Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1867)
- Date
- 1867-02-05
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
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107 seinen Glaubensgenossen zu wecken und zu befruchten verstand. Dagegen ließ er das nicht blos mittelalterliche, sondern in den letzten Jahrhunderten gänzlich verdorrte und geistesberaubte Judenthum völlig unberührt. Es blieb in seinem Geiste erstarrt, in seinen Formen veraltet, geschmackswidrig, überall trennend zwischen dem Culturleben der Völker und der jüdischen Masse. Deshalb verfielen schon die nächsten Schüler Mendelssohn's, David Friedländer an der Spitze, in das entgegengesetzte Extrem: sie wollten das ganze historische Fundament und den ganzen Inhalt des Judenthums außer ein paar Allgemeinsätze, die sie als Bernunftreligion zugestanden, beseitigen. Sie fanden damit weder bei Juden noch bei Christen Eingang und die Folge davon war eine Verachtung des Judenthums, die bei den „gebildeten Berlinern" Platz griff und den Abfall von ihm zur Tagesmode ^wachte, so daß gerade die Mendelssohns und Friedländers am ehesten in die christliche Kirche wunderten. Ohne soweit zu greifen, verbreitete sich doch dasselbe Verhältniß in erschreckendem Maße, unterstützt von der Oberflächigkeit, Seichtigkeit und Abspannung, welche nach den Freiheitskriegen in der ganzen Strömung der Zeit herrschten. Der ganze Rabbinismus mit seinen Trägern gerieht in maßlose Mißachtung; der Talmud wurde als eine Sammlung von Absurditäten geschmäht, sein Studium als geistverderbend betrachtet, und dies am meisten von solchen, die in ihrer Jugend noch dem Talmud obgelegen; die Lehrhäuser der Talmudisten leerten sich gänzlich und die früher berühmtesten Schulen derselben gingen ein; der Gottesdienst verfiel, die Synagoge mit allen ihren Instituten ward vernachlässigt, nicht einmal an Restauration der Baulichkeiten, oder gar an Errichtung neuer Synagogen dachte man. Je trauriger diese Zustände waren, desto mehr sollte sich die innere, stets sich verjüngende Lebenskraft des Judenthums erweisen. In ungeahnter und verhältnißmäßig schneller Weise sollten jene sich ändern, und was schon Ruine schien, sich als das Fundament zu einem neuen edlen Gebäude bethätigen. Einen Wendepunkt gab die Errichtung des Hamburger Neuen Tempels ab. Es muß dies stets in dankbarer Erinnerung bleiben. Es war in ihm zum ersten Male in die Erscheinung getreten, daß es eine Vermittlung zwischen dem historischen Aufbau des Judenthums und dem Geiste des Kulturlebens gebe, daß das geschichtliche Juventhum nicht für die Klärung der Begriffe und für die höhere Geistesbildung aufgegeben zu werden braucht, daß selbst die kultuellen Formen nur einiger Biegung und Umgestaltung bedürfen, um jeder gerechten Anforderung genügen zu können. Ein zweites Moment lag bei ihm darin, daß er die jüdische Predigt, von der bis dahin nur einige sehr wenige Tropfen Thau hier und da, dann und wann schon gefallen waren, zu einem integrirenden Elemente des Gottesdienstes erhob, also mitten in die stabilen Formen einen stets flüssigen, vom Geiste belebten Theil brachte. Es ist wahr, der neue Tempel zu Hamburg fand Jahrzehende lang keine Nachahmung. Er heimelte die Juden aus der gewohnten Weise noch lange nicht an; aber seine Existenz diente doch zahllosen Einzelnen in allen Ländern im Geiste als Anhalt und Stütze, und weckte in ihnen überall die Hoffnung auf Bessergestaltung. Mehr noch zündete das Wort, welches von der Kanzel dieses Tempels erschallte, als es durch die Presse in alle Länder sich verbreitete. Die Predigten wurden überall gelesen, veredelten den religiösen Sinn, weckten für das Judenthum wieder Interesse und feuerten zur Nachahmung an. Jndeß wäre dieses günstige Ergebniß wohl schwerlich von dauernden Folgen gewesen, da diese verhältnismäßig immer noch sehr schwach waren, wenn nicht die Sache des Judenthums auch von anderer Seite erfaßt worden wäre. Zum wirklichen Wiederaufbau des letzteren gehörten Synagoge, Religionsunterricht, Wissenschaft und Literatur. Nur durch die Vereinigung dieser konnte eine dauernde Erhebung bewirkt werden, und hierzu blieben die ersten Schritte nicht lange mehr aus. Aber, mögen wir schon hier bemerken, von wem geschahen sie? Allein von denen, welche die jüngst neu gebackenen Orthodoxen mit aller Macht, aber zuletzt doch vergeblich verschreien und verketzern! Diese waren es, welche das Judenthum aus dem erstarrenden Schlafe weckten, in welchen die alte Orthodoxie, die sich nicht zu regen und zu bewegen verstand und selbst auf ihren Lehrstühlen in Schlaf gesunken war, es hatte verfallen lassen. (Fortsetzung folgt.) Die Petition an das norddeutsche Parlament. Vollmachten sind wieder eingelaufen von den Gemeinden zu Mengeringhausen und Arolsen, Rhoden, Corbach, Adorf, Wiedungen, Züschen, Sachsenhausen, Landau (Waldeck), Stadthagen (Schaumburg-Lippe). In mehreren Gemeinden, theils der annektirten Län- 6*