher auf denselben, mittlerweile zürn Dr. und practischen Arzt herangereiften Kosch keine Anwendung, er wurde 1827 als Assistenzarzt der Königsberger chirurgisch-ophthalmologischen Klinik mit Gehalt und Aussicht auf Anstellung an größeren Krankenanstalten vom Ministerium angestellt, als königlicher Beamter durch Handschlag statt der Eidesformel am 7. Mai 1828 vereidigt und fünf Jahre in dieser Stellung belassen, obwohl nur 2—3 Jahre dafür festgesetzt waren. — Dr. Kosch nahm stets den regsten Antheil an dem Leben und Gedeihen der jüdischen Gemeinde Königsbergs. Er gehörte 1838 der Commission an, welche behufs Regülirung des Synagogen-Gottesdienstes zur Berathung und Beschlußfassung zusammentrat. Er entwarf 1859 das Gemeindestatut mit und ist seit 7 Jahren Vorsitzender der Repräsentanten. Als solcher nahm er auch 1865 an dem neuen Regulativ der umgestalteten Religionsschule Antheil. Dienstag den 5. Februar fand bei Munk eine Sitzung der Kommission des Pariser Konsistoriums zur Verschmelzung der Riten (des portugiesischen, deutschen und polnischen in den im Bau begriffenen neuen Synagogen von Paris) statt. Gegen IO1/* Uhr wurde die Sitzung aufgehoben; aber kaum hatten die Mitglieder der Kommission ihren Kollegen, der von bester Gesundheit war, verlassen, als dieser von einer plötzlichen Lähmung und Gehirnkongestion betroffen wurde. Er fiel aus seinem Lehnstuhle herab, man hob ihn, den Bewußtlosen und schon Unbeweglichen, auf. Vergebens verwandten zwei Aerzte die möglichste Sorgfalt auf ihn: er starb gegen 4 Uhr des Morgens, ohne den Gebrauch der Sinne wieder erlangt zu haben. Salomon Munk war Mitglied des Instituts von Frankreich, Professor am College de Drance (einem Theil der pariser Universität), Ritter der Ehrenlegion, Mitglied des Centralkonsistoriums der Israeliten von Frankreich, Mitglied verschiedener Akademien und gelehrter Gesellschaften re. Freitag den 8., 10 Uhr Vormittags fand das Begräbniß statt, zu welchem sich eine außerordentliche Anzahl bedeutender Männer aus allen Schichten der Gesellschaft eingefunden. Am Eingänge des Gottesackers Montmartre nahm Herr Albert Cohn das Wort in ergreifendster Weise. Dreißig Jahre hatte er mit dem Verstorbenen in inniger Freundschaft gelebt, im lebhaftesten Austausch der Gedanken, in gemeinsamen Entwürfen und Arbeiten. So konnte Albert Cohn nur sein Herz sprechen lassen, um das Bewußtsein des großen Verlustes in allen Anwesenden auf's Lebhafteste zu wecken. Am Grabe selbst sprach Herr von Longperier, Präsident der Academie des Inscriptions et des Belles- Lettres, im Namen des Jnstitus, Herr Ad. Franck, College des Verstorbenen am Institute, an der Universität und im Consistorium, im Namen des letztern, und endlich der Großrabbine Herr Isidor. Aus der Rede des Herrn Franck übertragen wir hier folgende biographische Skizze: „Geboren zu Glogau im Jahre 1803, war S. Munk der Sohn eines armen Synagogendieners. Aber die Armuth, diese harte Erzieherin, die selten den hervorragenden Männern gefehlt hat, lehrte ihn die große Kunst, für sich selbst zu sorgen. Nachdem er bis zum Alter von vierzehn bis fünfzehn Jahren die heilige Schrift und den Talmud mit einem Erfolge studirt hatte, der ihm die rabbinische Laufbahn hätte eröffnen können, begab er sich nach Berlin, um dort die Kenntniß der klassischen Sprachen zu erwerben, zugleich aber sich in derjenigen des Hebräischen zu vervollkommnen. Er machte die Reise zu Fuß, da er kein Geld hatte, seinen Platz in der Post zu bezahlen, und er gab in dem Wenigen, was er wußte, Unterricht, um seinen Bedürfnissen zu genügen. Auf dieselbe Weise setzte er sich in den Stand, sein Schulgeld für das Gymnasimn zu bezahlen. Uebrigens, wenn er viel arbeitete, so wußte er von wenigem zu leben, denn er war nicht allein sein eigener Diener, sondern auch sein eigener Koch. Von dem Gymnasium, auf welchem er die glänzendsten Zeugnisse empfing, ging er zur Universität über, saß einige Zeit zu den Füßen Hegel's, dessen Lehren seine religiöse Seele nie hat annehmen können, lieh ein aufmerksames Ohr den Unterweisungen Böckh's und Bopp's, des berühmtesten Kenners der vergleichenden Grammatik, und begab sich dann nach Bonn, angezogen durch den Ruf Freytag's, Lassens und Schlegel's, um sich im besonderen den orientalischen Sprachen zu widmen. „Er war sicherlich hinreichend unterrichtet, um in seinem Lande die Functionen eines Privatdocenten oder außerordentlichen Professors zu erfüllen; aber die preußische Regierung verschloß ihm den Eintritt in jede öffentliche Laufbahn. Wir haben kein Recht, ihr wegen dieser intoleranten Handlung — die glücklicherweise in dem freien und constitutionellen Preußen unserer Tage unmöglich geworden ist — zu zürnen, denn sie hat Herrn Munk zu unserem Mitbürger gemacht; sie hat unserem Frankreich einen berühmten Gelehrten gegeben, um dessentwillen nicht allein Preußen, sondern ganz Deutschland es beneidet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.