Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1867)
- Date
- 1867-02-12
- Page
- Seite 126 (sequence 2)
- Language
- German
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126 griffes des Pantheismus, den Semiten eine solche, di lediglich des Begriffes des Monotheismus fähig ist, wo- Lei den Ersteren alle Kraft und Energie, alle Fülle und Ausdehnung zugesprochen ward. Es verschlug nun Nichts, daß nur eine geringe Kenntniß der Geschichte dazu gehört, zu wissen, daß, mit Ausnahme der Hebräer, alle semitischen Völker pantheistische Polytheisten waren, und daß der Monotheismus, wie er im Islam enthalten, von semitischen und arischen Völkerschaften erst vor zwölf Jahrhunderten angenommen worden — es mußte doch so sein, wie jener Schematismus es verlangt. Die geschichtliche Wahrheit muß schweigen, wo der scharfsinnige Construkteur spricht. Aber Herr Burnouf geht in seinen Entdeckungen weiter. Im ersten Dezemberheft der Revue des deux Mondes vom I. 1866 S. 624 ff. bringt er einen Artikel „die Beredtsamkeit und die Freiheit." Wir haben es an sich mit dieser Abhandlung nicht zu tbun. Sie enthält manche wahre und schöne Bemerkungen. Ihr Hauptgedanke ist: die Beredtsamkeit ist das Erzeugniß der Freiheit, ohne diese wird jene nicht, ohne Freiheit stirbt die Beredtsamkeit ab. Schade, daß der Verfasser bei so vielem Nachdenken über die Freiheit selbst an Unfreiheit des Geistes leidet, lind, die Fessel des Borurtheils nicht allein nicht abzuschüttelu vermag, sondern mit Lust und Eifer sie immer fester um sich schlingt, so durch sein Beispiel erweisend, daß eine beschränkte Freiheit doch noch nicht unberedt macht. Darum kann er seinen Gegenstand nicht behandeln, ohne in die gewohnte Schlinge des Naeenschematismus zu verfallen. Nein! nur der Arier kann frei sein! Nur der Arier kann daher beredt sein!... Dies ist nun freilich eine etwas auffällige Behauptung. Man mußte die Sache daher etwas anders anfangen. Herr Burnouf hebt seine Abhandlung folgendermaßen an: „Die Beredtsamkeit ist eine unwillkürliche Schöpfung (produetlon spontanee) der arischen Nace. Es heißt dies nicht, daß nicht auch bei irgend einer anderen Race von Menschen Personen getroffen würden, welche die Umstände bisweilen aufgeregt haben bis zu dem Punkte, sie mit Heftigkeit sprechen zu lassen. Man kann z. B. bei den Semiten die wohlbekannten Worte Samuels citiren, der den Juden (?) das Bild des Königs vorzeichnete, welchen sie verlangten: aber die Kunst, eine Rede zu komponiren, wie Alles, was eine ideale Form voraussetzt, gehört allein der Race der Arier an." — Herr Burnouf setzt als die Bedingung der Beredtsamkeit die -literarische Entwickelung fest, und findet diese nur bei arischen Völkern. — Vielen wird es nun fraglich sein, ob die wahre Beredtsamkeit erst ein Ausfluß der literarischen Form sei, ob nicht vielmehr der Strom einer wahren Beredtsamkeit naturwüchsig aus dem erregten Geiste des Menschen hervorbricht, ob nicht die literarische Ausbildung durch formale Schranken, künstliche Normen und erkünstelten Schwung der Beredtsamkeit mehr Abbruch als Vorschub leistet, ob nicht die größten Redner, wie z. B. Perikles, diejenigen waren, welche ihre Reden nicht schriftlich ausgearbeitet und darum auch nicht schriftlich hinterlassen haben? Wir wollen diese Frage hier nicht beantworten, fragen aber, ob das citirte Beispiel von Samuel das einzige in der h. Schrift sei? Von vielen kompetenten Richtern wird z. B. schon die Rede Juda's an Joseph 1 Mos. 44, 18 ff. als ein Meisterstück der Beredtsamkeit gerühmt. Wir führen als andere Beispiele die Rede Jotham's an die Bürger von Sichern, Richter 9, 7 ff., die Rede Jephta's an den König von Ammon, Richter 11, 15, die Rede Nathan's an David, 2. Sam. 12, 1 ff., die Rede des „klugen Wei- $e3" zu David, das. Kap. 14, die letzen Reden Davids das. 23, 2 ff. 1. Kön. 2, 2 ff. an. Wir haben hier nur einige hervorgehoben, weil wir auf andere spätere kommen werden. Kann nun aber Herr Burnouf einwenden, daß alle diese Beweise großer Beredtsamkeit nicht einer literarischen Entwickelung angehören? Woher haben wir sie denn? Nicht aus einer, durch ein Jahrtausend entwickelten Literatur? Haben etwa Juda, Jotham, Jephta u. s. w. diese Reden ausgezeichnet, oder sind sie später niedergeschrieben, also durch literarische Kunst überliefert worden? Bei dem geringen Umfange und der bestimmten Tendenz der heiligen Schriften wären diese wenigen Beispiele genug, um die kühne Hypothese des Herrn Burnouf zu Schanden zu machen. Aber die Dinge liegen doch noch ganz anders. Auf der zweiten Seite seines Artikels theilt Herr Burnouf die Beredtsamkeit in drei Zweige ab: die politische, die religiöse und die juristische. Hier ist es mm, wo die historische Sünde des Verfassers sich wahrhaft an ihm rächt, und ihn in der That außerordentlich bloßstellt. Er meint: nicht alle diese drei Zweige der Beredtsamkeit sind bei allen arischen Völkern vorgekommen; die Griechen hätten von der religiösen Beredtsamkeit keine Ahnung gehabt. Diese sei erst durch das Christenthum in die Welt gekommen und die beständige Stütze desselben gewesen. Also auch die religiöse Beredtsamkeit soll den Semiten gefehlt haben — denn nur die Arier haben ja Beredtsamkeit ge-