Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1867)
- Date
- 1867-02-12
- Page
- Seite 143 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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143 dorf sieht es trübselig aus, und du wirst bittere Thränen weinen. Alles ist verbrannt und zertrümmert und zusammengesunken; Alle sind fort, und Keiner wiedergekehrt. yjhxx Samte ist dort geblieben, und das Haus, worin meine schone Hinde, meine Braut, mit ihrer Mutter verbrannt sind, das habe ich aufgeräumt und wohne darin, und kein Mensch weiß es. Es kommt Niemand dahin. Da wart' ich, bis meine Hinde wiederkommt mit ihrer Mutter. Denn sie kommt wieder, das hat mir mein Malach l Engel) versprochen. Ich soll nur Tag für Tag dort bleiben, damit sie mich findet, wenn sie wiederkommt. Gott hat seine weise Hand über sie gelegt, als das Dorf brannte und die Schwerter der Reiter die Menschen niederschlugen, und wenn es Zeit ist, zieht er die Hand zurück und meine Hinde kommt wieder, noch schöner und lieber als sie war ..." Ein hohes Entzücken hatte sich über das Antlitz des Mannes gebreitet, und die letzten Strahlen der scheidenden Sonne legten den Mauz der Verklärung auf das Gesicht des Unglücklichen, der in seinem Wahnwitz so glücklich war. Seine Augen leuchteten, sein Mund lächelte. Die Frau sprach sanft zu ihm: „Ihr irrt, lieber Freund, der Knabe heißt Jakob, sein Vater ist Menachem ans Waseudorf, mein Mann, derselbe, den der schreckliche Graf in sein Verließ geworfen." Der Mann schüttelte den Kopf: „Nicht so, Weib, ich weiß es besser; der Knabe heißt Menachem und sein Vater war Jakob aus Wasendorf. Aber der ist ja schon längst tobt. Komm, Menachem, komm mit mir nach meinem Hause; dort wartest du mit mir, bis meine Hinde wiederkommt. Ihr aber, Frau, könnt auch mitgehen, ich habe noch Brod für Euch. Dort bleibet Ihr bis die bösen Kreuzfahrer aus dem Lande sind; dann bringe ich Euch nach Speyer zum Rabbi Anselm, und wenn Einer sich Eurer erbarmt, so ist es der. Und du, kleines Mäd.,en, komm auch mit. Ich habe schöne Spielsachen, Häuschen und Püppchen, die ich aus Ahorn schnitze, und die der Lämle im Lande umherträgt zum Verkauf. Ueberall ist er willkommen, wo es Kinder giebt. Und auf Geroldstein gehe ich auch, wenn es sein muß, trotz des wilden Grafen. Und da kann ich mich erkundigen nach Eurem Mann. O, der Lämle ist sehr gescheidt!" Hanna sah ein, daß ihr augenblicklich nichts weiterübrig bleibe als dem gutmüthigen Herrn zu folgen. Der nahm den Knaben an die Hand, und redete viel in ihn hinein aus den längst vergangenen Tager seiner Jugend, die er für gestern und vorgestern hielt. Er ging des Weges zurück, den Hanna gekommen war. Sie folgte ihm, ihr Töchterchen an der Hand. Die Nacht kam herab, und ein kühler Abendwind rauschte durch den Wald und rasselte durch die Gipfel der Föhren. Nach langer Wanderung, als die Sterne bereits am nächtlichen Himmel glänzten und der Mond hinter den Bergen heraufsteigen wollte, kamen sie an einen dunklen Trümmerhaufen. Sie kletterten über Ruinen, bis sie vor einer Masse zusammengesunkener Steine standen. Lämle schob einige an die Seite, eine Oeffnung wurde sichtbar; er ging hinein, bald hatte er eine Kienfackel angezündet, und leuchtete seinen Begleitern vor, um in den inneren Raun: zu schlüpfen. (Fortsetzung folgt.) Rachel. Die folgende Mittheilung über die große, noch unvergessene Künstlerin scheint uns um so angemessener an bicfem Orte, als man derselben so oft Habgier und Geiz nachgesagt hat. Wer übrigens eine interessante biographische Skizze der Rachel lesen will, den verweisen wir auf die unter diesem Titel vom Institute zur Förderung der israelitischen Literatur herausgegebene Schrift der Frau Rachel Meyer. Zu Anfang der Fünfziger Jahre hatte ich, wie viele Junggesellen meiner Art, in Paris einen Mann zur Hand, der mir allerlei besorgte, nur billige Cigarren verschaffte, meine alten Kleider abkaufte re. und der, weil ich ihm viele Kundschaft unter ineinen Freunden zuführte, sich mir zu allen Zeiten sehr dankbar erwies. Es war ein Jude aus der Gegend von Aschaffenburg, was mir auch seine Bekanntschaft einbrachte, denn er hatte mich als Parlamentsmitglied bei einer Volksversammlung in der Nähe dieser Stadt eine Rede halten hören und darauf mit dem andern Volke der Reichsverfassung Treue geschworen. In Folge dessen wendete er sich nach seiner Ankunft in Paris an lnich wie an einen alten Bekannten. Eines Tages, da er mir frische Cigarren brachte, kam ein anderer, ein uralter Jude, mit ihn: meine fünf Treppen heraufgekeucht. Er stellte mir diesen als eitlen sehr hilfsbedürftigen Mann vor, der, zu Hause in Bayern, in Folge der Revolution ruinirt, sich mit seinen vier Kindern ausgemacht habe, nun noch in seinen alten Tagen in Paris sein Glück zu versuchen. Es gehe ihm überaus schlecht, er habe kaum zu essen imd — ob ich für den Unglücklichen nicht etwas thun könnte. Der alte Mann sah ebenso ehrlich als niedergedrückt aus und auf die Empfehlung tneines Cigarrenhändlers konnte ich mich verlassen. 3n solchen und ähnlichen Fällen flössen mir, wentl ich wollte, immer reiche Hilfsquellen, z. B. aus der Tasche der immer zum Geben bereiten, nunmehr todten Frau Fanny Königswarter, der Gattin des bekannten Republikaners, aus der Schatulle einer Russischen Fürstin, aus der Sparkasse ihrer Tochter und aus anderen männlichen und weiblichen Taschen, die nur Gold zu enthalten pflegten. So konnte ich dem armen alten Mann nach wenigen Tagen ein ganz angenehmes Geldröllchen zukommen lassen. Des Dankes war kein Ende. Einige Wochen nach dieser ersten Bekanntschaft besuchte mich der Alte wiederum. Ich zog gleich bei seinem Eintritt die Schieblade, um ihm noch einen indessen eingelausenen