Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1867)
- Date
- 1867-02-26
- Page
- Seite 184 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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184 „2m Jahre 1828 kam Munk nach Paris: und während er zugleich drei orientalische Sprachen studirte, das Arabische unter Silvestre de Sacy, das Sanskrit bei Ch6zy, das Persische bei Quatremöre, verschaffte er sich den Lebensunterhalt, indem er Unterricht gab wie in Berlin und indem er den verschiedenen Journalen gelehrte Arbeiten lieferte. Im Jahre 1838 wurde er Beamter an der königlichen Bibliothek, wo seine Anwesenheit eine unverlöschliche Spur in den kostbaren, leider noch nicht herausgegebenen Notizen zurückgelassen hat, die er über die hebräischen Manuskripte verfaßte. Bei einem Gehalte von 900 Franken, fand er, während er schon mit der liebevollen Frau verheirathet war, die bis zu seinem letzten Tage seinen Trost, seinen Stolz und seine Kraft ausmachte, die Kunst, seiner Mutter eine Rente von 1200 Franken zu geben. Man durchdringt das Geheimniß dieses wunderbaren Systems der häuslichen Oekonomie, wenn man erfährt, daß er die Feder in der Hand hatte oder von Schülern umgeben war von 4 Uhr des Morgens bis 10 Uhr Abends. „Diese gute Ausfüllung seines Tages, diese Bescheidenheit seiner so fromm angewandten Einkünfte verhinderten ihn nicht, die zarteste Wohlthätigkeit auszuüben, um sich zugleich das materielle Almosen, das von Hand zu Hand geht, und das geistige Almosen des Wortes zu verbreiten. In der That, meine Herren, dieses zukünftige Mitglied des Institutes, dieser Gelehrte von europäischem Rufe, der bestimmt war, eines der Katheder des 6ollexe de France zu besteigen, fand es seiner nicht unwürdig, während eines Zeitraumes von mehreren Jahren unentgeldliche Borträge über religiösen Unterricht für Kinder zu halten. Im Jahre 1840, nach der schrecklichen Metzelei von Damaskus, der letzten Blutspende, die der Fanatismus erhielt, begleitete er Herrn Cremieux nach Egypten, übersetzte dessen glänzende französische Improvisationen unvorbereitet in's Arabische und trug dazu bei, Schulen zu gründen, den Geschmack an der Arbeit einzuflößen und die Empfindung menschlicher Weisheit bei Bevölkerungen hervorzurufen, die durch die Empfindung der Knechtschaft erniedrigt waren, und gleichsam ein einheitliches Band zwischen den Israeliten des Ostens und des Westens herzustellen. „Der Rest von Munk's Leben gehört, ohne weniger fruchtbar zu sein an guten Werken und trotz des Raumes, den die Familieninteressen in demselben einnehmen, den. wisienschaftlichen Arbeiten an, die seinen Ruf gegründet und ihm die Thore der Akademie der Inschriften geöffnet haben: „Palästina", die „Vermischten Schriften über die jüdische und arabische Philosophie", die „Hebräischen Grammatiker des zehnten und elften Jahrhunderts", eine Menge von Dissertationen des seltensten Verdienstes und besonders jene französische Uebersetzung des „Führers der Verirrten", die allein hinreichen würde, seinen Namen zugleich mit demjenigen des Maimonides auf die Nachwelt zu bringen. Ich begnüge mich, sie zu nennen, indem ich Anderen oder einer andern Zeit den Versuch überlasse, sie abzuschätzen. „All' dieses Wissen, mit wenigen Ausnahmen, ist rein israelitisch; es bezieht sich auf die Sprache, die Geschichte, Litteratur, Philosophie und Religion unserer Väter; es trägt dazu bei, eine Menge von eingewurzelten Jrrthümern über diese wichtigen Gegenstände zu entfernen; es hat die Wirkung, den Platz, welchen unsere kräftige Rasse in dem allgemeinen Werk der Civilisation einnimmt, in seiner ganzen Ausdehnung nachzuweisen. Wie sollte es Herrn Munk nicht den Eintritt in das Centralconsistorium der Israeliten geöffnet haben? Nachdem er lange Zeit hindurch dieser Körperschaft als Sekretär angehört hatte, nahm er dort seinen gebührenden Rang ein, er wurde dort unser College. Mitglied aller Commissionen, deren Arbeiten eine wirkliche Kenntniß der hebräischen Sprache und Theologie erheischen, brachte er in unsere allgemeinen Berathungen einen Geist, der ihm persönlich war. Anhänger der vollkommensten Freiheit in Sachen der religiösen Kritik, voll Anerkennung für das Licht der Vernunft und das Licht, welches Philologie und Geschichte uns für die Interpretation der biblischen Texte geben, zeigte er eine außerordentliche Furchtsamkeit auf dem Wege der Reformen. „Als wahrhaftem Archäologen war chm alles theuer, was den Stempel des Alterthums trug; er sah darin gleichsam eine ehrwürdige Ruine, die man unter den historischen Denkmälern bewahren muß. Vielleicht dachte er auch,, daß die Reformen, selbst die unschuldigsten, in religiösen Gegenständen aus dem Glauben selbst entstehen müssen, dem man die Sorge überlaffen muß, sie mit eigenem Lichte zu erhellen und aus eigenem Antriebe vorzuschreiten. Ich beurtheile diese Art zu sehen nicht, ich beschränke mich darauf, sie auseinanderzusetzen. „Welche auch seine Ansichten waren, wir waren glücklich, wir waren stolz, ihn in unserer Mitte zu besitzen, und wir hatten nicht nothwendig, auf diese grausame Trennung zu warten, um einzusehen, daß die Lücke, die er in unseren Reihen lassen würde, nie würde ausgeglichen werden. Erfüllt mit Freundschaft für seine Person und mit Respect für seinen Charakter, ebenso wie für sein Wissen, konnten wir uns nicht enthalten, von der unabänderlichen Heiterkeit gerührt zu werden, die er inmitten der Finsterniß, welche ihn einen großen Theil seines Lebens hindurch umgab, bewahrte. Er war eine zarte und erhabene Seele, die, aufrecht erhalten durch die Macht der heiligen Affecte, und dem Geschenke des Lebens, das sie zu so edlen Zwecken benutzte, Gerechtigkeit widerfahren lassend, ohne Ungeduld den ewigen Tag erwartete, der berufen ist, dieser vorübergehenden Nacht zu folgen. Möge dieser Tag gekommen sein und ihn für alle seine Prüfungen trösten, für alle seine Arbeiten belohnen!" Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lohe.