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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-01-29 · Heft 5 (29.1.1867) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 5 (29.1.1867)
Date
1867-01-29
Page
Seite 103 (sequence 23)
Language
German
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103 vereinigt mit den Kampfgenossen, die im Leben einen andern religiösen Glauben hatten! Wie viele von ihnen entbehrten in der letzten Stunde der geweihten Andacht, unter deren Geleit sie sich zu ihren Vätern versammelten! Wie viele von ihnen hauchten den Athem aus, während in ihrer Nähe der Geistliche im Dienste einer andern Religion die Weihen seines Bekenntnisses spendete, oder liebend seinen Zuspruch auch ihnen zuwandte! Dem Schreiber dieser Zeilen war Dies Grund genug, dem Vortrage anzuwohnen, der jedoch weit über die gehegten Erwartungen Eindrücke hervorrief, welche vorzugsweise dem jüdischen Sinn und dem jüdischen Herzen Erhebung und Erbauung zuführten. Dem Redner war von den Geistlichen, die ihm unterstellt waren, und ebenso von anderen, mit denen er deßhalb in Verbindung getreten, über mancherlei Vorgänge Bericht erstattet, den er seinem Vortrage zu Grunde legte. In denselben wurde auch eine Reihe von Texten ausgenommen, die zu Predigten beim gewöhnlichen Gottesdienste oder bei Begräbnissen gedient hatten. Ich zählte deren zwölf und darunter neun, die dem alten Testament entnommen waren. Wir wissen sehr wohl, wie viel Terrain eine Predigt schon im Voraus sich bei den Zuhörern erobert, wenn sie einen geeigneten, Herz und Seele gewinnenden, oder Geist und Gedanke weckenden Text voraufschickt; allein ich kam vielleicht noch nie derart zum Bewußtsein, welche reiche Fundgrube zutreffender Textstellen das alte Testament für Predigten bietet, in welchen große nationale Stimmungen, erhabene Bestrebungen, Sieg und Niederlage, Furcht und Hoffnung,. Größe und Ruhm der Einzelnen, wie der Völker einen Ausdruck finden, als in dem Augenblicke, da ich eine Reihe alttestamentlicher Textstellen gegenüber wenigen verlesen hörte, die — woran doch nicht gezweifelt werden darf — mit Sorgfalt aus dem neuen Testament geschöpft waren. Wenn, wie es meist geschah, der Gottesdienst unter freiem Himmel, auf blühenden Feldern, in öder Gegend, auf waldigen Höhen, an Ufern u. s. w. abgehalten wurde: dann boten die Scenerien des alten Testaments, die Naturschilderung der Psalmen, die Schicksale der Erzväter, die Erlebnisse Israels in der Wüste, die Kämpfe des Volkes, die Ermahnungen der Propheten, die Klagen an den Ufern der babylonischen Gewässer die geeigneten Anhaltspunkte zur Predigt. Am Grabe der Gefallenen, das sich in der Regel über hundert und mehr Leichen schloß, war ein alttestamentlicher Text der geeignetste, und als dem umfassendsten Begräbniß nach der Schlacht bei Königsgrätz auf den Höhen von Chlum der König anwvhnte, lehnte die Grabrede an das Trauerlied Davids auf Saul und Jonathan an: „O Zierde Israels, auf Deinen Höhen erschlagen, wie sind gefallen die Helden!" Und als ob der Genius des alten Testaments den tapfern Kriegsschaaren auch noch bei der letzten heiligen Handlung, die sie vereinigt hielt, die Blüthen der Andacht und frommen Erhebung gespendet hätte, wählte beim Tedeum in Berlin, das unterfreiem Himmel abgehalten wurde, der Feldprobst zum Text seiner Predigt die Worte des Psalmisten: „Von Gott ist das Alles geschehen, Wunderbares hat sich vor unseren Augen vollzogen." Von den Texten aus dem neuen Testament führe ich die Geburt des Stifters des neuen Bundes an, die in dem Stall zu Bethlehem stattfand, welcher Text dem Geistlichen besonders geeignet erschien, wenn der Gottesdienst wegen ungünstiger Witterung oder wegen Verweigerung der katholischen Kirche des Orts durch den betreffenden Geistlichen oder dessen Oberbehörde in Ställen oder Scheunen abgehalten wurde. Der letztere Fall wiederholte sich einige Male, oft jedoch wurde der Benutzung des katholischen Gotteshauses zum evangelischen Gottesdienste keinerlei Hinderniß in den Weg gelegt; sei es, daß die Erkenntniß der Lage, in welcher man sich befand, es rathsam erscheinen ließ; sei es, daß die katholischen Geistlichen in Feindesland tatsächlich vom Geist der Toleranz und der Achtung vor der Schwesterreligion erfüllt waren. Unwillkürlich drängte sich mir dabei die Frage auf, ob das Judenthum in einem ähnlichen Falle die christliche Andacht in seinem Gotteshause gestatten dürfe? Ich spreche nicht von dem berechtigten Schmerz des Herzens, das sich in seinen Sie« fett ergriffen fühlt, wenn ein anderer Glaube an derjenigen Stätte gepredigt wird, welche es zum sichtbaren Heiligthum seines eigenen Bekenntnisses geweiht hat; sondern ich frage nach der objeetiven Auffassung des jüdischen Gesetzes, welches Verhalten es vorschreibt, welche Nachsicht es gestattet, wenn im Falle eines Krieges der Feind, der einem anderen Bekenntnisse angehört, in ruhiger und humaner Weise zur Abhaltung seines Gottesdienstes die Benutzung einer Synagoge fordert? Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesen Zeilen einen bezüglichen Ausspruch zu thun; wohl aber meine ich, daß im Weihgebet des Königs Salomo in dem von ihm errichteten Tempel der Ausgangspunkt zur Beantwortung der angeregten Frage enthalten ist, wiewohl dieselbe sich weitab von der im salomonischen Gebet gewonnenen Basis entfernt. In der preußischen Armee befanden sich 120 evangelische und 41 katholische Feldprediger, die den verschiedenen Truppentheilen zugeordnet waren. Häufig jedoch waren diese Theile auseinander gerissen und rasteten in kleineren Abtheilungen an verschiedenen Orten: die Geistlichen, die das Gros verloren hatten, eilten dann zu Pferde oder zu Wagen zu den nächsten Standquartieren und veranlaßten dort, wenn es ein Sonntag war, einen Gottesdienst unter den Truppentheilen, die sie gerade antrafen. Wie oft mögen an solchen Tagen Hunderte von jüdischen Soldaten zusammen gewesen sein, denen ein Gottesdienst und eine Predigt ihres Geistlichen die schönste Erhebung gebracht hätte, nach welcher sie nach überstandeneu Mühen und Angesichts neuer Gefahren sich sehnten! Wie der Herr Redner bemerkte, trugen die Commandeure oft Bedenken, den ermüdeten Truppen, die der Ruhe bedurften, die Theilnahme am Gottes-

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