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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-02-05 · Heft 6 (5.2.1867) · p. Seite 124

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 6 (5.2.1867)
Date
1867-02-05
Page
Seite 124 (sequence 20)
Language
German
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124 sorgt für die Nahrung und Erhaltung seiner Jungen, so lange sie dessen bedürfen. Wo aber der Mensch anfängt, da fängt auch die Erziehung an, die Fürsorge und Bildung für die unsterbliche Seele des Kindes. Was der Mensch sonst arbeitet und schafft, ist zum allergrößten Theil nur für die Zeitgenossen und für eine kurze Zeit derselben. Aber mit der Erziehung der Kinder wirkt er auf ganze Geschlechter, auf Enkel und Urenkel in mannigfacher Verzweigung. Doch verzeihen Sie diese allgemeinen Expektorationen; aber sobald ich an die Menschenerziehung denke, wird mir das Herz so voll. Es. stehen dann sofort nicht blos die zahlreichen kleinen Geschöpfe vor dem geistigen Auge, welche so rein und befähigt aus der Hand des Schöpfers hervorgehen und so verkehrt und verworren be-, ja mißhandelt werden, sondern auch die ebenso zahlreichen Eltern, welche das Werk ihrer Erziehung vereitelt sehen und sich sagen müssen, daß sie bei all ihrer Liebe, bei all ihren Opfern doch keinen geringen Theil an der Schuld tragen. Noch eines muß uns immer trösten. Der allweise Ordner unseres Geschickes hat dies ebenso gut vorausgesehen, als er uns zu Vätern und Müttern machte, wie Alles. Er gab uns mit unfern Kindern nicht zugleich die Einsicht und den unbedingten Willen, sie so zu behandeln, wie es ihnen vollständig angemessen wäre, weil eben der Mensch den besten Theil seiner Arbeit zu machen aus sich selbst schöpfen sollte, weil eben der Mensch überall Schwierigkeiten und Hindernisse finden sollte, um sie ganz oder theilweise überwinden zu lernen. Dies für den Erzieher und den Erzogenen. Auch die üblen Wirkungen einer falschen Erziehung zu überwinden, ist des Menschen Aufgabe. Bei dieser strengen Zutheilung ist aber der allgütige Schöpfer nicht stehen geblieben. Er gab dem Menschen auch eine außerordentliche Zähigkeit und Elasticität des Wesens mit, vermittels derer er Viel vertragen, Viel verarbeiten, Vieles aus sich herausschasfen, Vieles innen verwinden kann, was auf den ersten Blick sehr ungesund, sehr gefährlich, für immer vergiftend, ja tödtlich erscheint. Dies muß uns trösten, wenn wir in der Erziehung unserer Kinder selbst bei dem, was wir am klarsten erkannt und als das Richtigste erfaßt haben, zittern, ob es nicht dennoch ein Jrrthum, für dieses uns anvertraute Kleinod ein Fehlgriff sei!. .. Ich kann, geehrte Frau, heute nicht weiter. Die Fülle der Gedanken und Gefühle treibt mich, ich merke es, bei jedem Schritte, den ich heute versuche, allzuweit. Ich werde morgen fortfahren, und da lieber alsbald auf die besondere Frage eingehen, die Sie an mich gerichtet. (Schluß folgt.) Kuriosa. Nichts gleicht dem Unsinn, welchen die ultramontane Presse täglich über die moderne Welt ausgießt. Zu den Lieblingsthematen der französischen Römerin, der Zeitschrift „Monde", gehören Deutschland und die Juden. So setzte sie jüngst auseinander: Deutschland kennt nur noch Einen Gott, der da ist der Gott „Bier." Sowie man einmal dem Cultus dieser unseligen Gottheit anheimgefallen ist, wird man capabel. Alles zu thun, selbst über Religion, Philosophie, Politik und Moral Unsinn zu schwatzen. Aus diesem Gott ist nun die deutsche Demokratie hervvrgegangen; Luther hat ihm gehuldigt, der gottlose Schiller verschmähte ihn nicht, Goethe, der Atheist, gab sich gerne mit ihm ab; der Philosoph Hegel hat vielleicht nur, weil er ihn zu sehr liebte, so viel dummes Zeug gefaselt; was Joseph II. und Friedrich II. anbelangt, so sagt die Geschichte keineswegs mit Bestimmtheit, ob diese beiden Souveräne ihm nicht oft zu Gunsten des Gottes Voltaire untreu wurden. Wie dem auch sei, Deutschland ist heute demokratisch und gottlos; es ist nicht allein krank, sondern von brandiger Fäuluiß bis aufs Mark zerfressen, und zwar durch seinen Aberwitz und seinen Philosophismus. Der. jüdische Geist hat es noch vollständig zu Grunde gerichtet und physisch wie moralisch erschöpft; er ist die größte Geißel Deutschlands. Ein artiges Lunproquo wird aus einem schlesischen Städtchen in der zu Teschen erscheinenden „Silesia" erzählt: Da der beliebte Arzt, Herr Dr. K., vor einigen Monaten schon einer bedenklichen Krankheit zufolge die Praxis völlig aufzugeben genöthigt war, so wurde in den Herzen Aller der Wunsch nach einem Mediciner rege, indem man bis nun einzig und allein auf die in dem Städtchen domicilirenden drei Chirurgen hingewiesen war. Nun haben sich in Folge dessen vor acht Tagen die Herren Mediciner DrDr. B., P. und H. dortselbst eingefunden. Selbstverständlich stellten sich die Herren Doctoren dem Bürgermeister vor, von dem sie auf das Freundlichste empfangen wurden. Nur bei der Aufwartung, die Herr Dr. H. dem Herrn Bürgermeister machte, waltete zufälligerweise folgendes Mißverständniß ob: Der Herr Bürgermeister sagte nämlich zu Letzterem, daß es ihn sehr freue, daß er, Herr Dr. H. nämlich, gekommen sei, und meinte, daß ihm, dem Dr. H., weil die anderen zwei Neuangekommenen Aerzte „Juden" seien, als einem „Nichtjuden" gewiß die größte Praxis prognosticirt werden könne. Spater stellte sich nun aber zum Bedauern des Bürgermeisters heraus, daß auch Herr Dr. H. dem Stamme Israels angehörte, was der Herr Bürgermeister wahrscheinlich aus dem Diplome des Herrn Doctors, wo natürlich die Religion nicht wie vormals in den Pässen eine Rubrik hat, nicht entnehmen konnte. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld, Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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