Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1867)
- Date
- 1867-01-29
- Page
- Seite 101 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zudeuthums. Feuilleton-öeilagr )ii tlr. 5. Leipzig, den 29. Januar 1867. R. Jose aus Diokrat. Ganz verlassen steht der Lehrsaal, wo einst Rabbi Jose lehrte, Jeder Schüler ist geflohen, der sein weises Wort einst hörte. Wer sein eigen Kind nicht schonet, kann nicht Menschenlieb' empfinden; Wer die Liebe nicht verstehet, darf nicht Gottes Wort verkünden. Täglich wandelt' Rabbi Jose in des Gartens sanfter Kühle, Zu erfrischen seine Glieder vor dem Druck der Mittagschwüle, Und einst sah er einen Jüngling an der Gartenmauer stehen, Einen Fremden, den er niemals in dem Lehrsaal noch gesehen. Traurig ist des Jünglings Miene, und die eingefall'nen Wangen Zeugen laut von schweren Wunden, die sein junges Herz empfangen, Und wie Rabbi Jose nahet, will er schnell von dannen eilen; Doch bemerkt hat ihn der Rabbi, freundlich heißt er ihn verweilen. Schauet ihm in's blasse Antlitz, und erblickt des Auges Zähren, Und er spricht mit sanften Worten, will dem Unglück Trost gewähren: Sprich, wer bist du, fremder Jüngling, und was soll dein seltsam Wesen? Unnennbares Wehe kann ich in den trüben Blicken lesen. Sprich, was kränkt dich, fremder Jüngling, hat dich schwerer Gram erfüllet? Denke an den Allerbarmer, der des Herzens Kummer stillet. Drückt dich Sünde, drücket Frevel dein Gewissen schwer darnieder? Bete zu dem Gnadenreichen, seine Lieb' erhebt dich wieder. „Ob es Sünde, ob es Frevel, daß mein Aug'ich kühn erhoben „Bis zu deiner Tochter, Rabbi, — richte Gott im Himmel droben, „Aber ftei darf ich bekennen: Nicht hat Hoffnung mich verführet, „Daß die Tochter Rabbi Jose's mir, dem fremden Mann, gebühret. „Nur zu sehn die Heißgeliebte, nur von ferne sie zu sehen, „Möchtest du dem kummervollen Herzen dieses zugestehen? „Einmal noch möcht ich sie sehen, die mein Herz mir wund geschlagen, „Und der Liebe und der Freude dann für alle Zeit entsagen." Doch der Rabbi düster blickend: Ward sie deßhalb mir geboren, Daß durch ihres Zaubers Anblick eine Seele sei verloren? Und der Schönheit Himmelsgabe, ward sie darum ihr verliehen, Daß in eines Jünglings Busen Leid und Kummer mußten ziehen? Mögen brechen ihre Augen und erbleichen ihre Wangen, Mag der Tod in Nichts verwandeln ihrer holden Schönheit Prangen, Mag sie sterben, und es werde mir mein einzig Kind genommen, Möge nur durch ihre Schönheit Niemand mehr ins Unglück kommen. Und wie er das Wort gesprochen, hat der Ew'ge ihm gewähret, Und das schönste Werk der Schöpfung ist zu Staub zurückgekehret; Ihre Augen sind gebrochen und erblichen ihre Wangen, Denn der Tod, er hat vernichtet ihrer holden Schönheit Prangen. — Ganz verlassen steht der Lehrsaal, wo einstRabbi Jose lehrte, Jeder Schüler ist entflohen, der sein weises Wort einst hörte. Wer sein eigen Kind nicht schonet, kann nicht Menschenlieb' empfinden, Wer die Liebe nicht verstanden, darf nicht Gottes Wort verkünden. _ —F.—