Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1867)
- Date
- 1867-01-22
- Page
- Seite 79 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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hinzu, und werde keines hinzufügen, wenn Ihr gesprochen. ..." Lautlose Stille herrschte unter den Anwesenden. Da trat ein bejahrter Mann, Hirschel genannt, einfach in seiner Weise und ohne besonderes Ansehen in der Gemeinde, hervor und sprach mit ruhigem Tone: „Rabbi, Ihr kennt uns alle, und wisset im Voraus, was wir auf Eure Frage antworten werden. Hier ist Keiner unter diesen Männern, der nicht fest entschlossen wäre, sein Leben durch nichts zu erkaufen, womit er unserer heiligen Religion zu nahe träte. Was man uns auch von drüben sage: alles, was unsere Augen um uns sehen, lehrt uns: daß wir von dem Wege des einzigen Gottes abweichen, uns des Todes würdig machen würden, sollten wir dem Verlangen unserer Feinde weichen. Wir wollen keine Richter sein über den Glauben anderer, wir aber müssen sterben in der Heiligung Seines Namens, in der Verkündigung, daß Er einig und einzig ist." Der Mann hatte seine Stimme immer lauter erhoben, und aus seinen sonst so ruhigen Augen flammte es wie Blitze der Begeisterung auf. Kaum hatte er geendet, so riefen alle Anwesenden wie aus einem Munde: „Ja, ja, das wollen wir, das werden wir! Lieber den Tod als die Taufe! Nichts da mit Trier, sie werden es bereuen, sie werden untergehen!" Alle drängten sich heran, und drückten dem greisen Rabbi die Hand, als wenn es schon jetzt gälte, für den Glauben iu den Tod zu gehen. Da erschien Meschullam in der Thüre des Saales. Es war ein stattlicher Mann, der kaum die Dreißig überschritten, seine Haltung war etwas feierlich, sein Gang fest, seine Geberden edel. Die Bescheidenheit seines Vaters schien in ihm dem Bewußtsein der ererbten und erworbenen Stellung gewichen zu sein. Die Augen der Versammelten richteten sich sofort auf ihn; er aber schritt zu dem Sitze seines Vaters hin. Man machte dem Kämmerer Platz, um ihn zu dein Sitze seines Vaters gelangen zu lassen, vor welchem er sich ehrerbietig verbeugte. „Was bringst Du für Nachrichten, mein Sohn?" Bei diesen Worten blickte aber der Greis seinen Sohn in eigenthümlicher Weise an, als ob er ihm zu bedenken gäbe, was er vor den Versammelten aussprechen könne und was er verschweigen müsse. Meschullam richtete sich auf, und stellte sich so, daß er sowohl zu seinem Vater, wie zu den Anwesenden zu sprechen schien und begann: „Es ist mancherlei Kunde, die ich zu bringen habe; mögen die hier versammelten Freunde Allem, was ich sage, ihre Aufmerksamkeit schenken: es geht alle an. Nachdem über das Anrücken der Kreuzfahrer, sowie über ihre feindselige Absicht gegen uns ein Zweifel nicht mehr obwalten konnte, wandte ich mich zuerst an den versammelten Rath der Stadt Speyer. Ich machte ihn aufmerksam auf das friedliche Verhältnis, das zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung dieser Stadt immer geherrscht, auf die treue Aushülfe, die sie sich stets gegenseitig geleistet, auf den Schutz, den die Stadt uns schulde. Ich gab ihm zu bedenken, daß eine Ausplünderung der Juden auch der Stadt großen Schaden bringen würde, die Anwesenheit des wüsten, aufgeregten Gesindels auch für die Christenstadt mit Gefahren verbunden sein könnte, besonders wenn der Pöbel, an dem es doch auch hier nicht fehle, gemeinschaftliche Sache mit ihm mache. Ich forderte daher den Rath auf, die Stadt dem wilden Haufen zu verschließen und den Eingang zu verwehren. Hierin aber fand ich kein Gehör; Niemand sprach dafür. Sie könnten, meinten sie, einer christlichen Wallfahrt die Stadt nicht verschließen; das hieße ihnen die Kirche versagen, in der sie ihre Andacht zu üben kämen, und Brod und Speise, deren sie bedürften. Dazu wäre das Werk zu heilig, dem die Männer des Kreuzes sich gewidmet. Es wären Christen, welche die Vergebung ihrer begangenen und ihrer zukünftigen Sünden dnrch die Annahme des Kreuzes erlangt hätten, und über solche könnte die Stadt Speyer nicht den Bann aussprechen, ohne eine allgemeine Entrüstung hervorzurufen. Zu besonderem Schutze sei die Stadt den Juden nicht verpflichtet, da diese nicht zu ihr, sondern allein zum Kaiser im Rechtsverhältniß ständen. Der Rath verbürge sich, daß kein Einwohner der Stadt Hand an die Juden legen würde, mehr aber vermöge er nicht." Ein Gemurmel des Unwillens erhob sich in der Versammlung; es wurden sogar Scheltworte und Drohungen gegen den Rath und einzelne Mitglieder desselben laut — aber schnell ward es wieder still, als Meschullam von Neuem anhob. „Kummer und Sorge im Herzen, eilte ich zum Bischof. Es ist ein wahrer Gottesmann, Freunde, und wahrlich, wären alle Christen so, oder nur alle Lehrer des christlichen Glaubens, das Reich Gottes wäre längst angebrochen auf Erden! Er empfing mich gütig, tröstete und beruhigte mich, und versprach mir alle Hülfe, die in seiner Macht stände. Er ließ sofort den Vogt der kaiserlichen Burg, Ritter Georg von Halm, rufen, um mit diesem die besten Schutzmittel für uns zu berathen. Leider, wißt Ihr, daß weder dem Bischof noch dem Vogte irgend eine bedeutende Macht zu Gebote steht. Die Stadt, eifersüchtig auf ihre Privilegien, tritt dem Bischof in jeder Verstärkung seiner Herrschaft entgegen, und der Kaiser hat alle seine Streitkräfte zu seinem Zuge nach Italien berufen. Unsere Verteidigung wird hauptsächlich unsere eigene Sache sein . . ." Diese mit lauter Stimme ausgesprochenen Worte machten einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer. Es blieb alles still, außer daß hier und da ein schwerer Seufzer aus einem geängstigten Herzen hörbar ward, das in der Selbstverteidigung keinen genügenden Schutz gegen die wilden Horden vermutete. (Fortsetzung folgt.)