Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1867)
- Date
- 1867-01-29
- Page
- Seite 102 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Verschenkt! — Verkauft! Novelle. (Fortsetzung.) „Hört nun den Plan, den wir festgestellt. Die Frauen, die Kinder und Greise nebst allen unseren Kostbarkeiten werden theils in den bischöflichen Palast, theils in die kaiserliche Burg gebracht. Den erstern beschützt die Heiligkeit des Bewohners, und die Leibwache des geistlichen Herrn wird genügen, die Ringmauern und das Thor seines Palastes vor allen Eindringlingen zu bewahren. Das Dutzend Reisige, welche der Ritter von Halm unter seinen Befehlen hat, muß von unserer Seite verstärkt werden, denn das Gesindel wird wenig darnach fragen, wem die Burg zustehe, da es längst das Land verlassen haben wird, wenn die Strafgewalt bereit sein würde, den Frevel an ihm zu rächen. Es bleibt uns also nichts übrig, als daß alle männlichen Glieder der Gemeinde die Waffen ergreifen, um das Theuerste, was sie besitzen, ihre Frauen und Kinder, und ihr eigenes Leben zu vertheidigen. Jetzt zeigt es sich, welche Wohlthat uns Bischof Rüdiger angethan, da er uns mit Mauern und Thoren versehen. Die Wacht aus unserer Mitte wird die Rottenführer abgeben. Ein Drittel unserer Mannschaft verlegen wir in die kaiserliche Burg, die andern zwei Drittel vertheidigen unsere Stadt. Wir werden mannhaft kämpfen, bis auf den letzten Athemzug, denn wir thun es für uns und die Unsrigen." Zwar nicht von allen, aber doch von keiner geringen Zahl der Anwesenden wurde Meschullam der laute Zuruf: „Wir wollen kämpfen, ja wir wollen es. Wir werden deinem Vertrauen entsprechen, Gott wird uns beistehen!" Meschullam nahm noch einmal das Wort: „Gut, weine Brüder! Euer feuriger Muth ist eine Bürgschaft des Sieges mehr. Aber vor allem kommt es jetzt darauf an, Ordnung in die Sache zu bringen. Was geschehen soll, muß schnell geschehen. Wir müssen denjenigen Theil unserer Angehörigen bezeichnen, der nach dem Palast und der nach der Burg kommen soll; wir müssen jedem sagen, was er retten solle, damit ihm die Angst nicht werthloses Gerümpel in die Hand giebt, während er des wichtigsten vergißt. Dazu wollen wir sogleich acht Männer aus unserer Mitte bestellen; ich selbst will, wenn es Euch so recht ist, die Bewaffnung und Abtheilung unserer Mannschaft übernehmen. Glücklicher Weise ist in der kaiserlichen Burg ein großer Vorrath an Waffen vorhanden, der mir gegen angemessene Zahlung zu Gebote gestellt worden. Frisch an's Werk, Brüder, denn es ist uns wenig Zeit eingeräumt!" Die männliche Entschlossenheit, mit welcher Meschullam sprach und vorging, riß alle mit sich fort, und in rascher Beweglichkeit wurde die Wahl der zu bestellenden Männer vollführt. Man schickte sich zum Fortgehen an, als Rabbi Anselm sich erhob, und mit der Hand Stille gebot. Er sprach: „Lasset uns nicht aus einander gehen, meine Kinder, ohne ein Wort des Gebetes an den Retter und Schützer der Schwachen und Bedrängten zu richten. Haben wir verschuldet, was über uns kommt, so möge Er Gnade vor Recht ergehen lassen, und uns und unsere Kinder mit Seinem Schilde decken, wie Er unsere Väter unter Seinen Schirm gestellt. Ist es Unrecht, gewaltthätiges Unrecht, das an uns verübt werden soll, so wird er das Schwert seiner Gerechtigkeit gegen unsere Feinde kehren und sie vernichten. Sollen wir einen Kampf der Makkabäer bestehen, so bereite Er uns einen Sieg der Makkabäer, daß wir in Seinen heiligen Tempel kommen und anbeten. Und nun theure Kinder, nehmet meinen väterlichen Segen mit Euch in Leben und Tod!" Der Greis breitete seine Hände aus und sprach leise und inbrünstig die Worte des alten Segensgrußes, der die Geschlechter Israels, nachdem ihn zum ersten Male der Mund Moses' und Aron's ausgesprochen, von der arabischen Wüste über die Meere und Länder und durch die Jahrtausende begleitet hatte. Die Versammelten gingen aus einander, sie vertheilten sich unter die Menge, die draußen harrte; sie. sprachen zu ihr muthige und belebende Worte, und die Zuversicht und Thatkraft, welche Meschullam in ihren Herzen entzündet hatte, breitete sich schnell durch alle Bewohner der Judenstadt aus. Es war damals eben noch nicht die Zeit wehrloser Schwäche, muthloser Verzweiflung gekommen, deren einzige Stärke darin besteht, den Todesstoß ohne Zagen zu empfangen, weil er nicht abzuwenden ist. Jndeß war den entschlossenen Juden von Speyer doch eine größere Frist gestattet. (Fortsetzung folgt.) Etwas über die Seelsorge im verflossenen Kriege. Potsdam, im Januar. Jüngst kündigte der Hen Hof- und Garnisonprediger R. einen Vortrag in dem evangelischen Verein über das Thema „der Geistliche auf dem Schlachtfelde" au. In dem Vortrage ließ sich der Nachklang so manchen Weherufs erwarten, der auf den blutigen Schlachtfeldern vernommen wurde. Was die unvergeßlichen Krieger in ihren letzten Augenblicken gehofft woran sie sich getröstet, wie sie aus dem Leben geschieden, wie sie zu Grabe getragen: alles Dieses, das die Seele zu edler Ergriffenheit stimmt und das Reinmenschliche — unabhängig von der Unterlage einer bestimmten Confession — zu seiner wahren Bedeutung erhebt, mußte voraussichtlich in dem Bortrage des Mannes, der während des Feldzuges eine hervorragende Thätigkeit ans dem Gebiete der Seelsorge entfaltet hatte, zur. Sprache kommen. Wie viele theure Leiber, die ihre letzte Stäue hätten auf einem jüdischen Gottesacker finden müssen,! unter den heiligen Bräuchen und Gebeten des Judenthums hätten in das Grab gesenkt werden sollen, liegen