Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1867)
- Date
- 1867-01-29
- Page
- Seite 95 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226581-3226587--24637-3260102- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
95 brachte amerikanische Correspondenz, in welcher die Klage ausgesprochen wird, daß sich unter den nicht hierher berufenen, sondern aus freiem Antriebe aus Deutschland hergekommenen jüdischen Lehrern, Chasanim, Predigern und Rabbinern viele unlautre und unfähige Subjekte befinden, die dem amerikanischen Judenthum weder zur Zierde noch zum Nutzen gereichen, und schließlich die hiesigen Gemeinden zu genauster Prüfung der mitgebrachten Zeugnisse gemahnt werden, hat den Unwillen eines hiesigen jüdischen Blattes erregt, welches es tadelnswerth findet, daß jener Correspondent „diesen, einen Theil der amerikanischen Gemeinden nicht ehrenden, ja beschimpfenden Artikel in einem deutschen Blatte veröffentlicht, um eine Warnung an die hiesigen Gemeinden gehen zu lassen, wobei Deutschland unsre traurigen Zustände und unsre Schande erfährt." Dieses geschätzte Blatt hat aber in seinem Eifer für die Ehre der amerikanischen Gemeinden, wie ich glaube, den eigentlichen Zweck jener Correspondenz ganz übersehen, der wohl nicht nur war, die hiesigen Gemeinden zur Vorsicht zu mahnen, sondern auch die auswanderungslusügen Charlatane zu warnen, daß sie nicht allzusehr auf die Unwissenheit der hiesigen Juden speculiren dürfen. Denn wenn es auch bei dem geringen Bildungsgrade mancher Gemeinden hin und wieder einem solchen Charlatan gelingt, durch Humbug auf einige Zeit in eine Stellung und zu einem gewissen Ansehen zu gelangen, so gibt es unter der ungebildeten Masse doch immer Einsichtige genug, welche bald den Humbug durchschauen und die Spreu vom Korne zu unterscheiden wissen. Von verschiedenen Seiten ist in der letzten Zeit hier die Errichtung von höheren jüdischen Lehranstalten in Anregung gebracht worden. Ein theologisches Seminar ist von der Tempelgemeinde Jmanu-El gegründet worden, ohne jedoch schon recht ins Leben getreten zu sein. Es besteht zu diesem Zweck innerhalb dieser Gemeinde eine Gesellschaft, welche bereits über 200, Mitglieder zählt. Vorläufig besuchen 2 junge Leute auf Kosten der Gesellschaft ein College, während sie den theologischen Unterricht privatim bei vr. Adler genießen. Um der im Werden begriffenen Anstalt mehr Ausdehnung zu geben, sollen nunmehr anch andre gleichgesinnte Gemeinden zur Theilnahme aufgesordert werden. Damit aber dem Institute für jetzt die reformistische Richtung gesichert werde, soll in die Statuten der Gesellschaft die Besttmmung ausgenommen werden, daß im Vorstande nur Mitglieder solcher Gemeinden sein dürfen, welche aus ihrem Gottesdienste alle Gebete um Wiederherstellung des Opfercultus und um die Ankunft eines persönlichen Messias gestrichen haben. Die Gründung eines jüdischen College (an American jewish university) ist neuerdings sehr kräftig von dem „unabhängigen Orden der B’ne Brith“ in Anregung gebracht worden. Bekanntlich besteht hier seit einigen und zwanzig Jahren ein solcher Orden unter unseren Glaubensgenossen, welcher außer dem Zwecke der Wohlthätigkeit, nämlich Unterstützung von Armen, Kranken, Wittwen und Waisen, auch die Consolidirung und geistige und sittliche Hebung der amerikanischen Juden zur Aufgabe hat. Der Orden zählt in allen Theilen der Vereinigten Staaten gegenwärtig über 80 Logen mit 7 bis 8000 Mitgliedern. Der zeitige Grand Saar (Großlogenmeisteri des Ordens, ein Mr. Benjamin Peixotto, hat unlängst ein Rundschreiben an sämmtliche Logen gerichtet, worin er mit begeisterten Worten sich über die Notwendigkeit eines solchen vom ganzen Orden zu gründenden Lehrinstitutes ausspricht. Aus dem ziemlich umfangreichen englischen Circulair hebe ich hier folgende Stelle heraus, welche die eigentliche Tendenz eines solchen Instituts bezeichnet. „Wie steht es gegenwärtig in Israel? Die Antwort ist nicht erfreulich und ermuthigend. — Unsre Kinder wachsen auf in Unwissenheit über die großen Wahrheiten des Judenthums, über seine glorwürdige Geschichte, seine kostbare Literatur und seine erhabene Mission. Was fehlt uns? Es fehlt uns an geeigneten Lehrern, Predigern und Schriften. Wir haben es mit der gegenwärtigen Generation zu thun, mit der Jugend im heutigen Amerika, welche größtentheils, wenn nicht ganz und gar in den öffentlichen Schulen des Landes erzogen, keine andere als die Landessprache hat, in der sie zu lesen, zu denken und zu sprechen im Stande ist. — Uns fehlt eine höhere amerikanischjüdische Lehranstalt; ein Institut, in welches jüdische Knaben, nachdem sie ihre ersten Jahre in den öffentlichen Schulen des Landes zugebracht, wo sie die Ideen der Freiheit und Gleichheit eingesogen und sich die Elementarkenntnisse für das sociale Leben mit den anderen Landeskindern angeeignet, als Schüler ausgenommen werden um für eine bessimmte Lebensstellung oder einen Beruf ausgebildet zu werden, aber ausgebildet unter dem Einfluß des Judenthums. Aus ihrer Mitte werden, wie zu erwarten steht, auch Solche hervorgehen,