Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1867)
- Date
- 1867-02-12
- Page
- Seite 142 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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142 wieder wie Wehklage und Jammer des Mitgefühls klang. Unten in der Ebene hatte das Gewühl zugenommen und näherte sich schon stark den Bergen, in denen die anrückenden Haufen sich weiter und weiter zum Nachtlager ausdehnten; die Hügel warfen bereits ihre Schatten weit in die Ebene hinab. Da mußte wohl der Mann noch ein anderes näheres Geräusch vernehmen, denn indem er sich bereits anschickte, seinen Späherplatz zu verlassen, drehte er sich plötzlich um, wandte sich nach der Seite der Berge, hielt die Hand über die Augen und blickte scharf die Landstraße hinauf. Nicht lange, und es kamen Menschen hinter einer Krümmung des Weges hervor, welche mit eiligen Schritten die ziemlich steil abfallende Straße verfolgten. Es war ein Weib, von zwei Kindern begleitet, einem größeren Knaben und einem kleinen zarten Mädchen. Sie schienen sehr erhitzt von dem Marsche in der Sonnenhitze, und auf dem bleichen Gesichte des Weibes drückten sich Kummer und Sorge erkennbar ans. Eine Zeitlang beobachtete Lämle sie, wie sie immer näher kamen, und es mußte sich ihm anfdrängen, daß sie in die Ebene hinabwollten. Da sprang er den Hügel hinab, trat aus dem Gebüsch und Pflanzte sich plötzlich mitten auf dem Wege vor dem Weibe und den Kindern auf, breitete die langen Arme aus, und schrie mit lauter Stimme! „Halt, nicht weiter!" Das Weib wurde noch bleicher, riß die beiden .Kinder an sich und rief dem Manne zu: „Wer bist du? Was willst du von mir Armen? Laß uns unsres Weges ziehen — ich habe nichts dir zu geben!" „Halt, sage ich, erwiederte Lämle, keinen Schritt weiter! Ihr wollt nach Speyer? Wer seid Ihr?" „Laßt uns doch gehen, guter Mann, und haltet mich nicht auf. Ihr sehet, ich bin ein armes, unglückliches Weib. Einige Stunden von hier hat ein schrecklicher Mensch, ein Graf von Geroldstein, mir meinen Mann und meinen ältesten Knaben entrissen und in seine Burg entführt. Ich eile nach Speyer, die Herzen frommer Juden zu erweichen, mir meinen Mann um das Lösegeld wieder zu befreien." Der Mann hatte scharf aufgehorcht. Bei dem Namen des Grafen verzerrten sich seine Züge wild, er schüttelte den spitzen Kopf, daß die striemigen Haare umherflatterten, und er rief jetzt: „Ho, ho, der Graf von Geroldstein — der Fluch wird ihn treffen — sein Schwert hat alle Meinigen gefressen ..." Er schien in Erinnerungen sich zu verlieren, seine Arme sanken nieder, seine Augen schlossen sich fast. Als Hanna dies bemerkte, wollte sie den Augenblick benutzen, um den Mann hermnschlüpfen und ihren Weg forteilen. Aber Lämle erhob sich, ergriff den Arm der Frau und rief: „Keinen Schritt weiter, wollt Ihr in Euer Verderben? Wollt Ihr sammt Euren Kindern den Mördern in die Hände laufen? Ihr könnt nicht nach Speyer: sie sind da, sie sind da! Kommt, ich will sie Euch zeigen." Mit diesen Worten zog er sie den Hügel hinan nach dem Platze, den er soeben verlassen. Sie sträubte sich Anfangs, aber die Faust Lämle's hielt ihren Arm eisern umklammert, und sie mußte sich ergeben. Die Kinder folgten ihr. Oben angelangt, bog der Mann die Zweige des Gebüsches auseinander, und zeigte ihr das weite Lager der Kreuzfahrer in der Ebene. Zahllose Feuer hatten diese angezündet, die sich weit über die Fluren ausdehnten, und in der beginnenden Dämmerung drunten immer heller aufleuchteten. Wüstes Geschrei und Getöse drang von unten herauf, Geklirre der Waffen, Geheul von Hunden, daß die Herzen der Hörer mit Bangen und Schrecken erfüllt wurden. Der Mann flüsterte dem Weibe leise ins Ohr, als wenn sie unten vernounnen werden könnten: „Sehet, könnt Ihr nach Speyer? O, der Lämle ist gescheidt, und weiß wohl was er thut, mögen die Leute sagen, was sie wollen. Es sind böse Leute, die in Speyer, und lassen den Lämle nicht ungehöhnt zur heiligen Schul' gehen. Aber jetzt werden sie die Strafe Gottes erhalten. Ich hab's ihnen immer gesagt. Nun, sie dauern mich doch. Gott wird ihnen helfen. Sehet, das sind die Wallbrüder, die schrecklichen Kreuzfahrer, die alle Juden morden, wo sie sie treffen. Wenn Ihr nun hinunter wollet, so gehet, ich halte Euch nicht." Er ließ den Arm Hanna's los. Aber diese wollte nicht mehr hinunter. Bleich vor Entsetzen rang sie die Hände, und rief: „Mann, was soll ich thun? Wohin soll ich? Wo berge ich meine Kinder? Ich habe nichts, kein Geld, keine Sachen, kein Brod!" ... Während sie diese Klagen ausstieß und immer wiederholte, war der Blick Lämle's auf die .Kinder gefallen, die an dem Jammer der Mutter theilnahmen, aber sich fürchteten, ihn verlautbar zu machen, sie weinten nur und hingen sich an die Kleider der Mutter. Als er den Knaben ansah, ging eine sonderbare Wandelung mit den: Manne vor. Er trat einige Schritte zurück, hob die Arme empor, stierte den Knaben an, strich sich mit der Hand über die Stirn, daun brach er plötzlich in Jubel aus und rief: „Bist du endlich wieder da, Menachem? Wo hast Du denn gesteckt, lieber Junge? Die Feinde sind längst wieder fort, das Feuer ist erloschen, es ist Alles kalt und still in Wasendorf und du kannst wieder heimkommen ..." Dabei ergriff er die Hände des Knaben, der sich vergebens sträubte und hinter die Mutter flüchten wollte. Diese stand bestürzt und ohne zu wissen, was sie daraus machen sollte. „Menachem? Wasendorf? . . . Woher wißt Ihr? ..." „Ich heiße nicht Menachem, ich heiße Jakob!" schrie der Knabe. „Ach was, schäme dich, Menachem, willst du deinen Freund Lämle nicht kennen, und hast doch erst vor einigen Stunden mein Brod mit mir getheilt. Erinnere dich nur, es war am Bach hinter dem Dorfe, bei dem großen hohlen Weidenbaum. Freilich, sagte der Herr nach einigem Nachdenken, kommst du mir kleiner vor; du bist doch sonst ein viel strafferer Bursche. Aber was thut's, es ist schön, daß du wieder gekommen; deine Mutter ist doch auch in der Nähe? ... Ach, in Wasen-