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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-02-19 · Heft 8 (19.2.1867) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 8 (19.2.1867)
Date
1867-02-19
Page
Seite 162 (sequence 18)
Language
German
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162 Anderes alS: warum ist doch mein Geschick in die Hände eines Wahnwitzigen gelegt? Jndeß zeigte Lämle auch dies Mal, daß seine schweifenden Gedanken doch das Richtige zu treffen selten verfehlten. Er hatte seinen Weg zuerst nach der Burg Geroldstein gerichtet, da es vor Allem darauf ankommen mußte, zu wissen, was aus den Gefangenen geworden sei. War damals in Deutschland und nicht minder in allen andern Ländern Europas eine Zeit der Gewaltthätigkeit, in welcher fast Niemand sich das geringste Gewissen daraus machte, dem Anderen sein Eigenthum wegzunehmen, wenn er die Macht dazu hatte: so war doch eine andere Macht vorhanden, die dieser Barbarei Schranken setzte, und welche in den furchtbarsten Räuberhöhlen respektirt wurde. Denn was Gesetz und Recht nicht vermochten — das that das Bedürfnis. Die Ritter auf ihren Burgen standen nicht an, fremde vorüberziehende Kaufleute zu überfallen, auszuplündern oder zu brandschatzen — aber sie hüteten sich wohl, die Handelsleute und Hausirer aus der Umgegend irgendwie zu beschädigen; vielmehr munterten sie dieselben auf, in ihre Schlösser zu kommen, und hielten sorgfältig die mit ihnen geschlossenen Verträge. Denn der Ruf, daß sie dies nicht thäten, würde die Höfe ihrer Burgen verödet, ihre Vorrathskammern, Speicher und Keller leer gelassen haben; Niemand wäre bei ihnen erschienen, und zuletzt wären sie gewissermaßen ausgehungert worden. So konnte denn auch Lämle mit seinen hölzernen Maaren getrost vor den Eingang der Löwenhöhle treten und der Einlaß wurde ihm nicht versagt. Sein Scharfblick bemerkte jedoch schnell, daß die Dinge daselbst anders standen, wie gewöhnlich. Die Anzahl der halbbewaffneten Söldner, die sich auf den Höfen herumtrieben, war auffallend geringer, ein düsteres Stillschweigen herrschte, Alle zeigten verstörte Gesichter. Lämle, der Diesen und Jenen beim Namen kannte, redete sie in seiner Weise an. Statt des spöttischen Hohnes, mit dem sie ihn gewöhnlich empfingen, wies man ihn rauh und zornig zurück und befahl ihm, sich zu packen, da es keine Zeit für Spielsachen und dummes Zeug wäre. Einer erhob sogar einen Knüttel, der am Boden lag und wollte ihn mit dem Ausruf niederschmettern: „Verfluchter Jude, alle Juden müssen sterben!" Die langen Beine Lämle's entzogen ihn glücklich dieser drohenden Gefahr, und er wnßte nichts Anderes zu thun, als sich zu dem Weibe des Thorwarts zurückzuziehen, die ihn immer mit ihrer Gunst beehrt hatte. . Brachte er ihr doch immer ein kleines Geschenk in einem schön geschnitzten Geräthe und Neuigkeiten aus Stadt und Land mit, welche die schwatzhafte und zur Einsamkeit verurtheilte Frau mit Begierde vernahm. Wir wollen hier der immerhin sonderbaren Unterhaltung zwischen der Alten und dem Narren nicht weiter lauschen, da wir selbst nur begierig sind, zu erfahren, was vorgegangen. Da hörte nun Lämle von dem Unglück, das dem Grafen widerfahren, da er seinem Erzfeinde, dem Bischof von Speyer, in die Hände gefallen, von den Verlusten, die dessen Leute getroffen, von der Flucht der Kreuzfahrer, von der Verzweiflung der Gräfin, die für ihren Mann das Schlimmste erwartete. Nachdem er alle diese bösen Dinge und die sie begleitenden Klagen ruhig vernommen, indem er klug genug war, seine Freude darüber zu verbergen, brachte Lämle mit einer naheliegenden Wendung die Rede auf die Gefangenen in der Burg, die vielleicht zur Auslösung des Grafen dienen konnten. „Ach Herr Gott! rief das Weib aus, das sind mir die rechten! Der Graf und dafür ein erbärmlicher Jude mit seinem Jungen! Weiter haben wir jetzt Nichts hier. Vor vier Wochen war es noch anders, da lagen in unserem Verließe sechs reiche Kaufherren aus Frankfurt und der Ritter von Menshausen mit vier Reisigen. Aber die haben sich Alle ausgelöst, und in unserm Thurm befinden sich außer den Ratten und Eidechsen nur die beiden lumpigen Juden, für die vielleicht kein Mensch einen Heller giebt. Als unsre Leute von Speyer zurückkamen, wollten sie ihre Rache an den Beiden ausüben, aber unsere Frau trat dazwischen und verbot es aufts Strengste: man könne nicht wissen, wozu sich die Juden von Speyer für sie erbieten möchten." „Und wie ergeht es den Gefangenen in Eurem Verließ?" Das Weib sah den Hausirer blinzelnd und lächelnd an: „Ja, ja, es sind von Euren Leuten; darum interessirst du dich für sie, Lämle. Nun gut. Ich sage dir, es geht ihnen schlimm genug. Kärgliches Schwarzbrod und ein Krug Wasser ist Alles, was sie haben. Die Narren sind selbst Schuld daran. Du weißt, ich habe die Verpflegung der Gefangenen auf mir, und bin ein gutmüthiges Weib, viel zu weichherzig für ein solches Amt. Sie dauerten mich und ich bot ihnen eine warme Suppe an; aber sie wiesen mich ab, das verböte ihnen das Gesetz. Selbst der Junge wollte sie nicht, den ich herausgerufen dazu. Und es war eine gute Suppe! Nun, das ist auch meine Sorge nicht." Lämle hatte während dieser Worte bald die Achseln gezuckt, bald mit den Augen gezwinkert, zuletzt die Lippen verächtlich heraufgezogen, als ob er ausdrücken wollte: was verstehst du, einfältige Kreatur, von diesen Dingen — was ist eine gute Suppe, gegen das göttliche Gebot gehalten! ... Dann aber, wie von einem neuen Gedanken überkommen, warf er seinen Sack auf den Rücken und eilte zum Burgthore hinaus. Er pilgerte nach demselben Punkte wieder, wo ihn Frau Hanna getroffen, zu dem trefflich gelegenen Ausguck über die Ebene und die Stadt. Zu feiner Ueberraschung fand er hier nicht das Geringste zu betrachten. Die große Fläche, die er hier überschauet, war leer, ruhig, wie immer, kaum daß hier und da ein Landmann auf dem Felde arbeitete, dann und wann ein Lastwagen und einige Fußgänger auf der Heerstraße sich bewegten. Im Hintergründe lag die Stadt, im Glanze der Sonnenstrahlen mit ihren Thürmen, Zinnen und Mauern an derselben Stelle und unverändert, wie er sie seit seiner Kindheit so oft gesehen.

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