Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1867)
- Date
- 1867-02-12
- Page
- Seite 127 (sequence 3)
- Language
- German
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127 habt. Wie kann aber ein denkender Mann, der nur einen Blick in die h. Schrift geworfen, der Wahrheit so in das Gesicht schlagen? Und was für ein unwissendes Publikum muß er voraussetzen, dem er so Etwas zu sagen sich getraut! Wer waren selbst die ersten Redner des Christenthums? Nicht die Apostel? Welche Reden bewundern die Christen am meisten, wenn nicht die Jesu? Wer waren die Apostel Jesu, wenn nicht Semiten, d. h. Juden? War also nicht die Quelle der religiösen Beredtsamkeit im Christenthum eine semitische? Wir unsrerseits aber legen hierauf noch kein Gewicht. Wie? Ist unsere heilige Schrift, die man jenseits das Alte Testament nennt, nicht voll der großartigsten, überwältigendsten, und zürn Theil auch höchst künstlerisch geformten Schöpfungen der religiösen Beredtsamkeit? Was ist das ganze fünfte Buch Mosts anders als eine umfassende religiöse Rede an das Volk, weise komponirt, von großer Kraft, tiefem Inhalt und ergreifenden Motiven? Herr B. lese doch nur die Schlußrede Mosis 5. Mos. 29, 9 bis 30, 20, ob er irgend eine Predigt bis auf die neueste Zeit angeben könne, die von höherer Beredtsamkeit durchglüht und erfüllt ist? Soll ich ihn ferner erst an die meisten Bücher der Propheten erinnern, die nichts Anderes als religiöse Reden von erschütterndster Beredtsamkeit sind? Soll ich ihm erst die Reden des zweiten Jesaias (Kapp. 40 — 66) vorführen, die in der That mit großer Kunst im Einzelnen wie zu einem Ganzen kompouirt sind? Und ist dies nicht eine große Literatur? eine Literatur, die, wie Herr Burnouf als Bedingung voraussetzt, „eine historischeDauer hat, und wo man die Kunst des Wortes ans Nichts hervorgehend, nach und nach sich vergrößernd, endlich dem Gesetze gehorchend sieht, welches einen mehr oder weniger raschen Verfall der Vervollkommnung folgen läßt, bis die ganze Kunst mit den Jahren verschwindet?" Wenn er von Juda, der vor Joseph steht, bis zu Haggai und Maleachi diese Literatur verfolgt, so kann er alle diese Stufen und Merkmale der Entwickelung einer literarischen Beredtsamkeit, die aber zugleich den von ihm nicht gewürdigten Vorzug hat, naturwüchsig aus dem Geiste hervorzugehen, verfolgen. Zum Ueberftuß machen wir Herrn B. noch auf die Reden Salomo's bei der Einweihung des Tempels 1. Kön. 8, 12 — 53 u. 56—61 aufmerksam. Diese bilden doch wohl eine Predigt, wie er sie nur wünschen kann. — Wir wären wirklich begierig, zu hören, was Herr Burnouf hierauf zu erwidern hat, wenn wir nicht wüßten, daß unsre Nachbarn jenseits des Rheines gewohnt sind, auf die Einwände der Deutschen Nichts zu erwidern, selbst n enn deren Antworten ihnen zukounnen — was mit unseren betreffenden Artikeln geschieht — in der Voraussetzung, daß die Antworten der Deutschen doch nicht in den Kreis ihrer Leser dringen. Aber wir entlassen Herr Burnonf hiermit doch noch nicht. Wir wollen annehmen, daß Herr B. gar keine Beredtsamkeit anerkennt, wenn sie nicht schulgemäß in der einsamen Klause sich hinsetzt, und eine Rede künstlerisch mit der Feder in der Hand produzirt. Nun, auch hierfür ist bei den Semiten gesorgt. Herr B. kennt das Buch Hiob. Es ist ein Gedicht. Aber doch nur der allgemeinen Anlage nach. Genau genommen ist es eine Compositiou einzelner religiöser Reden, eine jede genau über ein bestimmtes Thema, über einen glänzend durchgeführten Lehrsatz, mit Einleitung, Durchführung und effektvollen: Schluß, wie nur irgend eine Predigt eines großen Kanzelredners. Eine Predigt zu halten über die eigentliche Quelle der Weisheit, wie das 28» Kapitel bietet, ist ein beneidenswerthes Loos als Kanzelredner. Daß sie nicht so lang ist, wie eine moderne Predigt, ich traue Herrn B. so viel Geschmack zu, dies nicht zu bedauern. Oder ist Koheleth, den man bezeichnend den „Prediger" nennt, kein Stück religiöser Beredtsamkeit über die 'Nichtigkeit des Irdischen?... Fürwahr, Herr Burnouf würde dies Mal seine Hypothese zu Gunsten der arischen Völker bedauern, wenn ein solcher Schematiker seine Binde vor den Augen zu verlieren im Stande wäre. Und doch sehen wir hier, um nicht zu weitläufig zu werden, von den Suren des Koran ab, von denen nicht wenige als höchst beredte Produktionen der religiösen Redekunst betrachtet werden müssen'. So könnten wir sagen, daß die religiöse Beredtsamkeit recht eigentlich eine semitische Kunst ist, von der die rnoderne Art ihren Inhalt, ihre Ansdrncksweise und einen großen Theil ihres Inhalts entlehnt hat, und wobei es eine große Frage ist, ob die moderne Art der religiösen Beredtsamkeit in dem, was sie hinzugefügt hat, eine glückliche Wahl getroffen und eine „wirklich ideale Form" gewonnen hat. Die Petition an das norddeutsche Parlament. Folgende Gemeinden haben sich wieder unserer Petition augeschlossen: Emden, Sondershausen, Frankenhausen, Immenrode, Walldorf, Meiningen, Hildburghausen, Gleicherwiesen, Berkach, Bibra.