Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1867)
- Date
- 1867-02-05
- Page
- Seite 122 (sequence 18)
- Language
- German
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122 fahrer heran und jedesmal wurden sie abgeschlagen; sie versuchten es von verschiedenen Seilen mit allerlei Listen und Hinterhalten; aber an allen Punkten fanden sie die Belagerten auf den Posten, eine gleiche Hartnäckigkeit, eine gleiche Unermüdlichkeit in der Bertheidigung. Nach einer kurzen Berathung gab der Graf voll wüthenden Ingrimms die Eroberung der Burg auf und ließ nur einen Haufen seiner Mannschaft zurück, um einen Ausfall in seinem Rücken zu verhindern. Dann eilte er gegen die Judenstadt zu und griff dieselbe mit dem ganzen unterdeß in die Stadt eingedrungenen Heere der Wallfahrer an. Hier fand er keinen Widerstand in einem Graben und seiner Zugbrücke, das Thor war schwach, die Mauern nicht hoch. Dagegen konnte dieses Viertel nur von einer, und nicht allzu ausgedehnten Seite angegriffen werden, und Meschullam hatte die Mehrzahl und die kräftigsten seiner Männer unter seiner eignen Anführung hier versammelt. Außerdem hatte er das Thor mit ungeheuren Barrikaden versehen, aus umgekehrten Wagen, Steinhaufen, Balken, Ketten und alten Möbeln aller Art zusammengebaut, ein unüberwindliches Bollwerk gegen die Eindringlinge. Auf die Mauer hatte er nicht minder Fässer Oeles und Wasser und Borkehrungen, dieses siedend zu machen, schaffen lassen, um es daun auf die Köpfe der Stürmenden auszugießen; Steine und Klötze waren in Menge aufgeschichtet und die Männer selbst mit den besten Waffen versehen. So erwarteten er und seine Männer den Angriff der Feinde mit Entschlossenheit und ruhiger Zuversicht. Sie wußten, hier galt keine Schonung; der Feind mußte zurückgeschlagen werden, oder ihr Tod war gewiß. Die Kreuzfahrer besannen sich nicht lange. In der ganzen Ausdehnung der Mauer begannen sie mit furchtbarem Geheule den Sturm. Sie schossen eine Wolke von Pfeilen auf die Vertheidiger ab, schleppten Leitern, hohe Fässer und andere Dinge herbei, um die Mauern zu erklettern oder auf deren Höhe sich hinaufzuschwingen. Nun begann der Kampf und wurde von der einen Seite mit wüthendem Hasse, von der anderen mit dem Muthe der Verzweiflung geführt. Meschullam war überall; erkämpfte, befehligte, half aller Orten; alle seine Vorkehrungen bewährten sich. Hunderte von Wallfahrern stürzten getroffen, verbrannt, verwundet nieder, wurden von der Höhe,^ die sie bereits erklommen, hinuntergeschleudert. Andere drangen an ihre Stelle vor, um dasselbe Schicksal zu erfahren. Freilich wurden auch nicht Wenige von den Juden getroffen und bluteten aus schweren Wunden. So wogte der Kampf mit einigen Unterbrechungen ein paar Stunden hindurch. Aber die Juden ließen in ihrer Verteidigung nicht nach. Meschullam hatte die Anordnung getroffen, daß die eine Hälfte auf der Mauer kämpfte, während die andere am Fuße derselben sich zum Kampfe bereit hielt. Sie wechselten mit einander ab. Nach einiger Zeit machte der Graf einen neuen Angriff. Er bediente sich dabei der List, auf den nördlichen Theil der Mauer einen furchtbaren Sturm scheinbar machen zu lassen, während er mit seiner Hauptmasse plötzlich gegen den südlichen Theil anrannte. Der Letztere war daher in diesem Augenblick schwächer besetzt und es gelang einem Theil der Wallbrüder, die Mauer zu erklimmen und in die Stadt hineinzuspringen. Aber sie halten sich in ihrer Hoffnung getäuscht. Denn hier wurden sie von der zweiten Abtheilung der Juden empfangen und in einem blutigen Kampfe niedergehauen. Schnell hatte die Besatzung der Mauer ihren Fehler wieder gut und den Feinden das Nachdringen unmöglich gemacht. Puch hier scheiterten die Kreuzfahrer mit ihrem wüthenden aber regellosen Angriff an der hartnäckigen Ausdauer der Juden und den klugen Maßregeln der Bertheidigung. Graf Geroldstein schäumte vor Wuth um so mehr, als eine große Zahl seiner Reisigen gefallen war. Gern wären die meisten der Wallbrüder vom weitern Verfolgen ihres Zieles abgestanden; aber der Graf wollte dies nicht zugeben und verwies sie auf die reiche Beute, die sie in dem schwach vertheidigten Palaste des Bischofs machen könnten. Sie folgten ihm dahin und füllten den freien Platz um denselben aus. Dieser Palast war keine eigentliche Burg, doch aber auch von einer Ringmauer mit Thoren und Fallgitter umgeben. Denn in jener Zeit durste Niemand es vernachlässigen, sich vor dem Ueberfall eines andern zu schützen. Der Kriegszustand war regelmäßig, der Landfrieden nur außergewöhnlich. Die geistlichen Herren führten das Schwert wie den Krummstab und jenen oft geschickter als diesen. Die Wallbrüder schickten eine Botschaft an den Bischof mit der Aufforderung, ihnen die in seinem Palaste befindlichen Juden auszuliefern, wohingegen sie die Kostbarkeiten mit ihm theilen wollten. Johannsen hatte ein großes Kreuz vor dem Thore seines Palastes aufpflanzen lassen, und gab nun den Boten einen harten Bescheid. Wer es wage, über dieses Kreuz hinaus sich der bischöflichen Resideuz zu nähern, solle aller Gnaden der Kreuzfahrt verlustig sein, in den großen Bann gethan und wie ein gemeiner Verbrecher hingerichtet werden. Er forderte die Wallbrüder auf, von allen weltlichen Gedanken abzulassen, in die Kirche zu gehen, die Spenden der Gläubigen entgegenzunehmen, deren er ihnen reichlich versprach, und dann ihres Weges zu ziehen. Es versteht sich von selbst, daß diese Antwort die Führer des Zuges, vornehmlich den Grafen Geroldstein, nicht abschreckte. Dieser wilde Mensch hatte der Fehden mit dem Bischof schon genug gehabt, um vor den geistlichen Waffen desselben irgend eine Scheu zu tragen. „Wohlan/' rief er aus, „so will ich zu diesem Bauernsohn von Bischof selbst hineingehen!" Er sandte noch einmal Boten zum Bischof, diesem anzuzeigen, daß er selbst vor ihm mit einigen Genossen erscheinen wollte. Der Bischof gab seine Zustimmung hierzu. Der Graf traf seine Anordnungen. Von fünf bis sechs Gesellen begleitet und mit einer großen eisernen Partisane bewaffnet, schritt er auf das Thor zu und unter dem aufgezogenen Fallgitter angelangt, schlug er mit gewaltiger Kraft die Partisane so in die Fugen der Thorwölbung