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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-02-26 · Heft 9 (26.2.1867) · p. Seite 167

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 9 (26.2.1867)
Date
1867-02-26
Page
Seite 167 (sequence 3)
Language
German
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167 Hier ist denn auch die Stelle, eines anderen originalen Literaturzweiges zu erwähnen, der für die Allgemeinheit von Bedeutung ist, nämlich des belletristischen. Man versteht darunter die dichterische Behandlung der Stoffe im allgemeineren Umfange. Wenn die Poesie überhaupt die dem Menschen unentbehrliche Verklärung dessen, was ihm lieb und theuer ist, schafft, und selbst die gewöhnlichen Erscheinungen des Lebens in dem höheren Lichte einer erhabeneren Tendenz und einer lauteren Form zeigt, wenn sie darum der Religion sehr nahe steht, und der Geschichte ihre Schroffheit und Schärfe nimmt: so war sie gerade darum dem Judenthume um so uothwendiger, als dieses in Vergangenheit und Gegenwart so Vieles bietet, was dem gebildeten Sinn und Herzen wehe thut oder sie abstößt. In der Dürre der vorangegangenen Zeiten hatte das Judenthum allen poetischen Glanz, hatten die Juden, niedergebeugt unter den Lasten des Lebens, allen poetischen Sinn verloren. Es war und ist daher von großer Wichtigkeit, daß die Dichtung auch an Judenthum und Juden wieder herantrete, und ihren Lichtglanz über dieselben verbreite. Auch dies ward angestrebt. Was in außerjüdischen Kreisen hierfür geschah, war zweideutiger Art; denn entweder ging man von edlen, begünstigenden Motiven oder von feindlichen, mißgünstigen aus. Im ersteren Falle verschwand die Wirklichkeit allzusehr, im anderen karrikirte man diese, in allen Fällen schoß man über das Ziel hinaus. Unter den Dichtungsarten spricht in unserer Zeit keine mehr an, als die des Romans und der Novelle. Sie ist die Dichtung des Realismus; sie gestattet, ins Breite zu gehen und Detail zu malen. Da Judenthum und Juden vorzugsweise historische Figuren sind, so ist der Roman die angemessenste Dichtung für sie als Objekt. Die jüdische Lyrik ist auf die Trauer um die Vergangenheit beschränkt. Es galt daher besonders, den Roman und die Novelle für die jüdische Literatur anzubanen. Hierfür gab es wieder zwei Arten: das Genre und der historische Roman. In dem ersteren sollte der Jude in seiner individuellen Art, in den ihm eigenen Charakterzügen und Sitten gezeichnet werden, wobei es auf die jüngste Vergangenheit, die dem neuesten Anstreben zur allgemeinen Cultnr voranging, ziemlich beschränkt war. Dasselbe ist trefflich angebaut worden, namentlich von Kompert, Rebenstein, Steuben, Alexandre Weill. Es hat zugleich eultnrhistorischen Werth, indem es besser als jede Sittenschilderung die vor dem Hauche der Zeit verschwindenden Eigentümlichkeiten des jüdischen Lebens festhält. Wie leicht aber dieses Genre zur Karrikatur wird, haben jüdische Skribenten dieser Art genügend gezeigt. Eine andere Tendenz verfolgt die historische Novelle und der historische Roman. Ihnen ist es nicht um die Zeichnung jüdischer Sitte zu thun, sondern um die Darstellung bedeutender Situationen aus der jüdischen Geschichte und des jüdischen Charakters innerhalb dieser Situationen. Hier ist der Fehlgriff sehr leicht, daß man aus der leider unerschöpflichen Fundgrube der blutigen Verfolgungen irgend ein tragisches Faktum hervorhebt und ins Detail malt. Dies ist keine Dichtung. Die letztere muß den höheren Zweck verfolgen, den Sieg der jüdischen Geisteskraft über die Ungunst der Zeiten und Verhältnisse zum Bewußtsein zu bringen. Nur in diesem Gedanken wird die jeder Dichtung notwendige Harmonie der höheren Weltordnung mit den geschichtlichen Geschehnissen geschaffen. Von diesem Gedanken gingen die beiden Philippson aus von der bekannten Novelle „die Marranen" (1887) bis zu dem jetzt erscheinenden „Jakob Tirado." So großen Werth das edle Genre hat, so muß doch der eben gedachten Art des historischen Romans die besondere Wichtigkeit beigelegt werden, die Vergangenheit des Juden - thmns und des jüdischen Stammes nicht blos in der Monotonie der ewigen Elegie, des steten Jammers der Menschennatur, sondern im verklärenden Lichte des Heroismus zu zeigen, in einem Lichte, welches mit der geschichtlichen Wahrheit in der Gesammtheit übereinstimmend ist, denn nicht das jammernde und verzweifelnde, sondern das heldenmüthige, heroisch abwehrende Juda hat gesiegt. Und da wir gesiegt haben, warum wollten und sollten wir blos als Unterliegende, Niedergeschmetterte erscheinen? Außerdem wurden jüdische Stoffe von jüdischen Dichtern auch lyrisch, episch und dramatisch behandelt, wie von Ludwig August Frankl, Ludwig Wihl, Julius Koßarski, Philippson. Als anderweitig belletristisch gefärbte Schriften ist besonders die Reise Frankl's nach Palästina und Egypten hervorzuheben. Eine Hauptschwäche für die jüdische Literatur besteht in dem geringen Kreise, aus dem sie die Mittel der Epistenz zieht, und der durch verschiedene Momente in seinem Umfange geschmälert wird. Denn selbst in ihren besten Erzeugnissen und selbst in denen, welche mehr einen allgemeinen Charakter haben, kann sie noch immer wenig auf Theilnahme außerhalb des jüdischen Kreises rechnen. Letzterer ist durch die Sprachverschiedenheit wiederum getheilt, und da die größere Zahl der Juden dem Handels stände angehört, der nach Verhält- 9*

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