Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1867)
- Date
- 1867-02-12
- Page
- Seite 141 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zudcuthums. Feuilleton-Beilage M Ur. 7. Leipzig, den 12. Februar 1867. Verschenkt! - Verkauft! Novelle. (Fortsetzung.) 3. Auf einem kleinen Borsprunge, an dessen Seite die Bandstraße, die oben aus den Bergen kam, sich hinzog, um von da in die Ebene hinunter zu steigen, stand ein Mann mitten in dem Gebüsch und Unterholz, das als Grenze des Waldes alle diese Hügel bedeckte. Er hatte die Zweige der Sträucher auseinandergebogen und blickte neugierig in die Ebene hinab. Schwerlich beschäftigte ihn die herrliche Rundschau, die sich hier über eine blühende Landschaft, mit vielen Städten und Flecken besetzt und vom breiten, glänzenden Rheiustrom durchzogen, eröfsnete. Die Sonne, die bereits dem westlichen Himmelsrande sich näherte, warf vom Purpursaume eines Wölkchens her ihre goldenen Strahlen über die Landschaft, daß der Strom hell aufleuchtete, die Spitzen der Kirchthürme von fern her blitzten und die jenseitigen Höhen in violettem Dufte erschienen. Von all dieser Herrlichkeit hatte der Mann auf dem Hügel keine Ahnung in der Seele, sondern seine Blicke fielen nur auf einen weiten und bunten Zug von Menschen, welcher in der Ebene sich der großen Heerstraße nach hinschlängelte und langsam fortbewegte. Immer größer ward er, wie er im Lande vorrückte, da er in immer neuen Halsten aus der Ferne des Gesichtskreises her. sich entfaltete. Aber auch ümner breiter ward er, denn sein Vortrupp mochte wohl das Ziel des heutigen Marsches erreicht haben, unt> die Pilger an eine Lagerung für die heranrückende Nacht denken: sie begannen über das Feld zu beiden Seiten der Straße sich auszubreiten, mn Plätze zur Bereitung von Speisen und zunr Nachtlager einzunehmen, wobei sie offenbar wenig Achtung vor den: Eigenthum der Landesbewohner, wenig Schonung für Saat nnb Frucht zeigten. Dabei mochten wohl die Haufen auf ihre Waffen trauen, denn überall in der Menge brachen sich die Strahlen der Sonne an Schilden, Schwertern, Panzern, Eisenkappen und Lanzenspitzen. Von droben her mußte deshalb die Zahl dieser Krieger ungleich größer scheinen, als sie in der Wirklichkeit war, eine furchtbare Masse, wenn sie blos auf friedliche Landleute stoßen sollte. Die Spitze des Heerhaufens war deutlich gegen die in der Abendsonne sichtbare Stadt Speyer gerichtet. Der Mann auf dem Hügel wußte wohl, wen er vor sich habe; die Kunde von dem Heraunaheu der Kreuzfahrer war bis in die einsamsten Winkel des Landes gedrungen, und auch die Nachricht von den entsetzlichen Schrecknissen, die sie auf ihrem Wege gegen die Inden verübten, waren bereits überall bekannt. Aber für sich mochte Jener wohl Nichts fürchten, denn auf seinem sonderbaren Gesichte malte sich, wie er in die Ebene hinuuterblickte, weder Furcht noch Angst; eher drückte sich eine Art Wohlgefallen an dem neuen und großartigen Schauspiele in dem fast kindischen Lächeln aus, das über das dürre markirte Gesicht lief. Der Mann, in ziemlich zerschlissene und schmutzige Bauernkleidung gehüllt, von mäßiger Statur, mager und vorzeitig von den Jahren vorgebeugt, hatte einen spitzen Kopf, von welchem die schwarzgrauen Haare in wirren Striemen herabhiugen, eine schmale, niedrige Stirn, unter welcher, ohne von Brauen beschattet zu sein, stets bewegliche, kleine Augen hervorschaueten, Augen, in welchen neben Harmlosigkeit und Trauer irre Lichter erschienen, die dem aufmerksamen Beobachter verdächtig vorkonnnen mußten. Seine Arnie hingen schlaff an beiden Seiten nieder, wenn er sie nicht gerade gebrauchte, und seine Füße beugten sich bei jedem Schritt in die Kniee vor. „Sie werden nun nach Speyer ziehen, murmelte er vor sich hin, was ist das für eine grausige Nacht! . . . Die werden gut ausräumeu in der stolzen Judenstadt von Speyer . . . Eigentlich geschieht es denen recht; nun werdet! sie den armen Lämle nicht mehr verspotten und verfolgen, und die bösen Jungen werden mich nicht mehr stoßen und zupfen und werfen, wenn ich einmal hinkomme . . . Wenn sie sich nur nicht an der heiligen Schul' vergreifen . . . nun, wagen sie das, kommt der Jom hadin (Gerichtstag) bald über sie, und zerschmettert ihnen ihre frevelhaften Hände ..." Er murmelte noch viel in seinen grauen Bart hinein, daß es bald wie Flüche, bald wie Hohnlachen, bald