Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1867)
- Date
- 1867-02-19
- Page
- Seite 163 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226581-3226590--24708-3260176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
163 „Es ist wahr, es ist Alles wahr, was die alte Martha gesagt; sie sind fort, Alle fort — wir haben gesiegt! Das sind gute Nachrichten. Aber wahrhaftig, nun muß Moschiach kommen, und ich muß Acht geben auf die Schlucht, daß ich den Lichtglanz nicht verfehle, der meiner Hinde vorangeht. Denn wenn die Juden von Speyer über das Heer der pilgernden Nozrim gesiegt haben, daß es wie von der Erde verschwunden ist, dann kann Moschiach nicht lange mehr ausbleiben." Dies und vieles Andere murmelte er vor sich hin, während er nach seiner Zustuchtsstätte in den Trümmern von Wasendorf' znrückkehrte. Sein Gesicht glänzte vor Freude und Aufregung, daß auch die ungeduldig harrende Hanna aufjauchzte, als sie ihn erblickte, denn sie war sicher, solcher Ausdruck im Gesichte des gutmüthigen Irren könne ihr nur Gutes verkünden. Er entlud sich denn auch mit solcher Hast seiner Nachrichten, daß sie zuerst Mühe hatte, sich dieselben verständlich zu macheu. Doch sie begriff Zwiefaches : ihr Mann und ihr Sohn leben noch, wenn auch schmachtend im Verließe von Geroldstein, und Speyer und der Weg dahin ist frei! Sie ließ sich daher keinen Augenblick mehr zurückhalten, ergriff ihre beiden Kinder an den Händen und machte sich auf den Weg. Lämle begleitete sie; er wollte sie zum großen Hause des großen Rabbi Anselm bringen, und sich dabei die Stadt ansehen, das heißt die Judenstadt, wie sie nach dem Siege aussehe. Allerdings war man in der Judenstadt, so wie überhaupt in der Stadt Speyer schnell wieder zur Ruhe, zum regen, bürgerlichen Verkehre zurückgekehrt. Der Sturm hatte nur wenige Spuren hinter sich gelassen, die schnell genug verwischt wurden; die Juden hatten die Kostbarkeiten und Waaren, welche sie nach dem bischöflichen Palaste und der kaiserlichen Burg gerettet hatten, wieder in ihre Häuser gebracht .und sich eingerichtet, wie sie es vorher gewesen. Man suchte sich auf, man wünschte sich Glück, belobte sich und that groß. In der Fluth der Siegesfreude nahm es Niemand so sehr genau. Dies Alles verhinderte aber doch nicht, daß innerhalb der Stadt durch die vorübergegaugenen Ereignisse eine große Veränderung in den Verhältnissen, und zwar alsbald, eingetreten. Die Juden hatten sich bewogen gefühlt, dem Bischof wie dem Ritter Georg ihre Dankbarkeit zu bezeugen. In feierlichem Zuge begaben sich die Häupter der Gemeinde, Meschullam an der Spitze, und von vielen Männern aus der Gemeinde begleitet, zuerst zum Bischof und übergaben ihm ein Kästchen mit ungefaßten Edelsteinen, die an kirchlichen Gerätschaften und Symbolen angebracht werden konnten. Dem Ritter Georg von Halm brachten sie ein prächtiges Streitroß mit kostbarem Sattel und eine vollständige kunstvoll gearbeitete Rüstung. Um zu der kaiserlichen Burg zu gelangen, mußte der Zug die ganze Länge der Stadt passiven, und wachte daher bei den Bürgern ein um so größeres Aufsehen. Die christlichen Bürger der Stadt fühlten sich tief innerlich beschämt, nicht sowohl weil sie sich zum Schutze der schuldlos Angegriffenen nicht erhoben, ja keine Hand gerührt hatten, als vielmehr daß innerhalb des Weichbildes ihrer Stadt ein Kampf ausgefochten, ein Sieg errungen, eine Niederlage erlitten worden, ohne daß sie dabei betheiligt, ohne daß sie mehr als müßige Zuschauer gewesen. Und noch tiefer fraß es ihnen ins Herz, daß Juden über Christen gesiegt haben sollten. Sie vergaßen, daß jene nur zu ihrer Verteidigung das Schwert geführt, daß zum Schutze seiner Jungen auch das wehrloseste Thier sich zum Kampfe stellt und Wunder vollbringt — sie sahen Nichts, als daß ein Heer christlicher Wallbrüder, welche, mit dem Zeichen des Kreuzes versehen, die Ungläubigen im fernen Morgenlande besiegen sollten, vor einem Haufen Juden zurückgewichen und geflohen seien.. . Die freundlichen Gesinnungen, die Ansichten von Recht und Duldung, die Jahrhunderte in dieser Stadt geherrscht, waren mit einem Male verschwunden und Mißgunst und Ingrimm an deren Stelle getreten. Aber auch anderswo hatte sich die Zwietracht eingestellt, und Gewalten, die bis jetzt hier ziemlich friedlich neben einander gestanden, feindlich aufgeregt. Wenn in einer Zeitepoche sich Mächte herausarbeiten, die in ihrem Ursprung und Wesen auf eine feindliche Begegnung angewiesen sind, wenn sie dann herangewachsen, um in einem Kampfe auf Tod und Leben zur Entscheidung zu gelangen, wer als Sieger das Scepter der Welt seine Zeit hindurch führen, wer unterliegen und in den Staub fallen soll — dann spiegeln sich diese Mächte und der Kampf im kleinsten Raume wie auf der großen Weltbühne ab. So waren damals die geistliche und die kaiserliche Macht im Ringen um die Obherrschaft begriffen. Sie standen sich gegenüber, jetzt noch mit wechselndem Glücke, wenn auch schon erkennbar der Sieg sich auf die Seite des Pabstthumes lenkte. Aber inzwischen war auch schon leise eine dritte Macht auf den Schauplatz getreten, schnell ans dem fruchtbaren Boden ersprossen, und mit kleineren Kreisen sich begnügend, zu dauerndem Bestände befähigt. Es war die Macht der Städte, die nach Selbständigkeit und freiem Bürgerthume, nach Schutz gegen die Uebergriffe des Adels rangen. Alle diese drei Gewalten waren in Speyer vereinigt, jede mit ihrem eigenen Territorium, ihren besonderen Rechten und Einflüssen. Der Krieg war unter ihnen bis jetzt heimlich geführt worden, unter dem Anstande des Friedens und gegenseitiger Achtung, aber doch schon bestimmt genug, daß die Eifersucht nicht einschlafen konnte, und die Versuche, den Nebenbuhler immer mehr zu beschränken und zu schwächen, nicht aufhörten. Kaum war die Ruhe in die Stadt zurückgekehrt, so stießen diese drei Gewalten auf einander. Die Veranlassung dazu gab der gefangene Graf von Geroldstein. Der Bischof wollte allein dessen Los bestimmen, weil er ihn gefangen genommen, als er den Bann des bischöflichen Palastes gebrochen. Der kaiserliche Voigt wollte den Gefangenen ausgeliefert haben, weil er als Lehnsmann die Hand gegen seinen obersten Lehnsherrn erhoben^ und die kaiserliche Burg