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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-01-29 · Heft 5 (29.1.1867) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 5 (29.1.1867)
Date
1867-01-29
Page
Seite 90 (sequence 10)
Language
German
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90 Abgeordnete Wagener ferner sagt, er müsse einen Richter vor sich haben, von welchem er sagen könne: Dieser Richter, welcher mir den Eid ab nimmt, erkennt auch die Wahrheit meines Glaubensbekenntnisses vollständig an, so gebe ich gern zu, daß der Jude dies nicht könne. Aber welche Ueberzeugung hat er denn und wie weiß er denn, daß alle christlichen Richter seine Ueberzeugung theilen. Hat er denn gar nichts erfahren von dem Zweifel, ob wohl der große König, in welchem wir uüd wahrlich mit vollem Rechte unseren ersten Helden und Fürsten verehren, auch alle Dogmen anerkannte? Ich glaube, man hat ihn gerade einer nichtchristlichen Gesinnung beschuldigt. Ob mit Recht, mag dahin gestellt bleiben. Nun, meine Herren, in meinem langen Leben habe ich genug Gelegenheit gehabt, mit meinen christlichen Mitbürgern auch derartige Fragen zu besprechen. O! wie verschieden sind da die dogmatischen Auffassungen. Wie kommt denn Herr Abgeordneter Wagener dazu, weil er ein geborener, ein Anderer, ein durch Wasser getaufter Christ geworden ist,*) ohne Weiteres iunerhalb des Christenthums Alles für heilig und unanfechtbar erklären zu können, was er selbst dafür hält. Ich meine also, der Herr Abgeordnete Wagener würde, wenn er ein solches Verlangen stellen wollte, nicht blos zu fragen haben, wie denkt der Jude darüber, sondern er müßte bei jedem einzelnen Richter fragen, wie denkt denn der darüber? Will er im Voraus Herz und Nieren geprüft wissen, dann begehrt er eine gewisse Art von Glaubens-Inquisition. Glaubt er eine solche einführen zu können, so zweifle ich doch in etwas daran." Heber den weiteren Verlauf haben wir bereits genügend berichtet. Wie Petition an das norddeutsche Parlament. Folgende Gemeinden haben uns wieder ihre Vollmachten eingesandt: Alt-Strelitz, Fürstenberg, Neu-Strelitz, Mirow, Neu-Brandenburg, Dessau, Ballenstädt, Nienburg a. d. Saale, Wulfen, Sandersleben, Hadmersleben, Hoym, Coswig, Radegast, Jeßnitz, Bückeburg. Es ist nunmehr unsere Absicht, die an das Parla¬ *) In einer späteren „persönlichen Bemerkung" erklärt der Redner, daß er hierunter „getaufte Juden" versteht. ment gerichtete Petition mit einer Denkschrift zu begleiten, in welcher zur Erläuterung jenes Passus in der Petition über die Beschränkungen und Ausnahmegesetze, welchen die Bekenner des Judenthumes in mehreren Staaten des norddeutschen Bundes noch unterworfen sind, diese Beschränkungen und Ausschließungen aus den verschiedenen Ländern dargestellt werden. Wir haben uns zu diesem Zwecke die Mitwirkung vollgültiger Autoritäten erbeten. Wir werden diese Denkschrift später in diesen Blättern veröffentlichen. Polemisches. n. Die neuen Romanciers und die Juden. Von Rabb. Dr. Buchholz in Mark. Friedland. Sie haben, geehrter Herr Redakteur, bereits früher einmal auf die neue Phase aufmerksam gemacht, in welche das Rischut in unseren Tagen getreten ist. Die Blutanklagen und Scheiterhaufen, der gelbe Fleck im Kleide und die Judensteuer mußten verschwinden vor der Aufklärung und Bildung der Zeit. Allein sonderbar genug, gerade diejenigen, die dazu berufen sind, oder doch sich berufen glauben, Aufklärung und Bildung zu verbreiten, die Schriftsteller und insbesondere die Verfasser von Romanen haben es übernommen, dafür zu sorgen, daß der Judenhaß nicht aussterbe, daß vielmehr die Verachtung und Geringschätzung derselben in den Augen der Andersgläubigen sorgsam gehegt und gepflegt werde. Wir haben es heute ganz besonders mit den Romanschriftstellern zu thun. Diese Charakter-, Historien- und Genremaler mit der Feder betrachten den Juden gleichsam als pikantes Gewürz, mit welchem sie ihre Produkte recht schmackhaft und anziehend zu machen versuchen. Darum kommt es ihnen nicht darauf an, der Wahrheit und Wirklichkeit entsprechende jüdische Charaktere zu zeichnen, wogegen gewiß Niemand Etwas einwenden würde. Denn da die Juden heutzutage einen Theil der Gesellschaft ausmachen, so müsien sie es sich wohl gefallen lassen, in Bildern derselben zu figuriren. Allein sie haben auch das Recht zu fordern, daß die Herren Maler Charaktere und nicht nur Carrikaturen zeichnen, daß nicht blos ihre, Schattenseiten, sondern ihre ganze, volle Figur in das Gemälde anfgenommen werde. Und sie müssen über dieses ihr Recht um so sorgfältiger wachen und

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