Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1867)
- Date
- 1867-02-12
- Page
- Seite 144 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Nachtrag zu übergehen, aber er dankte lächelnd und abwehrend und meinte, ich solle das Geld nur für Andere, Hilfebedürftigere anfbewahreu, denn ihm sei gründlich und für immer geholfen, ebenso seinen zwei allsten Töchtern, die sich in guten Stellen befänden. Ich freute mich und fragte, wer das für ihn gethan? Fräulein Rachel, antwortete er mit Stolz. Die Schauspielerin? rief ich überrascht. — Dieselbe. Darauf erzählte der Alte ungefähr wie folgt: Da sitze ich vor zehn Tagen, so zwischen Drei und Vier, auf einer Bank in den Champs Elysees sehr niedergedrückt, sehr bekümmert und denke an mein Elend und an allen den Reichthum, der da zu Fuß und zu Roß und zu Wagen vor meinen Augen vorbeizieht. Da merk' ich, wie alle Leute einer schönen großen Frau Nachsehen und wie sie sich Alle etwas in die Ohren sagen. — Wer ist das? fragte ich einen Mann, der neben mir saß. — Wer ist das! sagt er; das ist die Mademoiselle Rachel, die große Künstlerin. — Da sehe ich mir sie genauer an, wie sie so hingeht gleich einer Königin, ganz in schwarzen Sammet angezogen und über deu ganzen Leib nichts als schwarze Spitzen, feinste Brüsseler Spitzen; ich versteh' mich darauf. Und neben ihr ein prächtiger Wagen. Hätte ich nur, was die auf ihrem Leib hat, denk' ich mir, wär' mir geholfen mtb ich könnt mir in den Marais ein schönes Geschäft einrichten. Ich schätz', daß sie wenigstens fünftausend Franken auf dem Leib hatte. Bist doch auch nur ein Judenkind, denk' ich, und gehst da herum gleich einer Königin in Sammet und in schwarzen Spitzen und alle Leute sehen dir nach — und ich bin auch ein Judenkiud und bin immer fromm gewesen und Hab nichts zu essen und kein Mensch sieht nuch an. So denk' ich und denk' noch weiter, wie ungerecht die Eintheilung ist - da, Gott soll mich bewahren! — da steht sie vor mir und sieht mich an, daß ich ganz erschrocken bin und auf einmal sagt sie sehr freundlich und mit einem Lächeln, das taufend Gulden werth ist, sagt sie: Sind Sie nicht Salomon Hornberger aus A . . . y? Ja, antworte ich und stehe auf; ja, Fräulein Rachel, ich bin Salomon Hornberger, aber rricht aus A . . . y, sondern aus W . .. n, denn aus A . . . y bin ich schon vor fünfundzwanzig Jahren weggezogen. Und was erwiderte die herrliche Person darauf? Kommen Sie zu mir, Herr Hornberger, besuchen Sie mich, sagte sie, icy habe etwas mit Ihnen zu sprechen. — Ich zu Ihr? Ich, Salomon Hornberger, zu ihr, Mademoiselle Rachel? Was soll das heißen? Ich war so erstaunt, daß ich gar nicht gesehen Hab', wie sie fortgekornrueri ist. Uud da standen die Leute und sahen rnich au, wie eine merkwürdige Person, weil Mademoiselle Rachel mit mir gesprochen hatte. — Was soll ich ihnen da lange erzählen? Gleich am andern Morgen bin ich zu ihr gegangen uud sie hat mich sitzen lassen auf einem wunderschönen Fauteuil! — und hat mich ausgefragt, und ich habe ihr Alles gesagt, wie schlecht es mir geht, und wie ich mit allen meinen Kindern hier bin und wie wir nichts zu essen haben. Was hat sie gethan? Tausend Francs, sage tausend Francs, hat sie mir gegeben und hat gesagt, wir foUcu nur gut leben und uns nichts abgehen lassen und in einigen Tagen soll ich wieder kommen, da werde sie schon etwas fiir mich gefunden haben, Nach einigen Tagen bin ich wieder gekommen, und da sagt die gesegnete Person: Herr Salomon Hornberger, in der Rue Mathurin, Nummer so und so, nicht weit von hier, ist ein Handschuhladen, da gehen Sie nur mit Ihren Töchtern hin und stellen Sie sich hinein, denn der Laden mit Allem, was drin ist, gehört Ihnen. Und Sie werden gute Geschäfte lnachen, denn ich werde Ihnen eine große Kundschaft zuschicken. Und Ihren Jungen lassen Sie nur gut Französisch lernen, und wenn er gut Französisch kann, werde ich ihm eine Anstellung verschaffen, darauf können Sie sich verlassen. Und so haben wir heute ein prächtiges Handschuhgeschäft, und kaum waren wir darin, kam Mademoiselle Rachel und hat uns ganze Packe abgenommen und noch dazu bezahlt, was doch ihr gehört. Und dann kam ein Herr nach dem andern, eine Dame nach der andern und Alle sagten: Mademoiselle Rachel schickt uns und wir werden unsere Handschuhe immer bei Ihnen kaufen. lSchluß folgt.) Eine Verirrung der Bekchrungssucht. Der Eclue. Isr. erzählt: Ein Soldat des 51. österreichischen Infanterie - Liuieuregnnents, 8. Cornpagnie, Namens Friedmaun, wurde im letzten Kriege schwerverwundet nach den: Hospital gebracht. Dem Sterben nahe, wurde ihm vorgeschlagen, Christ zu werden. Mau nahm an, daß er einwillige, taufte ihn, versah ihn mit der letzten Salbung und hielt ihn für tobt. Doch er wurde geheilt. Gleich darauf schrieb er in die Journale, daß er in jenen schrecklichen Augenblicken ohne alles Bewußtsein gewesen, daß ihm alle Fähigkeit, sich zu äußern, abgegangen, er auch keine Erinnerung znrückbehalteu; er sei Jude uud wolle stets Jude bleiben. — iJhm sage mau, daß der Fanatismus in unserer Zeit erloschen sei, ein Fanatismus, der sich und Andere zu täuschen nicht ansteht, dabei ein Fanatismus, der nur an äußeren Förmlichkeiten hängt und keine Ahnung von innerem Werth uud innerer Bedeutung hat! Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.