Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1867)
- Date
- 1867-02-26
- Page
- Seite 169 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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IßS in den auswärtigen Kreisen des Judenthums fordert; oder weil man in dem beschränkten Gesichtskreise aus der Berührung mit fremden israelitischen Verhältnissen nachtheilige Folgen für das eigene religiöse Leben fürchtet; oder endlich, weil man eine Ahnung von einigem Schatten hat, der um das enthüllte glanzreiche Bild sich verbreiten würde. Indessen, trotzdem, oder vielmehr gerade deshalb, muß die Enthüllung des lange genug verschleierten Bildes endlich geschehen, damit sein Licht und sein Schatten nach Gebühr erkannt und gewürdigt werden. An der Sonne belebendes Licht muß gezogen werden, was wahrhaft reifen, was nicht verdumpfen soll. Darum, hochverehrter Herr Redacteur, werden Sie gewiß wohlwohlend die Spalten der Allgm. Zeitg. d. Judenth. den „Skizzen aus Holland" öffnen. Ihr Berichterstatter kennt hierbei keine anderen Triebfedern, als die Absicht, die Wahrheit mitzutheilen, und daß diese mit aller Gewissenhaftigkeit berichtet werden soll, betheuert er Ihnen hiermit. Es sollen hierbei mehr die Thatsachen als ihre Beurtheilung in den Vordergrund treten, damit jeder Leser das Urtheil sich selber zu bilden in den Stand gesetzt werde. Die Thatsachen werden aber nicht von Jemand gegeben, der vorübergehend, etwa als Tourist, sie wahrgenommen, nein, von einem Angehörigen der Gemeinschaft, deren Leben, Sitten, Gewohnheiten, geistige Entwickelung, religiösen Standpunkt, Tugenden und Gebrechen er genau kennt und unparteiisch aufzufassen sich stets bemüht hat. Diese Bemerkung scheint nicht überflüssig, um im Voraus jeden Widerspruch abzuweisen, der vielleicht diesen Skizzen entgegentreten sollte, wenn sie die Zustände, wahrheitsgetreu, so wie sie sind, schildern werden. Und so möge denn Holland, das in den Jahrhunderten der Vergangenheit so wesentlich in die Geschichte der Juden eingegriffen, nicht länger isolirt und von der Gesammtheit des Judenthums der Gegenwart fast abgelöst bleiben. Es ist selbstredend, daß diese Mittheilungen es hauptsächlich mit den Zuständen zu thun haben, die in das gottesdienstliche Gebiet einschlagen, d. h. ihr eigentliches Ziel ist der Israelit als solcher; aber eben hierzu ist es unerläßlich, ihn zugleich als den Holländer von Charakter und Erziehung kennen zu lernen. Die Eigenthümlichkeiten der gesellschaftlichen Verhältnisse, der Umgebung, der Bildungsweise beeinflussen ja den Menschen immer in seiner geistigen und religiösen Entwickelung, und die Geschichte der Juden liefert vielfache Beweise hiervon. Deshalb wollen wir vor Allem in Kürze einige Charakterzüge des Holländers hervorheben, die zur richtigen Auffassung mancher Erscheinungen in dem holländisch-jüdischen Leben und Wirken keinesweges zn übersehen sind. Der holländische Charakter hat einen bedeutenden Anstrich kalter Prosa, in Folge dessen der berechnende Verstand vorwiegend, und auf das Praktische, Materielle gerichtet ist. Der Holländer ist aber zugleich treuherzig, bieder, menschenfreundlich; er übt die Gastfreundschaft in einem solchen Maaße, wie man sie in anderen Ländern selten findet. Er ist beharrlich, solide in dem Verfolgen seiner Zwecke, aber zugleich fest hangend an seinen Gewohnheiten, in welchen er sich nicht gern stören läßt, wenn er sie einmal lieb gewonnen. Er nennt dies: „op zijn gemak“ (nach seiner Bequemlichkeit) leben. Trotz dieser Liebe zur Gewohnheit weiß er aber doch Fremdes zu seinen Zwecken mit praktischem Sinne sich anzueignen und hierdurch Vieles zu ersetzen, was ihm an eigener geistiger Produktivität gebricht. Er lehnt sich daher gern an fremde Muster an; weiß das Fremde geschickt den heimischen Verhältnissen anzupassen. Dieses Talent, Fremdes sich leicht zu assimiliren, zeigt sich sowohl in materiellen als wissenschaftlichen Bestrebungen; z. B. in der sehr bemerkenswerthen Geschicklichkeit, Werke aus fremden Sprachen in die Muttersprache zu übertragen. Natürlich ist von dieser Neigung, Fremdes durch die Verpflanzung auf heimischen Boden nutzbar zu machen, eine Hochachtung vor fremdem Verdienste untrennbar; welche letztere Tugend dem Holländer in dem Maaße innewohnt, daß er durchaus frei von jener Selbstverblendung ist, die das fremde Verdienst aus keinem anderen Grunde unterschätzt, als weil es nicht auf heimischem Boden gewachsen ist. Eine Erscheinung aber, die nicht als eine natürlicke Consequenz des vorerwähnten praktisch-soliden Charakterzuges genommen werden kann, ist eine gewisse Eitelkeit, die sich in manchen Punkten der geistigen Bildung und Verhältnisse des socialen Lebens äußert. Man hört sich z. B. leidenschaftlich gern öffentlich sprechen; sucht eifrig die Gelegenheit, seine Eloquenz bewundert zu sehen, und es mangelt gar nicht an Dreistigkeit und Selbstbewußtsein, sich darin zu versuchen. Daher die zahlreichen Vereine und Lesegesellschaften, mit vielversprechenden, gelehrt klingenden, nicht selten lateinischen Namen, worin viele Vorträge gehalten werden, deren Erfolg mehr in der gegenseitigen Bewunderung, als in der allgemeinen Belehrung besteht.