Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1867)
- Date
- 1867-02-19
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
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146 großen ideellen Inhalt, den es in beständiger Entfaltung erhielt; es hat diesen ideellen Inhalt aber auch in Gesetz und Recht, im Leben eines Bolksstammes und von da aus vielfach im Leben eines großen Theils des Menschengeschlechtes realisirt. Als diese Erscheinung tritt es schon in seinem ersten Ursprung und seinen ersten Urkunden, nicht als eine Theologie und nicht als eine Jurisprudenz auf, und bewahrte sich diesen Charakter bis auf den heutigen Tag. Deshalb ist es vollständig geeignet, der Gegenstand einer Wissenschaft zu sein, welche dasselbe als einen lebendigen Organismus zu behandeln hat. Bestände das Judenthum allein in einer Zusammenhäufung von Glaubenssätzen und Gesetzesformeln, so wäre es allerdings für eine Wissenschaft kein Objekt, und die systematische oder kritische Bearbeitung jener würde ihm noch lange nicht den Charakter einer Wissenschaft verleihen. Das reichlichste Wissen ist noch keine Wissenschaft. Wissenschaft ist die Erforschung des Wesens einer Sache in seinem Ursprung, Werden, Entwickeln, Bestehen und Wirken, in dem lebendigen Zusamenhange von Ursache und Wirkung, in dem Begreifen seines Prinzips und dessen Ausstrahlungen und Verkörperung, seines Zwecks, seiner Mittel und Verwirklichung. Es versteht sich so von selbst, daß zur Wissenschaft die sorgfältigste Kenntniß des Gegenstandes, also das möglichst vollständige Material, die kritische Sichtung und die systematische Durcharbeitung gehören. Aber auf dieser Grundlage erhebt sich erst das eigentliche Bauwerk der Wissenschaft, welches die Erkenntniß des Wesens enthält, wie es in der Ganzheit und in allen Theilen, in allen seinen geschichtlichen Erscheinungen und Schöpfungen vorhanden ist und sich realisirt hat und realisirt. Somit kann es allerdings eine Wissenschaft des Judenthumes geben, und sie wird sich theils in der wissenschaftlichen Geschichte des Judenthums, theils in der wissenschaftlichen Bearbeitung seines Gedankeninhalts, wie er sich sowohl in seinem innersten Leben als auch in seinen Formen und realen Produkten erweist, darstellen. Diese Wissenschaft des Judenthums ist nicht neu, wie Immanuel Wolf meinte, sie hat schon eine Epoche gehabt. Nicht daß wir die religionsphilosophischen Arbeiten Philo des Alexandriners und Saadia's hierherrechnen, i-nM min kommt erst im Buche Josua vor, und nicht minder erhielten die späteren Epochen ihre Bezeichnung erst, als sie in ihren Werken nach vielhundertjähriger Entwickelung einen Abschluß erreicht hatten. denn die blos religionsphilosophische Behandlung ist noch keine Wissenschaft. Wohl aber ist Maimonides der Begründer der letzteren. Er war zu sehr Aristoteliker, als daß er nicht nach dem Beispiele seines Meisters, der überhaupt die Wissenschaft begründete, nicht auch das Judenthum als Wissenschaft hätte erfassen und bearbeiten sollen. Nicht allein daß Maimonides den Gedankeninhalt des Judenthums religionsphilosophisch darstellte, sondern er bearbeitete auch die Glaubenssätze und das Gesetz in seiner mosaischen und seiner traditionellen Gestalt systematisch, und versuchte deren Zweck und Gedankeninhalt zu erörtern und endlich deren Gestaltung geschichtlich festzustellen. Aber allerdings blieb dies Alles bei ihm Versuch, und Jedermann weiß, wie namentlich seine geschichtliche Auffassung vollständig unkritisch und im höchsten Grade mangelhaft war. Es ist daher nicht zu verübeln, wenn die Wissenschaft des Judenthums nur als ein Produkt der letzten vierzig Jahre angesehen wird. Sie begann mit dem Bewußtsein, daß das Judenthum, um innerhalb unserer Zeit eine höhere Bedeutung und damit eine dauerhafte Existenz zu gewinnen, der Bearbeitung als Wissenschaft bedürfe, und mit den Versuchen einzelne Gegenstände aus seinem Gebiete in diesem Geiste und dieser Art zu bearbeiten, wie die citirte Zeitschrift sie in ihren drei Heften (1822—23) enthielt. Von da ab war es besonders die Geschichte des Judenthums als solches und als Geschichte der Juden, welche als ein höchst bedeutender Theil der Wissenschaft des Judenthmns eine umfassende Bearbeitung fand. Es erschien das große Geschichtswerk von Jost „Geschichte der Israeliten seit der Zeit der Makkabäer" (1820—28), dem dessen „Allgemeine Geschichte des israel. Volkes" (1831 — 32), die „Neuere Geschichte der Israeliten von 1815—1845" (1847) und dessen „Geschichte des Judenthums" (1857 — 59) folgten. Ihm zur Seite erschien bahnbrechend und die wissenschaftliche Bearbeitung begründend das Werk von Zunz „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden, historisch entwickelt" (Berlin 1832), welchem bis 1865 die literaturgeschichtlichen Werke desselben Verfassers über die synagogale Poesie folgten. Wir haben hier die Vorzüge und Mängel beider Meister nicht zu erörtern, sondern stellen nur fest, wie sie die Bearbeitung der Wissenschaft des Judenthums von Seiten der Geschichte begründet haben. Auf ihren Schultern stehend ließen es die Jünger an tüchtiger Thätigkeit, an Erweiterung, Berichtigung und tieferer Auffassung nicht fehlen. Die Arbeiten Herzfeld's „Geschichte des