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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-02-19 · Heft 8 (19.2.1867) · p. Seite 164

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 8 (19.2.1867)
Date
1867-02-19
Page
Seite 164 (sequence 20)
Language
German
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164 bestürmt hatte. Aber auch die Stadt erhob Ansprüche, weil der Graf sie wiederholt geschädigt, in ihren Rechten gekränkt, ihr Eigenthum verletzt hatte. Jndeß der Bischof darauf pochte, daß er ihn ja in seiner Gewalt habe, protestirten die Anderen, daß Nichts ohne ihre Zustimmung mit ihm geschehen dürfe. (Fortsetzung folgt.) Rachel. (Schluß.) Salomon Homberger erzählte diese Geschichte so aufgeregt, daß er athemlos an dieser Stelle ankam und nicht weiter konnte. Aber, fragte ich, warum thut sie das Alles für Sie? — woher kennt sie Sie und Ihren Namen? Salomon war in Verlegenheit. Er wollte offenbar nicht mit der Sprache heraus und sagte nur so vor sich hin: Ja es ist ein Gotteswunder um so ein Gedächtniß! Sind doch gewiß über dreißig Jahre darüber verflossen! Aber was wollen Sie, so eine Person, die ganze Bücher auf dem Theater hersagt, die muß auch ein Gedächtniß haben, daß man sich gar keine Vorstellung davon machen kann. Und ich muß mich doch seitdem gehörig verändert haben. Sie sind also schon einmal mit ihr zusammengetroffen? fragte ich inquirirend. Salomon war wieder verlegen, Nachdem er sich eine Zeit lang die Stirne gekratzt, rückte er etwas näher und fragte in leiserem Tone: Sehen Sie, Herr Doctor, ich spreche nicht gerne davon, weil sie in der ganzen Zeit auch kein Wort darüber sagte, und so oft ich auch fragte, womit ich das Alles um sie verdient hätte, hat sie als Antwort immer gelächelt und nichts gesagt. Sie will gewiß nicht, daß man davon rede. Aber, Herr Doctor, Sie waren gut gegen nrich und ich will mit Ihnen aufrichtig sein und Sie werden es nicht weiter sagen. Sie können sich denken, daß ich mich in der ganzen Zeit viel nach Madernoiselle Rachel erkundigte, und da habe ich in den Marais bei unfern Glaubensgenossen gehört, wie sie das Kind sehr armer Leute fei, und wie sie in früher Jugend mit Vater und Mutter im Elsaß und am Rhein als nicht viel Besseres wie als Bettler herumgezogen sind. Gott! wenn mau heute die Königin sieht mit dem Anstand, mit der Majestät, in dem Haus voll von kostbaren Sachen, sollte man da glauben, daß sie eüunal ein Bettelkind gewesen?! Nun erinnere ich mich, wie vor langer Zeit, es sind wohl dreißig Jahre, ganz arme Leute, was wir so Schnorrer nennen, mit einem kranken Mädchen von zehn bis zwölf Jahren in unser Städtchen kamen, und daß sie Niemand, gerade des kranken Kindes wegen, ins Haus nehmen wollte, denn das Kind sah gerade so aus, als hätte es ein ansteckendes hitziges Fieber. Da nahm ich die Leute für den Sabbath ins Haus — aber nach dem Sabbath war das Kind noch kränker als vorher und es blieb in Gottes Namen bei uns, wohl drei Wochen lang, während der Vater in der Gegend umherzog und Almosen sammelte. Und nun meine ich, ist jenes kranke Kind, das uns wohl genesen, aber doch noch schwächlich verließ, Niemand anders gewesen, als die heutige berühmte Mademoiselle Rachel. Hat sie ein gutes Gedächtniß, so ist meines auch nicht ganz schlecht, und wenn ich die Dame so ansehe, glaube ich mich ganz deutlich der merkwürdigen tiefliegenden Augen, der hohen Stirn jenes kranken Kindes zu erinnern. Soweit der alte Salomon, und ich habe nur hinzuzufügen, daß sein Geschäft blühte und daß er von nun an mit seiner Familie wohl geborgen war. Persönlich kam ich nur einmal mit der Rachel in die flüchtigste Berührung, und zwar auf die eigenthümlichste Weise. Wir wechselten zwei Worte vor dem ganzen Publicum, während sie sich auf der Bühne, ich mich im Parterre befand. Ich hatte freien Eintritt ins Theätre frangais, und so oft die Rachel spielte, stand ich hart an der Bühne, da dann immer das Orchester geräumt wurde. Eines Abends, als sie eben (in der Rolle der Louise von Lignerol, wie ich glaube) vor mir stand, wurde im Parterre ein furchtbarer Schrei ausgeftoßen und entstand augenblicklich großer Lärm und Verwirrung. Die Rachel fuhr erschrocken zusammen, unterbrach ihr Spiel und fragte die Mitspielenden voll Angst: Was geht vor? — Beruhigen Sie sich, Madame, sagte ich zu ihr hinauf, es ist nichts; ein Epileptischer! — Merci, Monsieur! lispelte sie mir dankbar zu und so anmuthsvoll, wie sie nur konnte. — Gleich zu Anfang meines Aufenthaltes in Paris sollte ich von einem Freunde bei ihr eingeführt werden. Aber am Morgen desselben Tages fand ich bei einer Autographen sammelnden Dame einen Brief der Rachel, den diese Tags zuvor geschrieben und den die Dame eben zum Geschenk erhalten hatte. Er war an eins der verächtlichsten, infamsten Subjecte von Paris gerichtet und in den freundschaftlichsten, intimsten, vertrautesten Ausdrücken abgefaßt. Das benahm mir, der ich in Paris noch neu war, die Lust, die große Künstlerin persönlich kennen zu lernen und ich ging an jenem Abend und auch später nicht hin. Noch einmal kam ich mit ihr üt mittelbare Berührung, als sie bei mir anfragen ließ, welche modernen deutschen Tragödieen wohl für sie zu bearbeiten wären? Ich schickte ihr Grillparzer's „Sappho" und „Medea". Erstere ließ sie sich in der Thal übersetzen, aber zur Aufführung ist es nie gekommen. Doch ich wollte eigentlich nur jene Geschichte von Salomon Homberger mittheilen, eine Geschichte der Güte, Freigebigkeit und Dankbarkeit einer großen Künstlerin, von der man mit Vorliebe Beispiele des Geizes und Eigennutzes erzählt. Ich gestehe, daß, als ich jene Erfahrung mit Homberger so in nächster Nähe machte, ich mich jener tugendhaften Entrüstung, die mich um ihre Bekanntschaft brachte, etwas schämte. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur I-»*. H. Lotze.

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