Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1867)
- Date
- 1867-02-19
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
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147 Volkes Israel von der Zerstörung des ersten Tempels bis zur Einsetzung des Makkabäers Schimeon zum hohen Priester und Fürsten" (Braunschweig 1847 —1857), Grätz' (1853—1866), Für st's „Geschichte des Karäerthmns" (1862—1865), Kayserling's, Dukes', Steinschneider's, Munk's, Geiger's u.A.,denen sich eine Menge von Spezialgeschichten anreihen, geben das laute Zeugniß von dem mächtigen historischen Bewußtsein, welches die neueren Juden durchdringt und erfüllt, und das immer mehr nach der wahren wissenschaftlichen Befriedigung drängt, die nicht blos in der kritischen Beleuchtung der Thatsachen, sondern auch in dem tiefen und klaren Verständniß aller geschichtlichen Erscheinungen gewonnen wird. Auf diese Weise wurde und wird die Geschichte des Judenthums an sich, seiner Literatur, seines Kultus (zuletzt von Duschak), der Juden selbst nach allen Richtungen hin und in allen ihren Theilen mit mehr oder weniger Gründlichkeit, Kritik und Verständniß angebahnt, untersucht und dargestellt. Nicht minder aber erwachte nach und nach das Bestreben, auch den Lehr- und Gedankeninhalt des Judenthums zu einer wissenschaftlichen Erkenntniß und Bearbeitung zu bringen. Dies ging allerdings mehr aus praktischen Motiven hervor, kam später und kommt langsamer zu befriedigender Lösung. Diese praktischen Motive waren die Predigt und der Religionsunterricht. Beide, aus realem Bedürfniß erwachsen, müssen den ideellen Inhalt des Judenthums, selbst da, wo sie das Gesetz und die Ceremonie besprechen, aufsuchen. Aber die erstere thut dies in freier Bewegung und populärer Weise, der andere systematisch aber oberflächlich. Erst in den vierziger Jahren wurde der Versuch unternommen, den Vehrinhalt des Judenthums auch in philosophischer Weise ]\x höherem Bewußtsein zu bringen. Doch kann man liiert sagen, daß dies bisjetzt mit großem Glücke geschehen ist. Der eine Versuch geschah vom eklektischen Standpunkte und bewegte sich nur um die obersten Prinzipien i Formstecher h der andere, tiefer in die Details und den Charakter der Lehre eingehend, konstruirte die Lehre des Judenthums ans dem Grunde Hegel'scher Prinzipien i Taumel Hirsch), der dritte wollte die Offenbarungslehre zu einer „exakten Wissenschaft" machen (Steinheim) d. h. sie wie ein physikalisches Experiment oder mathematisches Axiom erweisen, und zwar ohne eine tiefere Kenntniß des biblischen Urtextes. Hieran knüpfte sich eine allseitigere Bearbeitung in mehr induktiver Methode, d. h. auf dem Grunde der Geschichte und Naturwissenschaftj licher Begriffe (Philippson's Israelitische Religionslehre, 3 Bände 1861 , 1862 und 1865). Allseitig können wir die letztere auch um folgendes Elementes willen nennen. Mit der tieferen Auffassung des Jndeuthums, ja schon mit seinem Hervortreten in das moderne Kulturleben, man kann selbst sagen bereits mit der Forderung der Gleichberechtigung für die Juden mußte Zwiefaches zur Frage kommen. Zunächst nämlich der Beruf und die Stellung des Judenthums im Allgemeinen. Es währte nicht lange, bis von der jüdischen Kanzel herab die Verkündigung ertönte, daß das Judenthum nicht partikularistisch eine Religion blos der Juden sei, sondern einen welthistorischen Berus habe. Man kam hierzu wie von selbst. Die Predigt wird sich ihrer Natur nach immer am meisten an die Propheten anlehnen. Berufen vorzugsweise die allgemeinen Sätze der Gotteslehre und die Gesetze der Sittlichkeit zu behandeln und dies auf dem Grunde des historischen Judenthums dem Volke eindringlich zu machen, steht sie selbst besonders auf dem Standpunkte der Propheten, und gipfelt sich, wie es bei diesen geschehen, in der Vorstellung, daß dereinst die ganze Menschheit sich zu dieser Gotteslehre bekennen und diese Sittlichkeitsgesetze verwirklichen werde. Nachdem dies aber die jüdische Predigt oft und laut genug ausgesprochen, mußte es endlich auch historisch begriffen und nachgewiesen werden und zwar namentlich in wiefern die Lehren des Judenthums theilweise durch die aus ihm abgeleiteten Religionen in die allgemeine Menschheit übergegangen und durch die Verbreitung unserer heiligen Schrift immerfort übergehen und theils hierdurch, theils durch die fortschreitende Entwickelung des Menschengeschlechts im Leben des letzteren wirkten und immer mehr wirken. Hierzu kam aber noch ein zweites. Wenn. die Predigten und Religionsbücher die Lehre von Gott und die Gesetze der Sittlichkeit zu ihrem Gegenstände hatten, so war doch noch ein drittes vorhanden, das von nicht geringerer Bedeutung. Das politische und soziale Leben war in Europa zu einer Periode energischer Entwickelung gekommen, und brachte alle Zweige des staatlichen, gesellschaftlichen und Rechtsgebietes von Neuem in Frage, zu langwieriger Discussion, zu gründlichster Untersuchung. Von selbst drängte sich hier die Frage nach dem Verhalten der Religion zu jenen Objekten auf; aber am nächsten lag dies für das Judenthum, welches von seinem Ursprung an diese großen Elemente des menschlichen Lebens als integrirende Theile der Religion, als nothwendige Consequenzen der 8*