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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-02-26 · Heft 9 (26.2.1867) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 9 (26.2.1867)
Date
1867-02-26
Page
Seite 170 (sequence 6)
Language
German
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170 Wo man viel öffentlich spricht, da schreibt man auch viel, und wo man sich gern hört, da sieht man sich auch gern gedruckt. Daher die Passion für Schriftsi.llerei und wenn natürlich -hierbei viel Makulatur mit unter läuft: so weiß der praktische Sinn des Holländers sie wohl zu verwenden, zur Begleitung seiner zahlreichen, reisenden Käse. An Programmen von feierlichen, officiellen oder Familiengelegenheiten, an Jahresberichten wohlthätiger und anderer Anstalten, ist Holland außerordentlich fruchtbar. Solche Gelegenheitsschriften strotzen gewöhnlich von, der Bewunderung dargereichten, Reden und Toasten, die von Allen gelesen werden sollen, aber nur von Wenigen gelesen werden wollen. Dieses eitele Tändeln des soliden, ernsten Holländers ist in seiner Ursache nicht genau zu erkennen. Vielleicht ist die Neigung hierzu ebenfalls ursprünglich aus materiellen Beziehungen hervorgegangen. Der durch den ausgebreiteten Handel verursachte Contakt mit fremden Nationalitäten und Sitten hat vielleicht veranlaßt, daß dieses fremde Element, als für das sociale Leben nothwendig oder ersprießlich, ausgenommen worden ist. Später mag das Parlamentäre Wesen und die öffentliche Gerichtsbarteit die Liebe zum öffentlichen Sprechen begünstigt haben. Endlich mag in neuerer Zeit der von Natur redselige, elegant und polirt erscheinende Franzose, so kurz seine Herrschaft auch auf holländischem Boden war, dem Holländer eine Dosis oratorischer Eitelkeit zurückgelassen haben. Sei dem nun wie ihm wolle, so unterliegt es keinem Zweifel, daß diese Liebhaberei für die öffentliche Rede nicht aus einer natürlichen oratorischen Begabtheit hervorgeht; sonvern eine Manier, etwas Gemachtes, aber nicht Naturwüchsiges ist. Diese Behauptung wird auch durch den Umstand bestätigt, daß die General-Staaten verhältuißmäßig stets sehr wenig Redner von Distinction aufzuweisen haben, und daß in Staaten, in welchen die constitutionelle Verfassung weit jünger ist, die Parlamentäre Rede doch zu einem höheren Standpunkte der Entwickelung emporzusteigen vermochte, als in Holland. Der allgemeine Bildungsgrad jedes Volkes hängt eng zusammen mit seinem Schulwesen. In Holland existirt bekanntlich der Schulzwang nicht, und wie in allen Ländern, wo er nicht besteht, ist die geistige Entwickelung und Bildung der großen Masse der Bevölkerung mangelhaft. Ueberhaupt läßt die eigentliche Volksschule hierzu Lande noch sehr viel zu wünschen übrig; während die höheren Lehranstalten, Gymnasien und höhere Bürgerschulen, einer besseren Verfassung sich erfreuen. Besonders sind es die letzteren, die in neuester Zeit nach dem Muster deutscher höherer Bürgerschulen organisirt werden. Es ist dies das Verdienst des Ministeriums Thorbecke. Dieser bedeutende, scharfblickende Staatsmann hat richtig erkannt, wie sehr es an Lehranstalten gebricht, die dem Staate gründlich gebildete Bürger erziehen sollen; die erste Bedingung für die Wohlfahrt eines Landes. Jedoch die wohlthätige Neuerung ist noch im Werden, und noch lange nicht consolidirt; so daß die Früchte dieser Lehranstalten noch nicht" so bald reifen können. Auch muß die Ueberzeugung noch mehr durchdringen, daß eine universelle Bildung, wie sie auf solchen Realschulen und Gymnasien erlangt wird, für den Menschen nothwendig ist, der seine Geisteskräfte wahrhaft nützen will; ja, daß eine solche Bildung die reichsten Hülfsmittel bietet in der Ausübung jeder Berufsthätigkeit. Der Holländer nämlich setzt gewöhnlich bei der Ausbildung seiner Kinder nur auf die Lehrobjekte einen Werth, die ihm als unmittelbare, in die Augen springende Werkzeuge für die Beziehungen des täglichen Lebens erscheinen. Man wird hier an die Worte des Horaz erinnert: „Roms Jugend lernt vortreffliche Bruchrechnungen" (Romain pueri longis rationibus assem discunt in partes centum diducere, Ars Poet. 325— 26). Darum versteht der Holländer gewöhnlich unter: „beschaving“! Bildung) nichts anderes als: „talen“ (Sprachen) kennen. Natürlich meint er damit neuere Sprachen; aber es kommt ihm hierbei nicht auf eine gründliche Kenntniß an, sondern allein auf das oberflächliche Parliren. Das nennt er eine Sprache sich zu eigen machen, d. h. in seinen kaufmännischen oder sonstigen Geschäften sich mit dem Franzosen, Engländer oder Deutschen verständigen können. Dieser Alltags-Materialismus, der überall fragt: „wozu nützt das Wissen?" scheint sogar in der Sprache durch. Es offenbart sich oft in einem Worte einer Sprache die Anschauungs- und Denkweise eines Volkes, wenn man auch im Laufe der Zeit sich nicht mehr bewußt ist, durch welche bestimmte Vorstellung ein solches Wort erzeugt worden ist. Dies bewährt sich in der holländischen Sprache bei einer in das Unterrichtswesen einschlagenden Bezeichnung. Man drückt nämlich den Inbegriff aller Lehrgegenstände, mit Ausschluß des Religionsunterrichts (Godsdienst-onderwijs), durch maatschappelijk onderwijs aus. Im Deutschen hat man für dieses „maatschappelijk“ keine entsprechende Bezeichnung, weil man eben

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