Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1867)
- Date
- 1867-02-05
- Page
- Seite 123 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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ein, daß das Fallgitter nicht wieder herunter konnte; dann wandte er sich um, einen größeren Haufen der Seiuigen herdeizurufen, um das Thor zu besetzen und den Wallbrüdern das Eindringen zu ermöglichen. Allein der Bischof war auch auf seiner Hut gewesen, da er den Charakter des Nachbarn kannte und sich des Schlimmsten von ihm gewärtig war. Eine starke Rotte Bewaffneter war hinter das Thor postirt und in dem Augenblicke, wo der Graf sich umwandte, fielen diese vom Rücken und von den Seiten über ihn her, verhinderten ihn, von seinen Waffen Gebrauch zu machen und schlugen auf ihn und seine Begleiter los. Von den letzteren sielen einige, die andern entflohen, der Graf wurde in den Hof des Palastes geschleppt, seine Partisane ans der Mauer entfernt und das Fallgitter heruntergelassen. Die Wallbrüder sahen sich plötzlich ihres Führers beraubt. Glücklicher Weise sollten diese jetzt nicht mehr die Angreifenden sein, sondern auch die Angegriffenen werden. Meschullam hatte, nachdem die Feinde von der Judenstadt abgelassen, eingesehen, daß es mißlich sein würde, ruhig hinter den Mauern abzuwarten, ob die Gegner neue Stürme versuchen würden. Wie leicht konnten sie durch neue Haufen, durch Zuzüge von Außen oder selbst durch den Pöbel der Stadt verstärkt, wiederkehren und dann mit günstigerem Erfolge die geschwächte Widerstandskraft der Juden brechen. Nachdem den Verwundeten die erste Hülfe angediehen war, wählte er die kräftigsten und entschlossensten Männer aus, stieg mit ihnen auf Leitern von der Mauer hinab und ordnete sie zu einem Uebersalle der Wallbrüder, die sich vor dem bischöflichen Palaste befanden. Vorher schon hatte er den Ritter Georg um ein gleiches Vorgehen ersucht, und dieser, erbittert über den Fall einiger seiner liebsten Genossen bei der Abwehr der Kreuzfahrer von der Burg, fand sich dazu sehr geneigt. Mit dem größten Theile seiner Reisigen und der bewaffneten Juden machte er einen Ausfall, trieb den Haufen Wallfahrer, die noch vor der Burg standen, vor sich her, und diese stürzten, Schrecken verbreitend, auf die Masse ihrer Genossen vor dem bischöflichen Palaste. Nunmehr von zweien Seiten angegriffen, wurde unter ihnen die Flucht allgemein und der regellose Haufen war bald zu den Thoren der Stadt hinaus und auf dieselbe Straße getrieben, die er hergezogen war. Bei dem Gedränge des Angriffs und der Flucht war ihnen auch die heilige Gans abhanden gekommen und so entschloß man sich, dem andern Zuge nachzueilen, der gegen Worms aufgebrochen.*) Die Gefahr war vorüber. Durch die Mannhaftigkeit der Juden und den großmüthigen Beistand des Bischofs und des kaiserlichen Vogtes war jeder Angriff der mord- und raubsüchtigen Wallfahrer abgeschlagen. Die Bedrohten konnten schnell wieder zu ihrem Herde zurückkehren und sich ihrer gewohnten Thätigkeit überlassen. *) Die Hauptzüge dieser Schilderung sind geschichtlich. Freilich zählten sie an zwanzig Todte und das Doppelte an Verwundeten. Aber die Freude des Sieges, der Dank für die Rettung, das Bewußtsein mannhafter Tapferkeit überwand alle Trauer, allen Schmerz. Der Graf von Geroldstein lag gefesselt in dem Kerker des bischöflichen Palastes. (Fortsetzung folgt.) Ueber Erziehung. Ein Gries an eine Name. Ein Thauwind kam und hatte in wenig Stunden die hohe Schneedecke hinweggeschmolzen, welche ein rauher Ostwind über Thal und Höhe gebreitet hatte. Und nun sind wieder all' die zarten Gras- und Saathalme sichtbar, welche unter der Hülle verborgen gewesen, und die Sträucher und Bäume stehen wieder in ihren selbständigen Formen vor uns. Wir werden daran gemahnt, daß es bald wieder gilt, als sorgfältiger Pfleger durch den Garten zu wandeln und Alles darin zu beschicken, um dem Frühling seine Arbeit zu erleichtern, dem Sommer sein Werk zu sichern. Denn gerade die aufkeimenden Pflanzen und die zur Entfaltung ihrer Blüthen und ihres Laubes sich anschickenden Bäume bedürfen der meisten Pflege, der sorgfältigsten Behandlung. Ist hier etwas versehen, unbedacht, ungethan geblieben, so ist es in den meisten Fällen um den ganzen Jahrgang geschehen. Dies erinnerte mich lebhaft an Ihren jüngsten Brief, in welchem Sie mir eine Frage über die Erziehung vorlegten. Diese Gedankenverbindung ist nicht schwer zu enträthseln. Aber, fragen Sie mich, warum haben Sie so lange gezögert? Warum mußten Sie erst wieder von Außen daran erinnert werden? Ja, verehrte Frau, weil Fragen über diesen Gegenstand, wenn die Antwort sich nicht blos in Phrasen bewegen soll, sehr schwierig zu behandeln sind. Es ist mit der Erziehungskunst wie mit der Heilkunst. Allgemeine Grundsätze lassen sich unschwer aufstellen, aber in jedem einzelnen Falle liegt so viel Eigenthümliches und Verwickeltes vor, daß kein gewissenhafter Arzt einen bestimmten Rath, eine bestümnte Vorschrift wird geben wollen, ohne den Patienten gesehen und sorgfältig untersucht zu haben, ohne dessen Vorgeschichte und Lebensweise zu kennen. Die Erziehungslehre als solche hat gewiß große Fortschritte gemacht, und wirkt segensreich ins Allgemeine. Aber daß in der wirklichen Erziehung nicht noch ebensoviel fehlgegrisfen und gesündigt wird als früher, möchte ich dennoch glauben. Sie haben Recht, der göttliche Meister hat allen Menschen die schwierigste Aufgabe und doch zugleich die heiligste Pflicht in der Erziehung seiner Kinder auferlegt. Es gehört dies mit zu der Bestimmung des Menschen, der er sich nicht entziehen kann, ohne sich zu entwürdigen, ohne sich schwer zu versündigen. Auch das Thier